Ist das Ruhrgebiet kreativfeindlich?

Gabriel von Max – Affen als Kunstrichter

Einheimische Kulturschaffende fühlen sich seit Jahrzehnten im Ruhrgebiet wenig heimisch. Die Kommunen haben bereits Schwierigkeiten, die eigenen, zumeist biederen Einrichtungen zu erhalten, und eine Reihe von Festivals haben mit der Region kaum etwas zu tun, dienen primär als Tourismusattraktion, präsentieren wie das Klavier-Festival oder die Ruhrtriennale internationale Stars, wie andere Metropolen auch. Kreativität, die aus der Region erwächst, davon ist offenbar wenig zu halten.

Um nicht vorab in die Mühlen der Umgangs- oder gar der Wirtschaftssprache zu geraten, verweise ich auf einige Anmerkungen von Ernst Hany (Universität Erfurt): “Um kreativ zu sein, muss ein Mensch eine ausgeprägte Lust am Neuen haben, er muss unbekümmert und selbstbewusst sein.“ Diese psychologische Orientierung ist für einen Ausgang weitaus geeigneter, als wirtschaftlich katalogisierte Branchen zu berücksichtigen, ebenfalls passender als lediglich richtige Metropolen nachzuahmen.

Doch eine ‘Lust am Neuen’ reicht nicht aus, allenfalls für Interessierte: Um Kreativität entfalten zu können, ist Bildung erforderlich, darüberhinaus ist Arbeit zu leisten: “Wer etwas Neues erschaffen möchte, der muss auch etwas dafür tun. Er sollte wirksame Denkstrategien erlernen, zum Beispiel die Fähigkeit, Dinge neu zu kombinieren. Zudem braucht er auf seinem Gebiet ein möglichst umfassendes Wissen. Auch muss die Umwelt förderlich sein”. Die Sache mit der ‘Denkstrategie’ liest sich etwas sonderbar, als ginge es darum, dumpfen Hirnen auf die Sprünge zu helfen. Berücksichtigt man, dass Ernst Hanys Fachgebiet die ‘pädagogisch-psychologische Diagnostik’ ist, lässt sich sein Hinweis leichter einordnen. Für geisteswissenschaftlich Interessierte sei auf “De Nostri Temporis Studiorum Ratione” von Gian Battista Vico verwiesen, auch wenn Vico Kreativität leider gegen Analyse (Descartes) ausspielt. Hanys letzter Hinweis bezieht sich auf die soziale Umwelt, auf die Frage, ob eine Entfaltung von Kreativität überhaupt gewünscht ist und gefördert wird. Im vorliegenden Fall betrifft diese Frage die Kommunen, Bürger und die Region.

Kaum überschätzt werden kann die Essener Folkwang-Universität der Künste! Ihre Relevanz für die Ausbildung kreativen Potentials ist in der Region ohne Konkurrenz. Mit fachlichen Einschränkungen! Musik, Theater, Tanz stehen im Zentrum. Bildende Kunst wird im Rheinland, in Düsseldorf gelehrt. Literatur ist regional hingegen weitgehend unbekannt; dagegen kann auch das Literaturbüro Ruhr in Gladbeck wenig ausrichten.

Sprache:
ein Reiz,
der partout nicht zu Kopf steigt?

wie Mark Ammern formulierte. Neues in der Literatur? Haben wir nicht längst Sprache? Was soll denn das?

Doch die Absolventen der Folkwang finden in der Region kaum Möglichkeiten, die dort empfangenen Impulse auszuleben. Das Ruhrgebiet ist kein Raum der Künste! Mir ist bewusst, dass im Ruhrgebiet Kunst und Kreativität nicht zusammengehören müssen. Museumsreif, kassenträchtig oder schrebergartenhaft reichen völlig aus! Auf diese Art kann jedoch kein künstlerisches Profil der Region entstehen, lediglich eines, das Abgestandenheit bzw. Einnahmen garantiert. Wie aber brächte man eine ‘Lust auf Neues’ im Ruhrgebiet unters Volk? Gar nicht?! Reicht es Ruhrgebietlern aus, in einem, ja sogar in einem ‘schönen’, wie ich mehrfach hörte, Jammertal zu sitzen?!

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Der Beitrag ist für die Ruhrbarone entstanden

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