Ist das Ruhrgebiet und damit auch Duisburg schon abgehängt?

Mit dieser Frage habe ich mich bereits seit mehreren Jahren intensiv beschäftigt, gerade auch weil ich immer wieder vor Publikum, vielfach Unternehmer oder Unternehmervertreter darüber spreche und als gebürtiger Mülheimer quasi mittendrin groß wurde.

Vor kurzem gab es erneut so einen Vortragszyklus. Anwesend waren auch Gäste aus dem Ausland. Dabei ging es um Themen wie Einzelhandel & Shopping und eben auch um Zukunftsregionen. Das Ruhrgebiet steht dabei besonders im Fokus, weil hier alte Industrien zunehmend verschwinden und „neue“ noch nicht richtig sichtbar sind.

Unser xtranews-Projekt www.futurecityduisburg.de ist ja auch ein Zeichen für zunehmende Bemühungen. Dennoch liegt über dem Ruhrgebiet und damit auch über Duisburg, das sich am Kreuzpunkt von Ruhrgebiet und Rheinland befindet und noch nicht weiß wohin es gehört – oder sogar was Eigenes darstellt, eine Art Mehltau und Stillstand – ohne jede bemerkbare Aufbruchstimmung.

Es ist ein „Neues Duisburg“ nötig, mit Zukunftsindustrie, -handel und -handwerk. Noch herrscht vielfach Stillstand und Zweckoptimismus. Doch ein „weiter so“ wird nicht mehr reichen. Zukunftsarbeitsplätze müssen her. Bild: pixabay.com

Grundsätzlich geht es um Zukunftseinschätzungen und -trends und bei den diversen Vorträgen wurden zahlreiche markante Tendenzen deutlich. Über diese gibt es unisono Einigkeit und Konsens, was aber öffentlich weniger direkt und deutlich geäußert wird.

Das Ruhrgebiet zwischen Dortmund und Duisburg ist im Niedergang begriffen, gekennzeichnet u.a. durch fehlende Jobs und Abwanderung in Zukunftsindustrie-Regionen, durch sinkende Kaufkraft, hohe Migrationsdichte und Miss-Integration was Ghettoisierung, NoGoAreas, politische Radikalisierung und steigende Kriminalität zur Folge hat.
Es gibt keine Ruhrgebietsstadt von wirklich überzeugender und überregionaler Bedeutung. Und es gibt keine Stadt, die eine klare Bedeutung hat – vielleicht Essen als Einkaufsstadt, aber auch das wird von Essen selbst zunehmend und ganz aktuell in Frage gestellt. Vier Städte gelten als „rettbar“ das sind Dortmund, Essen, Duisburg, Bochum.
Die anderen Städte verlieren an diese vier Städte oder an den Süden (Rheinland, Rhein-Main, Bayern, BW).
Die Idee der Metropole Ruhr ging und geht bisher nicht auf, wohl wegen der “Kleinstädterei”, dagegen gewinnt die Idee “RheinRuhr” wieder an Bedeutung, z.B. durch den Rhein-Ruhr-Express ab 2018, was aber eher dem Rheinland Aufmerksamkeit, Arbeitnehmer, Neuansiedlungen und Einwohner zuführen wird. Wachsende Metropolen sind Düsseldorf und Köln. Bonn wird auch profitieren, auch wegen seiner Vorgeschichte als ehemalige Hauptstadt und der Nähe zum Flughafen Köln/Bonn. Die Wohn-Konzentration in allen Ruhrgebiets-Innenstädten wird zunehmen, auch weil der Leerstand die Immobilieneigentümer zum Umdenken zwingen wird. Es sei denn mit Leerstand kann man Steuern sparen.

