Überraschung: Duisburg ist mal wieder unter den Kulturletzten

Der Kulturdezernent einer Stadt muss natürlich immer Stellung nehmen wenn es um Kultur in der Stadt geht. Das ist seine Aufgabe. Eine Aufgabe, die je nach Stadt unterschiedlich gut geführt wird beziehungsweise wird ab und an auch von außen bewertet wie es um die Kultur in der Stadt stehe. So vor kurzem wieder mal beim HWWI „Kulturstädteranking“. Selbstdefinition der Studie: „Der Kulturstädte-Vergleich soll dazu beitragen, die Potenziale und Handlungserfordernisse für deutsche Großstädte zu identifizieren.“

Die Duisburger Kulturproduktion

Jetzt kann man über die Art und Weise wie solche Studien zustande kommen natürlich streiten. Dass eine Stadt wie Duisburg, die kurz vor Schluss gelistet ist, dann natürlich durch den Kulturdezernenten verteidigt werden muss – geschenkt. Statt aber mal auf die angesprochenen „Potenziale und Handlungserfordernisse“ zu schauen wird erstmal von Seiten Janssens abgeblockt. Auf das lächerliche Argument, dass das „Schmuddel-Image“ der Stadt zuständig dafür sei, wie in der WAZ zu lesen, dass man immer wieder hinten lande lasse man sich erst mal gar nicht ein. Im Gegenteil: Wenn dieses „Schmuddel-Image“ bekannt ist sollte man ja versuchen irgendwie dieses Image loszuwerden. Man kann da nur den Kopf schütteln. Ebenso wenn beklagt wird, dass nur die öffentlichen Kulturausgaben berücksichtigt werden. Gegenfrage Herr Janssen: Welche denn wohl sonst? Wissenschaftler arbeiten halt mit Zahlen, die für alle Städte zugänglich sind – sicherlich lässt sich fragen ob die Parameter nicht noch ergänzungswürdig sind, aber hey, wenn wir inoffizielle Kulturausgaben in der Stadt haben… Dann mal bitte offenlegen. Wäre ja spannend.

Vielleicht ist es am Besten man schaut mal selbst in den Kulturstädte-Vergleich, PDF-Datei, damit man mal die Fehlentwicklungen in Duisburg betrachten kann. Kurz nochmal die Indikatoren für die Kulturproduktion, die wiederum in sich in drei Teilen gegliedert ist:

I. Ausgaben
1.1 Öffentliche Kulturausgaben je Einwohner, Durchschnitt der Jahre 2001/2005/2007
1.2 Fördermittel (absolut) der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz von1985 bis 2010
1.3 Öffentliche Bibliotheken (laufende Ausgaben in Euro je Einwohner), 2010
II. Angebot
1.4 Theater- und Opernsitzplätze (inkl. Musicals) je 1.000 Einwohner, 2010
1.5 Kinositzplätze je 1.000 Einwohner, 2011
III. Arbeitsplätze und Kulturbildung
1.6 Anteil Beschäftigte der Kulturwirtschaft an sozialversicherungspflichtigBeschäftigten, 2011
1.7 Künstlerdichte je 1.000 Einwohner, 2012
1.8  Schüler und Studierende an öffentlichen Musikschulen sowie an staatlichen anerkannten Kunst- und
Musikhochschulen je 1.000 Einwohner, 2011

Bei den Kulturausgaben ist Duisburg im unteren Drittel angesiedelt. Richtig. Angemerkt ist aber auch, dass es Durchschnittswerte sind und entnommen sind diese übrigens – das steht unter der Graphik – „Quellen: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Kulturfinanzbericht (2008; 2010); Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (2004)“. Fakt ist: Duisburg gibt zu wenig für Kultur aus im Vergleich zu anderen Städten und man muss kein Prophet sein um zu wissen, dass das noch weniger werden wird. Mit Schmuddel-Image oder anderen verbalen Rauchbomben hat das nichts zu tun. Das ist erstmal ein unangenehmer Fakt. Interessanterweise ist Duisburg aber was die Fördermittel der Stiftung für Denkmalschutz anbelangt auf dem 7. Platz. Von diesen Geldern profitiert die Stadt also erheblich. Zu verstecken braucht sich Duisburg auch nicht wenn es um die Ausgaben für die Bibliothek geht: Ebenfalls Platz 7.

