Kultur ist was für den Müll

Wikimedia

Es hatte sich lange angekündigt. Ich warte bereits auf die städtische Kulturtonne, vielleicht in zartrosa oder knatschorange, für all den Life Style, den Kultur noch zu bieten hat. Doch ob es im Hinterhof, wo die Tonne ihren Platz einzunehmen hätte, auszuhalten sein wird, wenn das gesammelte Zeug über die Woche im Sommer zu modern beginnt?

Während es an der Universität Duisburg Essen, im Rahmen der Duisburger Akzente, zu einer Talk Show kam, über Stadtleben und Kultur, traditionell an Architektur, Oper usw. ausgerichtet, ist an dieser Uni unlängst eine Kulturwissenschaft entstanden, die mit bürgerlichen Kulturbegriffen nichts mehr zu tun hat: ‘Kultur’ umfasst alles vom Menschen gemachte. Und da diese Ausrichtung Zivilisationen, Barbarei und mehr umfasst, sogar eine Differenzierung zur übrigen Tierwelt allenfalls willkürlich gezogen werden kann, was sollte man von einer solchen Vokabel halten: Egal egal? Nimm, was dir gefällt! – Ab in den Müll!

Dass sich ein gesellschaftlicher sprachlicher Wandel vollzogen hat, ist unverkennbar geworden. Die Kulturressorts der Zeitungen und Magazine beschäftigen sich primär mit Life-Style-Produkten, bei der GEMA sind Komponisten längst zweitrangig geworden, im Verhältnis zu Club-Animateuren, den DJs. Und umgangssprachlich hat ‘Kultur’ ein, wie ich in einem anderen Kontext hervorhob (eBook: Zweifel an der Kultur, AutorenVerlag Matern, ePub / Kindle KF8) babylonisches Niveau erlangt, das sachgemäß überhaupt nicht mehr sprechen, geschweige denn verstehen lässt, mich deshalb zu historischen Fragen führte, die ich hier aber nicht ausführen will. –

Ökonomisch motivierte Hilfskonstrukte wie ‘kreative Klasse’, die in jener Talk Show angeführt wurden, lassen grundlegende Differenzierungen wie Angebots- und Nachfrageorientierung fallen, letztlich zugunsten von nachgefragtem Life Style. Und staatliche Ressortverteilungen waren an die Ausbildung und Pflege eigener bürgerlicher Institute gebunden. Der durch verringerte Mittel entstandene Zugzwang, auch in der staatlichen Kultur auf Erfolg, nicht auf die jeweilige Sache zu setzen, hat tendenziell zugenommen, doch eine Ausrichtung auf Life Style ist durchaus nicht neu: Wie ließe sich die bereits lange dauernde Vorliebe für Mozart und Verdi an Opernhäusern anders interpretieren, denn als Life Style, freilich als bürgerlichen, mit unverkennbarer Pose und kulturesoterisch angehaucht! Neues in der Musik? Ach geh mir weg, ist im Pott zu hören, Musik ist, was ich auf dem Klo pfeifen kann!

Kultur hat ausgedient. Man wird konkreter sprechen müssen, z.B. über Künste und deren weitere Entwicklung, über Autonomie und Angemessenheit, politisch darüber, ob Künsten überhaupt noch ein Platz eingeräumt wird, zumindest am Rand der Gesellschaft, auch und gerade im Ruhrgebiet. Profil können Städte durch Life Style nicht erlangen, den gibt es allerorten. Ob Papageno in rotem Lederkostüm oder auf einer künstlichen Insel zirkushaft herumspringt, hilft keinem Standort, lediglich der Lokalpresse. Die Frage wäre, was an künstlerischen Entwicklungen im Ruhrgebiet zugelassen und gefördert wird. Zum Unglück kenne ich die Antworten vieler Dezernenten und Ratsmitglieder: sie haben bestenfalls keine Ahnung!
———————–
Der Beitrag entstand für die Ruhrbarone.

Comments are closed.