Das Ruhrgebiet konnte die Lücken industrieller Abwanderung bisher nicht wettmachen. Niemand kommt wegen kultureller Angebote und klassische Industrie und Handel als primäre Wirtschaftsstandort-Faktoren „ziehen“ nicht mehr. Wichtiger sind zukunfsträchtige Unternehmen und Startups aus neuen Industriezweigen mit ihren Zulieferern und Dienstleistern. Diese sind aber in zu geringer Zahl vorhanden. Die Städte selbst sind auch wenig attraktiv, da sie nicht viel außergewöhnliches anzubieten haben bei Design, Kunst & Kultur, Architektur usw.
Die Laden-Leerstände in den Ruhr-Städten sind jetzt schon äußerst hoch und werden weiter ansteigen. Nur echte 1A-Lagen sind noch an den Einzelhandel vermietbar. Städte, denen im Ruhrgebiet noch etwas zugetraut wird, sind Essen und Dortmund, vielleicht noch Duisburg und eventuell auch noch Bochum.
Der Filialisierungsgrad in den Cities hat teilweise schon 70% und mehr erreicht. Tendenz weiter steigend. Das macht die Innenstädte uniform und austauschbar. Selbst in Einkaufszentren, die als gut gemanaged gelten, weil i.d.R. alle an einem Strang ziehen (Öffnungszeiten, Parkplätze etc.), gibt es Mieter, die weit unter üblichen Konditionen anmieten (können), teils keine Nebenkosten zahlen oder nur Pauschalen. Die 30% selbständigen Einzelhändler ohne Filial- oder Franchiseanbindung zahlen die Zechen.
Viele große Magnet-Filialisten können die Vermieter inzwischen fast “nötigen”, auch mit dem Argument, dann lieber gar nicht anzumieten, weil online eh besser ist. Oder man erhält großzügige Wirtschaftsförderung bei nur geringen Gegenzusagen – “Hauptsache es bewegt sich was” – Nachhaltigkeit (Dauer-Vollzeitarbeitsplätze) bleibt meist äußerst zweifelhaft.
Werbegemeinschaften und City-Marketing-Verbünde dünnen zunehmend aus. Filialisten sind so gut wie nie “echte” Mitglieder oder wenn, zahlen Sie niemals die ihrer Größe entsprechenden Mitgliedsbeiträge.
Werbe-Aktionen in den Cities verkommen oft zu bemitleidenswerten Versuchen Kunden anzulocken oder sind nur ein Mischmasch von billigem hier ein Snack, da ein Bier und noch ein wenig Haut. Hier mal ein Weinfest, da mal eine Modenschau, aber alles eher stümperhaft und ohne erkennbare Linie geschweige denn Stadtmarketing. Grund: Kein Geld, keine Bereitschaft zur Investition oder zum Mitmachen – Anzeichen der Selbstaufgabe und des Durchwurschtelns.
Internet und Digitalisierung machen dem stationären Handel schwer zu schaffen und verhindern oftmals Neuansiedlungen, da sich diese nicht mehr lohnen. Investionen in MultiChannel-Strategien (off- und online) können wegen fehlender Umsätze und Renditen nicht getätigt werden. Viele kleine und mittlere Händler haben noch nicht einmal eine funktionierende, verkaufende Webseite, geschweige denn eine smartphone-taugliche – neudeutsch: responsive.
Familiäre Geschäftsnachfolger finden sich oft nicht. Diese eröffnen lieber Online-Shops oder machen ganz was anderes.
Echtes Kundenservice-Handeln sind im klassischen Einzelhandel wenig bis gar nicht ausgeprägt, es überwiegt meistens die preisliche Verramschung bis nichts mehr geht. Sales bis 70/80/90% sind keine Seltenheit.
Die 1A-Lagen in Nebenzentren wie Oberhausen, Mülheim, Gelsenkirchen, usw. verkommen oft zu einem Sammelsurium von Billigläden, Selbstbackläden, Handyshops usw., deren Frachisenehmer wechseln wie die Staffeln beim 4x100m-Lauf.
Die Idee der Dienstleistungszukunft ist zweischneidig. Meint man damit die B2B-Dienstleister, so brauchen diese moderne industrielle Auftraggeber, nicht zuletzt aus der Stadt oder Region selbst.
B2C-Dienstleister brauchen dagegen eine entsprechend kaufkräftige Endverbraucher-Kundschaft. Diese ist jedoch im Ruhrgebiet nicht vorhanden. Menschen, die abwandern, sind meist auch die besser Gebildeten und besser Verdienenden. Ein Teufelskreis.

