Als ginge es nicht um Sprache

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Die kürzlich begonnene Debatte über Literaturkritik, die von Jörg Sundermeier im „BuchMarkt“ ausgelöst wurde, u.a. in „Glanz und Elend“, von Lothar Struck, Thomas Brasch und Andreas Wolf aufgegriffen wurde, bleibt an der Frage hängen, ob und in welcher Weise die Feuilletons inzwischen die aktuelle Literatur vernachlässigen.

Zunächst sei hervorgehoben, dass Sundermeiers Verbrecher Verlag zu den unabhängigen Kleinverlagen gehört, deren Bücher von der Kritik grundsätzlich anders behandelt werden. Eine Beschäftigung mit Erich Mühsam, um ein Projekt des Verbrecher Verlages anzuführen, oder die Recherche im Hinblick auf Literaturzeitschriften, um auch ein ehemaliges Projekt aus meinem Kleinverlag, dem AutorenVerlag Matern zu erwähnen, interessieren eher als aktuelle Theorie und Belletristik. Konkret: Grabungintensive Tätigkeiten, die offensichtlich eine Nische eröffenen, finden eher Resonanz, als zeitgenössische Alternativen auf dem breiten Markt der aktuellen Literatur.

Für Literatur haben traditionell die renommierten Verlage einzustehen, die sich in der inzwischen verstärkten Medienkonkurrenz auch gegen Games, Fernseh-Kochshows und Youtube-Angeboten behaupten müssen. Kritiker wie Mangold (ZEIT) vertrauen auf deren Auswahlen, die von Feuilletons ohnehin kaum zu bewältigen sind. Sie müssen zusätzlich selektieren, wie er dem Literaturcafe gegenüber eingestand. Dass die vielfältigen Angebote aus Kleinverlagen zumeist herausfallen, ist aus pragmatischer Sicht verständlich, zumindest solange keine speziellen Rubriken oder Blogs eröffnet werden, die sich auf Kritiken von Literatur aus Kleinverlagen konzentrieren.

Auf dem Selfpublisher-Markt, der im großen Umfang Genre-Literatur produziert, haben sich unlängst Blogs von Lesern gebildet, die sich auf eine ‚Besprechung‘ dieser Sorte spezialisiert haben. Mit den herkömmlichen Mitteln der Literaturkritik ließen sich die Produkte auch kaum behandeln. Empathie reicht vollkommen aus. Die zentrale Frage heißt, ob die erzählten Geschichten, Figuren, Handlungen ein Gefallen finden. Letztlich genügen Anzahlen von Sternchen, um ‚Qualität‘ oder ein Missfallen kenntlich zu machen. Es werden durchaus Gründe geliefert. Sie ähneln jedoch solchen, mit denen über Seifenopern in Nahverkehrsmitteln getratscht wird. Dies ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern der speziellen Literatur angemessen.

Demgegenüber sind viele Kleinverlage praktisch gesichtslos, obgleich es wichtig wäre, sowohl gegenüber den renommierten Mittelständlern und Konzernen, als auch gegenüber den Selfpublishern jeweils ein Profil zu entwickeln. Wenn online z.B. beim Verbrecher Verlag zu lesen ist, „Das Programm ist breit gefächert“, dann assoziiert vielleicht mancher einen übriggebliebenen Gemischtwarenladen von Oma Erna. Es ließen sich viele weitere Kundgaben von Kleinverlagen auflisten, die derselben oder einer ähnlichen Tendenz unterliegen. In diesem Kontext ist besonders das Engagement von minimore.de zu begrüßen, mit dem Angebote von Kleinverlagen gebündelt online präsentiert werden, damit sie nicht im Markt untergehen. Verlagsprofile kann ein solcher Händler jedoch nicht ersetzen.

Sundermeiers Kritik habe ich begrüßt und als „Vorstoß“ interpretiert, auf Facebook, wo das Interview viele Runden machte. Objektive Bewertungkriterien von Literatur sah und sehe ich allerdings nicht: „Bereits Hinweise darauf, was zur Beantwortung überhaupt zu berücksichtigen wäre, würden unterschiedlich ausfallen“, hatte ich in einer Diskussion bei Jan Drees geschrieben. Es macht einen Unterschied aus, ob eine Kritik von Anhängern des verstaubten sozialen Realismus erfolgt, eine Richtung, die letztlich die Umgangssprache heiligt, oder aus Derridas modisch gewordener Dekonstruktion vollzogen wird, die aufgrund der zeichentheoretischen Voraussetzungen keine Bezüge erlaubt, nicht einmal auf Texte. Und die Sprachauffassungen der Autoren, wären die gar nicht zu berücksichtigen, falls sie welche haben?

Mich ärgert am aktuellen Literaturbetrieb vor allem die mangelhafte Sprachkritik, generell der mangelhafte Umgang mit Sprache, in allen Lagern. Von einer Verzweiflung der Ingeborg Bachmann (Poetik-Vorlesungen), um ein Beispiel zu wählen, ist heute kaum mehr etwas zu spüren: Fast jeder plappert drauf los. Dabei handelt es sich um das zentrale Material! Ein bisschen nachfrageorientierte Stilkunde reicht bereits aus, um die Buchstabensuppe bedarfsgerecht anzurühren. Von Kunst kaum eine Spur. Literatur ist vielerorts zur Dienstleistung verkommen.

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Der Beitrag entstand für die Ruhrbarone.

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