Sigmar Gabriel in Duisburg: „Verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen“

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Sigmar Gabriel – Foto Thomas Rodenbücher

Am Freitag hatte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel Duisburg besucht. Es ging um den Zuzug der Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien und um dessen Folgen für die Kommunen. Gabriel sah sich in Bergheim das Hochhaus in den Peschen an und machte einen Spaziergang durch Hochfeld. In der Alten Feuerwache fand eine SPD-Fachkonferenz statt, an der neben einigen Revier-Oberbürgermeistern auch NRW-Innenminister Ralf Jäger und die Wahlkreisabgeordnete Bärbel Bas teilnahmen. Heraus kam dabei die Forderung nach einem Sofortprogramm für die betroffenen Kommunen in zweistelliger Millionenhöhe, das allerdings nicht nur ein „Betonprogramm“ zur Instandsetzung von Wohnungen oder Straßenzügen sein dürfe, sondern auch Sozialarbeit, Integrationskonzepte für die Neubürger, insbesondere für deren Kinder, aber auch Hilfen für die alteingesessenen Einwohner beinhalten müsse. Bekanntlich ist die SPD in der Opposition und Schwarz-Gelb derartigen Programmen nicht sehr aufgeschlossen. Über den Bundesrat, in dem es eine rot-grüne Mehrheit gibt, sowie über die Bund-Länder-Kommission bestünde aber die Möglichkeit, den SPD-Forderungskatalog zumindest teilweise umzusetzen.

 

Die Realisierungschancen der Forderung nach einem Sofortprogramm sollen hier jedoch nicht das Thema sein. Ein der Erörterung lohnendes Thema, gewiss. Ich bin auch sicher, dass es in Duisburg nicht aus den Augen verloren wird. Doch mich hat zunächst einmal etwas ganz Anderes am Gabriel-Besuch… – falsch: ganz anders ist es auch nicht. Es hängt hier ja, wie so oft, mal wieder alles mit allem zusammen. Sagen wir also mal: ein anderer Aspekt. Ist bei mir hängengeblieben. Hat mich sogar, wenn Sie so wollen, richtiggehend geschockt. Nämlich dieser: der SPD-Vorsitzende wird zitiert mit dem Satz „Wenn Sie einen verwahrlosten Stadtteil haben, dann haben Sie auch verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen bei den Menschen.“ Ja Junge! Da musste ich aber erst einmal tief Luft holen. Darf man das denn einfach so sagen?! Nur, weil man Sigmar Gabriel heißt? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich sehe das natürlich ganz genau so wie mein Parteivorsitzender. Ja selbstverständlich. Aber trotzdem! Das kann der doch nicht einfach so sagen. Es ist ja bekannt, auch mir bekannt, dass Sigmar Gabriel bisweilen so richtige Klöpper reinhaut. Aber so einen?! „Verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen“ – verdammt starker Tobak!

Irgendwie denke ich mir: das kann er doch nicht bringen, der Sigmar! Aber es nützt ja nichts, er hat es offenbar gebracht. Puh! Also, ehrlich gesagt: ich würde mich das nicht trauen. Echt nicht. Ich wüsste gar nicht, wie… – wissen Sie, meine Mama lebt nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Aber wenn die davon erfahren hätte, dass ich irgendjemandem, wem auch immer, seinen verwahrlosten Kopf oder seine verwahrloste Seele unter die Nase gerieben hätte oder am besten noch beides… Da hätte ich aber nicht mehr nach Hause kommen können. Sagen Sie jetzt bloß nichts gegen meine Mama! Es gibt eben Dinge, die gehören sich, und Dinge, die gehören sich nicht. Fertig! Da hatte sie recht. Da lasse ich auch nicht mit mir drüber diskutieren! Ende. Bestimmte Sachen gehen einfach nicht. „Das sagt man aber nicht“, hätte meine Mama gesagt. Und nochmal: recht hatte sie damit. Verdammt recht. Ja sicher: das Ein oder Andere, was etwa der Willhardt oder der Vüllings gesagt haben, gehört sich, wenn man länger drüber nachdenkt, genau genommen auch nicht. Klar. Und der Halle – ich glaube, meine Mama hätte den nicht einmal mehr gegrüßt. Das war damals so, gibt’s heute eigentlich nur noch im Duisburger Stadtrat und im Umfeld der Politszene.

