Gibt es technologische Arbeitslosigkeit? Teil 3 von 3

Eine Nachbetrachtung zur gleichnamigen Reihe von Dr. Werner Jurga von Julius Census.

 

 

In diesem letzten Teil gebe ich, wie versprochen, einen Ausblick, was denn da Technisches auf uns zukommen wird. Welche Technologien uns in Zukunft die Arbeit erleichtern oder sie uns schlicht abnehmen werden. Vieles von dem, was ich hier präsentiere, ist heute noch in einem recht frühen Stadium, vieles ist schon recht ausgereift und manches kann man schon kaufen. Was aber viele nicht können oder auch wollen, ist zu hinterfragen: Wo führt das hin?

 

Fangen wir mit etwas Lustigem an: Roboter spielen Fußball. Das wird schon recht professionell betrieben und hat schon eine echte Tradition. WIKI klärt hier (schon wieder) auf und es ist recht amüsant den kleinen Kid’s –ähhhm: Robotern- zuzusehen. Der aktuelle Standard-Roboter der League ist der NAO von Aldebaran-Robotics. Hier kann sich jeder ein Team kaufen und an den Wettbewerben teilnehmen. Ab ca. 30.000,– € aufwärts geht es los. So lustig das auch aussieht: Es ist ernsthafte Roboterforschung. Wer die ersten Spiele gesehen hat und jetzt mit den neueren vergleicht, sieht schnell: Die Entwicklung geht mit riesigen Schritten voran. Ziel ist es, autarke Assistenzroboter zu entwickeln, die den Menschen Arbeit abnimmt bzw. erleichtert. Ob nun beim Verteilen von Essen in Krankenhäusern und Altenheimen (diese Roboter man schon kaufen …) oder als intelligenten Werkzeughalter in der Autowerkstatt, beim Tapezieren oder als wachsame Security auf stündlicher Runde. Das ist keine Science Fiction. Das ist Realität.

Nett anzuschauen und im Moment starker Anwärter auf ein Statussymbol: Der Staubsaugerroboter und der Rasenmäherroboter. Sie sagen: „Die vernichten keine Arbeitsplätze“? Das sehen die Putzfrauen und Hausmeister in Krankenhäusern und Kliniken, Museen etc. aber ganz anders. Und das sind wirklich nur dumme kleine Spielzeuge gegenüber den Fußball spielenden Artgenossen. Was wir da sehen, ist erst die 1. Generation dieser „Helferlinge“. Die Nächste wird dann schon Treppen putzen und auch hinter Türen und unter Teppichen kehren können.

 

Aber jetzt wird es langsam ernst: „Spirit of Berlin“ ist ein autonom fahrendes Auto. Nicht das Einzige. Google hat schon eines ( Video 1 und Video 2 und Video 3) und andere auch. „Nett“, sagen Sie? Ich sage, das ist eine technologische Glanzleistung, die exorbitante Folgen haben wird. Ein Fahrzeug, das völlig alleine und unfallfrei von A nach B und zurück durch die belebte Innenstadt von Berlin kommt (mitten im „humanoiden“ Getümmel) zeigt schon recht deutlich, auf welchem technologischen Niveau wir uns hier bewegen. Forscher sagen, dass diese Technologie bis zum Jahre 2020 marktreif ist. Aber was bedeutet das für uns? Dass es in recht naher Zukunft autark fahrende LKWs, Busse, Straßenbahnen, Taxis, Rettungswagen und (siehe Staubsaugerroboter) Kehrmaschinen geben wird. Viele Traktoren sind jetzt schon mit GPS-Systemen ausgerüstet und können selbständig Felder pflügen, säen etc. Diese Technologie wird uns grundlegende Veränderungen in unserem Verkehr bringen. Und sie wird zehntausende Dienstleistungsarbeitsplätze obsolet werden lassen. Schon sehr bald.

Damit wird die Logistik auf ganz neue Beine gestellt. Das hat übrigens Amazon mit diesem System auch vor. Und glauben Sie mir: Die in den Filmen von Kiva gezeigten wenigen Arbeitskräfte werden ganz sicher auch bald einem Blechkollegen weichen müssen. Wenn man sieht, was die Damen und Herrn dort machen, sollte das kein unlösbares Problem sein.

