Pufendorf und … – Ein Innehalten

Cover page of Grimmelshausen's book "Simp...

Cover page of Grimmelshausen’s book „Simplicissimus“ (17th century), 2. issue 1671. (Photo credit: Wikipedia)

Pufendorfs Konzeption von Kultur und die mangelhafte Rezeption veranlasst mich, kurz innezuhalten. Seine frühaufklärerische Arbeit wurde bislang unterschätzt, kaum zur Kenntnis genommen, eventuell weil seine Schriften nur unzureichend aus dem Lateinischen übertragen wurden. Die in der jüngeren Sekundärliteratur stets wiederholte Auffassung, er habe Kultur zum ersten Mal auf Kollektive bezogen, falls er überhaupt Beachtung fand, lässt die Vermutung zu, dass das wissenschaftliche Interesse gering ist, Reproduktion im Vordergrund steht, ebenso die knappe Zeit.

Hinzukommen grobe historische Vereinfachungen, z.B. ein Geschichtsbild, das eine Abfolge von relativ leicht vermittelbaren ‘Begriffen’ seit der Neuzeit referiert und mit ‘dem normativen Kulturbegriff’ ansetzt, ‘dem Begriff’ des entstehenden und sich gegenüber Adel und Bauern durchsetzenden Bürgertums. Der Bologna-Prozess, so mein Eindruck, führt nicht nur in eine Verschulung des Wissenschaftsbetriebs, sondern geradewegs in die Verdummung!

Mit Bezug auf Pufendorf ist die Gegenüberstellung von Menschen und Tieren hervorzuheben, in der den Menschen dank ihrer Vernunft Kultur zugesprochen wird. Vernunft ist kein normativer Begriff, sondern bezieht sich auf geistige Fähigkeiten. Auch wurde Vernunft durchaus verschieden interpretiert, weshalb es ratsamer wäre, allgemein von Vernunftbegriffen zu sprechen. Dass Pufendorfs Konzeption geistige Fähigkeiten zugrunde liegen, deutet eine Abhängigkeit von Ciceros Begriffsbildung an, diese möchte ich im vorliegenden Kontext jedoch nicht im Detail verfolgen. Erwähnenswert ist vielmehr, dass menschliche Kultur nicht wie bei Cicero auf einige Tätigkeiten und Resultate beschränkt bleibt, sondern ausgeweitet wird, obgleich die Gefahr besteht, dass sie wie die Kriegsereignisse nicht auf Vernunft beruhen. Diese seltsame Divergenz bildet die theoretische Grundlage von normativen Kulturbegriffen, zumindest in Teilen der Aufklärung und in Theorien und Ansichten, die solchen Richtungen verpflichtet sind.

In der frühen Neuzeit behalf man sich mit Modellen von Naturzuständen. Ich zweifel daran, die schier endlosen politischen, religiösen und sozialen Gemetzel, die im sogenannten Dreißigjährige Krieg nicht nur geschahen, sondern mit Verstand vorangetrieben wurden, der gattungsspezifisch begründeten Kultur zurechnen zu können. Die theoretisch konzipierten Naturzustände waren aber keine empiristischen Studien über Kriegszustände, ob nun im Hinblick auf die englischen Bürgerkriege oder die vielfältigeren Ereignisse auf dem Kontinent, sondern Hilfskonstrukte, die Auskünfte über Wesentliches der menschlichen Natur geben sollten. Vernunft gehörte nur teilweise dazu, beim Verlassen dieses Zustandes. Schließlich dienten die Modelle aktiven politischen Betätigungen, sowohl bei Hobbes als auch bei Pufendorf, wobei Hobbes sich auf monarchische Herrschaft, Pufendorf auf die Kritik der deutschen Verfassung und ihrer Stände-Ordnung konzentrierte.

Das grundlegende politische Problem bereitete die tierhafte Natur und die Vernunftbegabtheit von Menschen. Die vorgeschlagenen Lösungen blieben verhandelbar, beruhten auf Einschätzungen, bei denen normative Bewertungen keine Rolle spielten, allenfalls als indirekte allgemeine Mahnung oder durch das Aufzeigen einer alternativen Möglichkeit, wie bei Pufendorf, der durch die neue Begriffsbildung gleichsam Kulturlandschaften in Aussicht stellte. Erst Kant war es, der in der Folgezeit die Moral als innere Kultur gegenüber den äußeren Kulturgütern der Gesellschaft in Anschlag brachte. Von da an verselbständigten sich Begriffe innere und äußere Kultur bis in die bürgerlichen Salons.