Nun ja, das waren andere Zeiten. Da gab es aber auch schon hin und wieder „Zigeuner“, wie man damals noch sagen durfte, und meine Mama hatte auch gesagt, dass sie gar Manches, was die so gemacht hatten, echt scheiße fand. Wobei: Mama hat natürlich nicht „Scheiße“ gesagt; aber Sie wissen, was ich meine. Aber wenn da irgendjemand aus der Nachbarschaft meinte, dicke Lippe riskieren zu müssen und gegen die – wolln mal sagen – Roma hetzen zu können, dann hatte der, oder oft auch: die, aber eine Standpauke bekommen, wie ich sie höchstens ein einziges Mal… (aber diese Geschichte gehört nun wirklich nicht hierher) Trotzdem: „verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen“ wäre auch nicht gegangen. Ganz bestimmt nicht, da war sie eigen, meine Mama. Aber der Sigmar Gabriel – nun ja, er muss es ja wissen. Ich jedenfalls würde mich das wirklich nicht trauen. Wie gesagt: grundsätzlich stimme ich mit ihm ja voll und ganz überein. Er ist der Parteivorsitzende, er ist demokratisch gewählt, und – was hier die Hauptsache ist: er hat absolut Recht. Total recht, sowas von recht! Irgendwie – aber das bleibt jetzt bitte unter uns! – finde ich es sogar gut, dass er das einmal gesagt hat. Trotzdem finde ich: das kann man nicht bringen. Echt nicht.

Ich bin einfach nicht der Typ für sowas. „Verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen“ – wo kämen wir denn dahin?! Klar, so ein Parteivorsitzender, bis der sich ganz nach oben gearbeitet hat – der braucht natürlich Ellenbogen, der darf nicht immer, nur um des lieben Friedens Willen, der muss auch einmal auf den Tisch hauen können. Logisch. Ich könnte das nicht. So von meiner ganzen Art her nicht. Ich stelle mir gerade vor, ich träfe den Willhardt, der fragt: „Was gibt es?“ Und ich antworte: „Ach, ich wollte mit Ihnen nur mal so über ihren verwahrloste Kopf sprechen.“ Ich meine: das geht doch nicht. Das kann man doch nicht bringen. Das macht man einfach nicht! Oder der Vüllings. Der hat kein verwahrlostes Herz, ganz bestimmt nicht. Sollte ich ihn also ansprechen und fragen: „Hör mal, Karsten, Dein…“ – echt, Leute! Das geht einfach nicht. Das hat auch mit Traute nichts zu tun. So etwas macht man einfach nicht. Basta! Okay, bei diesem Halle wäre es etwas Anderes. Vielleicht würde ich mich sogar trauen. Oder: sogar ich mich trauen. Meine Mama würde dann aber – ich meine, wenn sie es noch mitbekommen könnte – ach Mensch! Ich darf gar nicht dran denken. Immerhin sind wir doch zivilisierte Menschen. Andererseits: wenn erst einmal die Köpfe und die Seelen verwahrlost sind…

Ich kann mir eigentlich auch gar nicht vorstellen, dass der Sigmar Gabriel dies so gemeint haben könnte. Der meinte das wahrscheinlich mehr so hypothetisch, also eventuell eher so als Hypothese. Ich meine, der hat „wenn“ gesagt. „Wenn – dann“. Also: „Wenn Sie einen verwahrlosten Stadtteil haben, dann haben Sie auch verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen bei den Menschen.“ So hat er das gesagt. Und? Haben wir etwa einen verwahrlosten Stadtteil? Ist Bergheim etwa verwahrlost? Oder vielleicht Hochfeld? Na also! Man muss immer genau hinhören, was der Parteivorsitzende sagt und wie er es sagt. Oder genau lesen, wie in diesem Fall. Die Wenn-dann-Beziehung ist hier von ganz entscheidender Bedeutung. Wenn man die nicht gebührend berücksichtigt, hier also in Sigmar Gabriels Äußerung, so wie es mir um ein Haar passiert wäre, dann, ja dann… Nicht auszudenken! Damit ist die Sache ein für allemal klargestellt: aus sozialdemokratischer Sicht sind weder Michael Willhardt noch Karsten Vüllings verwahrlost, schon allein deshalb nicht, weil weder Hochfeld noch Rheinhausen verwahrlost sind. Ende im Gelände!

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2 thoughts on “Sigmar Gabriel in Duisburg: „Verwahrloste Köpfe und verwahrloste Seelen“

  1. Es war wahrscheinlich der Versuch einen Zusammenhang zwischen der Umgebung und wie diese auf einen Menschen wirkt aufzuzeigen, allerdings scheint Gabriel hier zu steinmeiern.

  2. Herr Jurga, Sie langweilen inzwischen mit Ihren Ergüssen, die unangenehm an Gesinnungsschnüffelei erinnern. Ich kenne Herrn Vüllings nicht, stelle jedoch fest, dass er – nach dem, was ich lesen konnte -nicht schreibt, sondern praktisch aktiv wird, i Gegensatz zu Ihnen, der alles be- und verurteilt. Was steht denn hinsichtlich Aktivität auf Ihrem Zähler?