Gepflegte Langeweile statt MUT: Das Aufmunterungsvideo für Duisburger Bürger

Leute, die einen im Fernsehen direkt angucken. Stimmen aus dem Off. Die Kamera fährt elegant vor und zurück, beobachtet die Menschen bei alltäglichen Gewohnheiten. Zuletzt fiel mir dieser Stil bei Werbefilmen für eine Versicherung auf – ebenso könnte man aber auch Autos damit verkaufen. Oder Versicherungen. Aber nicht eine Kampagne zum Thema Duisburg und Mut.

Anke Johanssen und Jens Otto haben ein Video gedreht. Eines, dass der Seele des gebeutelten Duisburgers guttun soll, eines, das zeigen möchte wie toll doch die Menschen in dieser Stadt sind, die so Kultur und anderen Kram machen. Das Ergebnis kann man bei Youtube bewundern:

Da spazieren lauter Menschen über Brücken, bauen irgendwas in irgendwelchen Büros, schauen also in die Kamera und wie beim Werbefilm um kurz vor der Tagesschau hört man aus dem Off die jeweiligen Gedanken zum Thema Mut. Oder zu berühmten Schmetterling, der mit einem Hauch seines Flügelschlags einen Orkan auslösen kann oder vielleicht sogar klickt es im Gedächtnis und man erinnert sich noch an unsägliche „Du bist Deutschland“-Kampagne. Es wäre ja nicht so schlimm, wenn man wenigstens ahnen würde wer diese Personen so sind, die da durchs Bild spazieren und irgendwelche Dinge tun. Duisburger werden den Ein oder Anderen erkennen – in erster Linie habe ich den Eindruck, dass es Ruhrorter sind, aber selbst am Ende des Videos als endlich mal die Credits der Personen angzeigt werden ist nicht immer klar aus welchem Stadtteil sie kommen. Was für die Botschaft des Videos aber auch nicht wichtig ist.

Ja, zugegeben: Die Idee an sich ist nett. Ein Image-Film für Mutige Duisburger Bürger. Für Leute, die was bewegen wollen. Spiegelneuronen-Aktivierung galore. Das wäre ja auch alles ganz nett, wenn – ja – wenn die Bildsprache nicht ein gelangweiltes Gähnen aufkommen lassen würde. Wer nicht weiß, was dieser Spot sein möchte könnte argwöhnen, dass jede Minute ein Versicherungslogo, ein Logo einer Bierbrauerei, ein Autohaus-Slogan oder ähnliches eingeblendet wird. Das ist nicht mutig und ich bezweifle, dass diese Ästhetik irgendjemanden wirklich erreicht oder dass sich die Absicht des Spots im Gedächtnis des Zuschauers längerfristig halten wird. Dazu ähnelt die Ästhetik ein wenig zu sehr den schon erwähnten Reklamespots – und ein mutige Video zum Thema würde sicherlich mit Konventionen brechen, eine Bildsprache entwickeln die anders und neu ist oder zumindest ansatzweise versuchen aus einer ansprechenden Idee einen neuen Spin zu gewinnen. Ja, dieser Spot soll Millionen erreichen, aber muss er deswegen so glattgebügelt daherkommen?

Wir sind hier doch nicht in Düsseldorf, wir sind in Duisburg. Ein bißchen mehr der schnodderig-liebenswerten Ruhrpottschnauze hätte nicht schaden können, das kann man auch ohne in Klischees zu verfallen wunderbar einbauen – gerade der Pott und Duisburg bieten so viele Ansatzpunkte für gutgemachte, witzige und unkonventionelle Werbemittel – hat mal jemand die Postkarten von Onkel Stereo letztens gesehen? Den Slogan „Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen“ zu machen und darunter sinngemäß „Willkommen in Duisburg“ zu schreiben – das ist mutig. Das kommt dem eigentlichen Image der Stadt doch viel näher als elegante-inszenierte theatralische Werbeclips mit der Botschaft „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst und alles wird gut, ehrlich jetzt du.“

Das Engagement der beiden Mitglieder der Anke-Johannsen-Band und das der Mitwirkenden in allen Ehren, ich finde es auch generell gut – aber mutig ist leider anders. Und falls jemand nach dem Anschauen des Spots eine Klavierklimpermusikuntermalungsphobie haben sollte: Willkommen im Club! Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht. Wußte schon so ähnlich Erich Kästner…

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