Generell gibt Duisburg also bisher wenig Geld für Kultur überhaupt aus, bekommt aber Fördermittel von der Stiftung Denkmalschutz und ist trotzdem in der Lage im Haushalt ausreichend Geld für die Bibliothek bereitzustellen. Klingt ja erstmal nicht so negativ.

Dass Unverständnis darüber herrscht, warum Duisburg bei den Theaterplätzen an letzter Stelle ist erklärt sich einerseits vielleicht dadurch, dass andere Häuser tatsächlich mehr Sitzplätze zur Verfügung haben – man sollte das nicht für möglich halten, dem ist aber so. Andererseits aber rechnet der Vergleich offenbar auch neben den öffentlichen die privaten Theater ein. Duisburg hat keine festen privaten Theater mit jeweils wechselndem Programm, außer der Säule – die ist wohl wirklich nicht mit eingerechnet.  Der Vergleich betont: “ In vielen Städten hat die private Theaterlandschaft eine wichtige Funktion für das kulturelle Angebot.“ Da das in dieser Stadt nahezu fehlt rutscht Duisburg halt auf den letzten Platz und würde selbst mit der Säule und anderen Dingen wohl kaum höher steigen. Warum Duisburg kein Klima für private Theater bietet wäre ja dann mal zu überlegen.

Die Daten des Sommerkinos werden nicht mitgezählt beim Vergleich stellt Janssen in den Raum und sagt nicht woher er das weiß. Woher hat die HWWI nun ihre Zahlen? Unter anderem von der FFA – der Filmförderungsanstalt. „Welche Frage auch auftaucht, die offiziellen Statistiken der FFA liefern die Antwort: Besuch und Umsatz in den deutschen Kinos, Zahl und Auslastung der Kinosäle, die TOP-100-Liste aller deutschen Filme und Koproduktionen, der Marktanteil der deutschen Filme, Umsätze und Abgaben im Videobereich, sowie die Übersicht der Bundes- und Länderförderung.“ Die Frage lässt sich jetzt nicht beantworten ob die FFA auch Sommerkinozahlen dazuzählt oder nicht – aber seltsam, dass keiner nachfragt woher Janssen seine Behauptung hat. Es kann sein, dass die Zahlen des Sommerkinos ganz einfach nicht gezählt werden weil sonst die regulären Zahlen für eine Stadt verzerrt werden. Was durchaus plausibel wäre – lassen wir aber jetzt mal die Vermutung ob das Sommerkino nun drin ist oder nicht, Fakt ist: Die FFA erfasst offenbar nur die Zahlen aus den beiden „offiziellen“ Kinos. Daneben gibt es natürlich noch das AStA-Kino, das Angebot im Djäzz und diverse andere kleinere Veranstaltungen bei denen Filme gezeigt werden. Offizielle Kinos aber mit Lizenz sind das ja nun wohl kaum – und deswegen tauchen die in der Statistik offenbar auch nicht auf. Sicherlich ist das Angebot für Filmfreunde etwas größer als man meint. Würde man selbst diese kleineren Veranstaltungen einbeziehen würde Duisburg aber sicherlich nur einen oder zwei Plätze nach oben gewinnen.