Lösungsideen:

  1. Ende von Kleinstädterei und Kirchtumdenken mit 53 Wirtschaftsförderungen, Konzentration auf eine zentrale Wirtschaftsförderung. Sonst wird weiter eher gegeneinander als miteinander gearbeitet.
  2. Vermarktung jeder einzelnen Stadt mit einem einzigartigen, fokussierten (Verkaufs)versprechen (USP).
  3. Technologieförderung: HighSpeed-Netz, E-Mobility und ÖPNV, neue Formen der Waren-Logistik(Untergrund- oder Schwebebahn), Bildungsförderung (besonders MINT)

Anmerkung zu 2.): Bereits vor etlichen Jahren hatte ich zum Beispiel für Mülheim den Begriff “Gesundheitsstadt – Wellness (Health)-City” vorgeschlagen. Darunter war die Konzentration aller Kräfte auf die Entwicklung zum “Gesundheitsstandort an der Ruhr” subsummiert. Die Nähe zum Airport D`dorf sollte für den Kontakt zum Ausland dienen. Einfliegen von Patienten, Gesundheits- und Wellnesstouristen.
Stattdessen wurde auf Einkaufen gesetzt, was zu dem desaströsen Ergebnis von heute geführt hat.

Ein USP, also ein klar eindeutiges Versprechen was eine Stadt zu bieten hat, soll nicht ausschließen, daß in dieser Stadt alles andere “abgeschafft” werden soll, aber der Fokus der Förderung soll sich jeweils konzentrieren. Sonst sieht`s düster aus.
Der klassische Einzelhandel z.B. der wie bisher nach dem Motto „Laden auf – Kunde kauf“ agiert, wird es in keiner Stadt noch schaffen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Ebenso die Zeiten alter Industrien die die Digitalisierung verschlafen und auch beim Arbeitgeber-Marketing nicht gerade Weltklasse sind.

Man wird – so meine persönlichen Erfahrungen- das Kirchturmdenken nicht ganz aus den Stadtspitzen „rauskriegen“. Im Prinzip ist die „egozentrische Stadtdenke“ auch gar nicht so schlecht, wenn sie zur Stärke führt: all business is local. Und es gilt jeweils die örtliche Stärke herauszuarbeiten. Der klassische Einzelhandel wird es in den wenigsten Fällen sein, wie bereits beschrieben, nur Essen traue ich das überhaupt noch zu.
Durch dieses Stadt-Marketing gäbe es bei Ansiedlungsanfragen kein Gezänk, weil klar ist, wo für Neuan- und Umsiedlungen an der Ruhr der beste Standort ist.
Das Problem des zerstrittenen jetzigen ÖPNV wird sich eventuell von selbst erledigen. Er wird Konkurrenz bekommen durch Carsharing, wahrscheinlich auch durch ganz neue Betreiber wie Uber oder auch vielleicht Amazon, warum nicht Fernbusse auch regional/lokal einsetzen auf sogenannten Hauptrouten (Dortmund-Köln).
Manche Stadt könnte in der City zur reinen Wohnstadt werden, wenn sich kein Wirtschaftsthema findet, was stark genug ist die City anziehend zu machen. Nur der nötigste Einzelhandel ist dann vorhanden. Der Rest erfolgt über Lieferdienste, die ja schon da sind: z.B. Taxen, die könnten Menschen und Waren transportieren.
Überlegen Sie mal, wie heute schon Taxen rumstehen und Leerfahrten machen. Optimale Dispatcher-Software könnte Abhilfe schaffen. Machen die Taxen das nicht mit, wird es ein anderer machen. So wie in allen anderen „Problemfällen“ auch.
Das Ruhrgebiet hat nämlich auch entscheidende Vorteile, die aber nicht wirklich vermarktet werden. Die Konzentration von vielen auf wenig Raum. Das macht eine Belieferung zwar schwierig (Stau), aber auch sehr interessant.
Jeder Händler, der liefert, kann ja rechnen: Ist es besser, 5 Mio. Menschen auf dem Land in einem riesigem Gebiet ohne Staus zu beliefern oder andersherum?
Und beachten Sie, dass hier nicht von den jetzigen Liefertechniken ausgegangen werden sollte. Vorstellbar wären z.B. Abholstationen in der U-Bahn: Die U-Bahn als Warentransportmittel! Einfach mal in die Schweiz gucken!