Mich erstaunt, wie seit Pufendorf eine Unterscheidung von Tier und Mensch dazu dienen konnte und immer noch dienen kann, (menschliche) Kultur zu begründen, obgleich man über Tiere und ihre Intelligenz nichts wusste, heute immer noch sehr wenig weiß. Weiterhin ist es üblich, z.B. innerhalb der Neurowissenschaften, dieses Missverhältnis zu übergehen, im Extremfall ein abendliches Kartenspiel im Familienkreis anzuführen, an dem teilzuhaben, Hund, Katze und Sittich offenkundig nicht fähig seien. All die Bestrebungen nach und Spekulationen über fremde Intelligenzen im Weltraum, die man immer mal wieder medial – besonders von Naturwissenschaftlern – vermittelt bekommt, sind eingedenk solcher Borniertheiten geschmacklose Witze.

Die Menscheit liebt Facebook-Likes. Der Erfolg des Netzwerks ist zu einem großen Teil auf diese Spiegelei durch erhaltene Likes zurückzuführen. Kritik kann hingegen Aufkündigungen einer ‘Freundschaft’ nach sich ziehen. Die menschliche Kultur, dies hat Cassirer richtig erkannt, wird nicht aus Selbstzweck betrieben, dient nicht dem interesselosen Wohlgefallen, wie noch Kant aus ästhetischer Sicht zu hoffen wagte, nein, sie dient der Umfütterung menschlicher Erbärmlichkeit wie auch, so muss unlängst hinzugefügt werden, dem Erwerb. Bestätigung, nicht Neugierde, dürfte überwiegend motivational im Zentrum stehen. Dies fördert eine Ökonomie von Erwartungshaltungen und Dienstleistungen. Neues findet darin allenfalls eine absonderliche Nische.

Es ist dem Nachrichtenmagazin Spiegel hochanzurechnen, im Wissenschaftsressort Berichte über einige Experimente zu berücksichtigen und in die Öffentlichkeit zu tragen, nach denen auch verschiedenen anderen Gattungen ein Ich-Bewußtsein zugeschrieben werden muss und Vergleiche mit zwei- oder dreijährigen Kindern möglich sind. Delphine, ihr Sozialverhalten und ihre Kommunikation, fanden dabei noch gar keine hinreichende Berücksichtigung. Generell scheint Sprache und Kommunikation anderer Lebenwesen für Menschen ein unüberwindbares Problem zu sein. Die bereits vorliegenden Ergebnisse lassen an der Angemessenzeit von menschlichen Selbstverständnissen, der damit zusammenhängenden rechtlichen und politischen Ordnungen, ja sogar an den kulturellen Ansprüchen zweifeln. Die menschliche ‘Kultur’, soweit sie zur Abgrenzung von der Tierwelt dient, gründet bis heute auf Unwissenheit und Ignoranz.

Um so wichtiger ist es, den Anlass hervorzuheben, der dazu führte, geweitete Kulturbegriffe auszubilden, die bis heute von Relevanz sind: Der Dreißigjährige Krieg! Er hängt den Menschen weiterhin nach, verfolgt die  Menschen, bildhaft gesprochen, über alle Erdteile … in unzählige ‘Kulturen’, Religionen und Herrschaftsformen … Eine akzeptable Antwort ist bis heute nicht gefunden. Im Gegenteil: Die Waffenentwicklungen, -produktionen und -exporte gehören zu den profitabelsten Geschäften. Und die weltweiten Kämpfe um schwindende Ressourcen sind schon geplant und zigfach simuliert!

Die moderne Gleichsetzung von Zivilisation und Kultur, die sprachlich irritieren kann, einer Resignation oder einer utilitaristischen Abwehr ähnelt, befördert nicht nur die militärische und wirtschaftliche Aufteilung unserer Welt, sondern auch und insbesondere jenen Dreißigjährigen Krieg zur kulturellen Blüte der Menscheit!

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Die essayistische Notiz „Pufendorf und … – Ein Innehalten” steht im Kontext eines Projektes über Kultur. Der erste Text der Reihe lautet: Der Award, der vorgängige Gemeinwesen und Kultur, der nächste Text:  … umgangssprachlich.
Drei weitere Texte sind bereits veröffentlicht aber noch nicht eingereiht: Musik ist eine Hure, Das Ende einer Ära und Wenn Träume wahr werden, ist der Alptraum nicht weit.

 

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