Der dritte Teil des Vergleichs: Wieviele Beschäftigte in der Kulturwirtschaft hat die jeweilige Stadt? Nuuuuuunnnnn… Wenige. Duisburg ist da im untersten Drittel. Könnte daran liegen dass in der nächsten Folie deutlich wird, dass es hier im Vergleich nur wenige Künstler gibt. Logisch. Dagegen aber gibts in dieser Stadt viele Musikschüler an öffentlichen und staatlich anerkannten Kunst- und Kulturhochschulen. Soweit die Kulturproduktion. Der Vergleich folgert am Ende übrigens etwas, was in Duisburg wohl nicht gehört werden möchte, meint man doch eine Dichte von 500 Künstlern für Duisburg sei ausreichend bzw. sei alles andere als gering: „Von besonderer Bedeutung für die Kulturproduktion sind die Künstlerinnen und Künstler, die über Qualität und Umfang der Kulturproduktion bestimmen.“ Das Stadtklima Duisburgs – so kann man folgern – bietet wohl nichts um Künstler hier zu halten oder um zumindest neue Künstler an die Stadt zu binden. Praktische Erfahrungen werden hier theoretisch durchaus bestätigt…

Duisburger Kulturrezeption

Was der HWWI in diesem Bereich zählt und wertet, stellt er auch in diesem Teil voran:

2.1  Museumsbesuche je Einwohner, Durchschnitt der Jahre 2008/2009/2010
2.2 Aktive Bibliotheksnutzer je 1.000 Einwohner, 2010
2.3 Theaterbesucher (ohne Musicals) je Einwohner, Spielzeit 2009/10
2.4 Gästeankünfte je Einwohner, 2010
2.5 Umsätze der Kulturwirtschaft je Einwohner, 2010

Das Grummeln über die wenigen Museumsbesuche hat man schon vor dem HWWI-Vergleich gehört. Duisburg liegt bei den Museumsbesuchen auch an letzter Stelle – auch die Nutzung der Bibliothek im Vergleich zu anderen Städten ist eher wenig. Allerdings: Die Deutsche Bibliotheksstatistik ist hier unter anderem als Quelle angegeben. Nicht so ganz klar wird, was das HWWI nun als „Nutzer“ zählt – diejenigen mit Bibliotheksausweis? Die Laufkundschaft, die vor Ort mal ebend eine Kopie anfertigt? Sind hier alle Bibliotheken eingerechnet oder nur die öffentlichen? (Was sich auch weiter oben trefflich fragen lässt.) An dieser Stelle ist Kritik durchaus angebracht. Jedoch stehen die Daten der DBS für jeden zur Verfügung. Leider sind die Daten so umfassend, dass man wirklich mehrere Tage brauchen würde um a) die erwähnten 30 Städte des Vergleichs rauszusuchen und b) die Kennzahlen der Bibliotheken zu vergleichen. Nun, vielleicht hat man ja im Kulturdezernat mal die Zeit dazu um die Feststellungen in der WAZ eindeutig zu belegen…

Im Zuge der Operndiskussion ist auch klar geworden: Oper- und Theaterbesuche sind hier in der Stadt nicht so angesagt. Welche Gründe dies hat – obs am Programm liegt oder eher an der Tatsache, dass man nur wenige Minuten zu fahren braucht um sein bevorzugtes Stück im Ruhrgebiet anzuschauen – wäre auch eine Sache, die zu ergründen sich lohnen würde. Mag sein, dass Duisburgs Programm etwas experimenteller ist als dem Publikum genehm. Hier kann man nur mutmaßen. Eine Schlappe für die DMG: Von allen 30 Städten liegt Duisburg mit der Übernachtungsdichte ganz – weit – unten. Und wo wenige Künstler anwesend sind, können diese natürlich auch wenig erwirtschaften – auch hier ist Duisburg ganz unten. Insgesamt – alle Zahlen zusammengenommen – landet Duisburg auf Platz 29 von 30.

Dass das dem Kulturdezernat der Stadt nicht Recht sein kann – logisch. Wer möchte auch schon mitten im Sommerloch schlechte Schlagzeilen. Wer bisher allerdings nur mutmaßte, dass die Kultur-Politik der Stadt in einem gepflegten Wegschauen, Zupflastern und Vertrösten bestand wird durch Janssens Aussagen zu diesen Zahlen eines besseren belehrt. Neuer Plan? Hier jedenfalls nicht in Sicht.

 

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