Sisyphos im Ruhrgebiet

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Im Ruhrgebiet fehlt es an strategischer Kompetenz und regionaler Reichweite. Der letzte relevante  Entwicklungsplan, Ruhr2030, ging von der Großindustrie aus und scheiterte an der Überschätzung noch vorhandener industrieller Strukturen und ihrer Attraktivität für die Ausbildung neuer Cluster.

Es gibt derzeit wenige Erfolgsprojekte, in Duisburg, um ein Beispiel anzuführen, den Hafen, der zu einem internationalen Logistikzentrum um- und ausgebaut wurde, aber viele Großprojekte, die an den lokalen Inkompetenzen und Selbstüberschätzungen gescheitert sind, bis hin zu fahrlässigem und zynischem Verhalten, das sich auch von möglichen Gefährdungen und tatsächlichen Toden wie bei der Loveparade 2010 nicht beeindrucken ließ noch lässt. Um überhaupt etwas herzeigen zu können, verweist z.B. die Duisburger Marketing-Gesellschaft auf die Tourismuserfolge, die vor allem dem Landschaftspark Nord zu verdanken sind, in dem ehemalige Montanindustrie museumshaft präpariert wurde und ausgestellt wird.

Die Musealisierung des Ruhrgebiets hatte in den Städten viele Hoffnungen geweckt, die Zeche Zollverein in Essen, um ein weiteres Beispiel anzuführen, warb und wirbt mit verblasstem Glanz und ältlicher Ästhetik. Der primär vom Land NRW finanzierte Umbau des Reviers zu einem Industriemuseum und das Engagement, die vormals zu einer Kloake verkommene Emscher zu renaturalisieren, bildeten zwar Ansätze, jedoch keine, die in direkter Weise wirtschaftlich von Belang waren. Sie stärkten den Freizeitwert, boten eine Alternative zu den früher zahlreicheren Schrebergartenidyllen, konnten jedoch nicht verhindern, dass Menschen abwanderten, weil es keine Arbeitsangebote gab. Doch fünf Millionen Menschen, wo sollten die hin: Nach Stuttgart? Nach München?

Der Ruhrbischof Oberbeck forderte in einem Interview ein neues Denken ein: „Bildlich gesprochen: Sie können nicht wie im Theater einen alten Menschen immer weiter schminken”, äußerte er gegenüber der WAZ, und bezog sich auf ein Verhalten in Politik und Kirche gleichermaßen. Doch auf was man sich stattdessen zu konzentrieren hätte, ließ er offen. Zudem war sein Bild unstimmig. Die Musealisierung eröffnete eine neue Gräberkultur! Das Ruhrgebiet ist ein industrieller Friedhof. Die Wirtschaftsförderungen der Städte haben längst begriffen, dass es primär um einen Neuaufbau gehen muss, um eine Sisyphos-Arbeit. Hier im Ruhrgebiet lässt sich der alte Mythos relativ traditionell deuten, als Strafe am Rand der Unterwelt. Sisyphoshaft ist die Arbeit, weil (a) im Ruhrgebiet Kaufkraft fehlt, (b) Wertschöpfungsketten kaum existieren. Ein Engagment z.B. in der sogenannten Kulturwirtschaft hat stets damit zu kämpfen, dass jungen Firmen hiesige Auftraggeber und Kunden fehlen.

Das wirtschaftlich mangelhafte Profil geht mit einem politisch mangelhaften einher. Grundsätzlich gäbe es unter den Städten die Möglichkeit, primär vorhandene Kompetenzen zu stärken: Für Duisburg könnte zum Beispiel in Betracht kommen, den künstlerisch wenig relevanten aber teuren Opernbetrieb (Rheinoper, gemeinsam mit Düsseldorf) einzustellen, sich stattdessen auf Ballett und Philharmoniker zu konzentrieren, und zwar im verwaisten Theater am Marientor, das als Musical-House gescheitert war. Sich auf die lokalen Stärken zu besinnen, hieße aber, von Sentimentalitäten Abschied zu nehmen, und von städtischem Kleinkleinklein. Abschied von einem lokalen Gartenzwergverhalten, das die ganz große Welt will! Es lebe Sisyphos!

 

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Der Beitrag entstand für die Ruhrbarone und ist auch beim Freitag zu finden.

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