Zum Schluß noch etwas, wozu haben wir denn eine so gute Lage an gleich zwei Flüssen, einer Nord-Süd und einer West-Ost verlaufend? Und sind wir nicht stark in der Logistik? Warum eigentlich nicht in der Heimbelieferungslogistik?

 

Mal gucken ob einer der OB-Kandidaten irgendwas von dem Vorgenannten aufgreift, denn der nächste OB wäre ja die Gallionsfigur für ein mögliches „Neues Duisburg“.

 

 

4 thoughts on “Ist das Ruhrgebiet und damit auch Duisburg schon abgehängt?

  1. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  2. Wird das Ruhrgebiet nicht von Düsseldorf klein gehalten, damit ja niemand auf die Idee kommt die Landeshauptstadt in den größten Ballungsraum zu verlegen, wo er hingehört.

  3. Michael Schulze Di, 08 Aug 2017 at 16:36:24 -

    @ulrics
    Könnte sein, ich glaube aber eine Hauptstadtverlegungsverhinderung ins Ruhrgebiet ist weniger der Grund. Der Hauptballungsraum ist schon das RheinRuhrGebiet. Düsseldorf macht da schon Sinn.
    Nein, der wahre Grund dürfte sein, dass man besonders in den letzten Jahren erkannt hat, dass man Biotope und Reservate für die zwei Gruppen am jeweiligen Ende der Einkommenschere schaffen muß.
    Insofern ist das Rurgebiet ein Biotop und Reservat eher für die Einkommenschwachen.
    Dies ist auch Teil einer riesigen Ghettoisierung. Die Leute selbst machen aber auch mit, teils weil sie es müssen, Miethöhen, Preise etc., und teils weil sie lieber unter Ihresgleichen sind.
    Zum Vergleich im Weltmaßstab:
    Rio de Janeiro hat ca. 7-8 Mio. Bewohner, der Anteil der Bevölkerung in Favelas beträgt ca. 30%, d.h. also rund 2-3 Mio. Bewohner.
    Das RheinRuhrGebiet hat ca. 11 Mio Einwohner. Der Rest ist anteilig errechenbar.
    Das einzige was uns unterscheidet ist der noch relativ hohe Lebensstandard, doch die grundsätzliche Ghetto-Tendenz ist deutlich.
    Warten wir mal die Auswirkungen der Digitalisierung ab. Heute zu lesen: Man rechnet allein in der Autoindustrie bis 2030 mit ca. 40% Arbeitsplatzabbau. Das sind gerade mal 12 Jahre bis dahin.
    Wenn dann die „Unruhen“ beginnen, muß man klare geografische Zuordnungen haben, sonst wird man nicht mehr Herr der Lage. Zäune und Mauern sind ja die Worte des Jahres.
    Aber die braucht man dann für all die Kameras.
    Klingt irgendwie gruselig, aber spielt man die „worst cases“ mal durch und zwar mit allen Zutaten wie Altersarmut, Migration & Integration, Arbeitslosigkeit usw. dann kann einem schon Angst und Bange werden. Wenn dann noch eine Bankenkrise obendrauf kommt …

    Wie heißt es doch so schön-schaurig in einem Autowerbespot: Nichts ist unmöglich.

    Ich schätze mal die Politik von heute weiß das alles, doch die macht weiter als käme da nichts, weil es meist nur um persönliche Pfründe geht, die man noch sichern will.
    Oder haben Sie mal jemanden so reden gehört wie ich es hier geschrieben habe?
    Ja einmal einer, der hat dann gesagt: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“
    Ich formulier den Spruch mal um: „Diese Antworten würden die Bevölkerung aufklären.“

  4. Das ist der ganz, ganz große Fehler, die politische Herrscherklasse als fahrlässig handelnd anzusehen. Diese Denksperren in den Köpfen der eher linkeren Gesellschaft führen dazu, sich zu Helfershelfern derer zu machen, die man eigentlich genauso ablehnt. Ideologisch verblendet folgt man lieber einem „Wir schaffen das“, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, dass das einfach nicht zu schaffen ist. Dem Kapital kommt eine Verelendung nur zu Gute. „Eigentum verplichtet“ gehört schon längst nicht mehr zu dieser Republik.