 

Das nächste Beispiel ist auch heute schon Realität und kann in jedem guten Spielwarenhandel und Elektronik-Shop gekauft werden. Was es wirklich kann und wozu es tatsächlich in der Lage ist, ist schon etwas komplizierter zu erklären. Aber eins verspreche ich: Es wird unser Leben revolutionieren wie kaum ein anders Spielzeug bisher: Kinect

Kinect ist einfach nur eine Digital-Kamera. Dann hat es einen Infrarot-Projektor, der ein „wohlbekanntes Gitter“ projiziert, und eine Infrarot-Kamera. Hört sich erst einmal sehr simpel an, versetzt aber einen Rechner in die Lage, einen Raum in Echtzeit zu „virtualisieren“. Auf Deutsch: der Rechner kann einen Raum mit allen Ecken, Kanten, Flächen und auch Bewegungen im Raum wahrnehmen. In Echtzeit. Was ist daran so revolutionär? Wer sich dieses Video komplett ansieht, wird eine Ahnung davon bekommen. Roboter können sich damit völlig autonom und sehr sicher auch in unbekannter Umgebung bewegen.

Der oben erwähnte dumme Staubsaugerroboter wird damit intelligent. Er wird auch Treppen saugen können (hatte ich doch versprochen, oder?). Der Essensausgaberoboter kann damit selbständig bis zum Patienten fahren und erkennt, ob der Platz für das Essenstablett frei ist oder ob da noch eine Zeitung liegt. Der kleine „Fußballroboter“ kann damit sehen, ob alle Kabel am Anhänger des Lastwagens angeschlossen sind oder nicht und entsprechend handeln. Und das zu einem unglaublich günstigen Preis. Sicher ist auch dieses System noch nicht perfekt, aber es ist ja auch die Version 1.0. Es ist ein verbreiteter Witz in der IT-Branche, das Microsoft erst ab der Version 3.0 gut wird :). Die Aussage sollte klar sein: Hier steckt gewaltiges Potential drin.

Ein Bereich, in dem sehr viel auf Roboter gesetzt wird, ist das Gesundheitswesen. Das Kinect System bietet schon jetzt eine Reihe von Programmen an, die die Reha von Patienten zu unterstützen. Unter anderem wird dort auch schon erfolgreich das Wii-Fit System eingesetzt. Die nächste Stufe kommt von Sony und auch von Aldebaran-Robotics. Sie erinnern Sich? Die netten kleinen Fußballspieler kommen da her. Aldebaran-Robotics entwickelt gerade den Romeo. Er ist als persönlicher Assistent etwa für Senioren, sehbehinderte Menschen oder solche mit Bewegungseinschränkungen gedacht. Er soll ihnen beispielsweise Gegenstände holen oder wegbringen, sie beim Gehen stützen oder ihnen beim Aufstehen helfen.

Ich finde den Kerl klasse. Und er hat durchaus das Potential, weitaus mehr als das zu können. Das einzige Manko aktuell: Sein Preis von runden 335.000 US $. Aber Festplatten waren ja auch schon einmal ähnlich teuer. Also erst mal klein anfangen. Wie diese US-Krankenhäuser. Das (nebenbei DDR!) Konzept der Gemeindeschwester wird damit in den Grundfesten erschüttert. Dass Roboter in Zukunft eine noch größere Rolle spielen werden, dürfte klar sein.

Aber da gibt es einige Dinge, die sie nie wirklich können werden. Z.B. Servietten falten. Oder Brezel legen. Sicher? Wenn ich mir diese Handprothese hier anschaue, bekomme ich da schon Zweifel. Was eine Prothese mit Robotern zu tun hat? Eine Prothese ist ein „Teilroboter“ und kann ganz einfach mit wenigen Veränderungen auch in Roboter eingebaut werden. Und Sie können auch einiges schlicht besser als wir.

Und das nicht nur bei uns. Wer kennt nicht die netten Spielzeuge von Apple, die alle mit dem kleinen „i“ anfangen. Die meisten werden von einem einzigen Hersteller in China produziert. Die Firma Foxconn, die schon mehr als einmal sehr negativ in den Schlagzeilen war, hat schon eine recht ungewöhnliche Art ihr Image aufzubessern. Anstatt die Arbeitsbedingungen zu verbessern, haben sie jetzt vor bis 2014 eine Millionen (1.000.000) Roboter in der Produktion einzusetzen. Damit verlieren sie auch eine Millionen potentieller Kunden. Aber die hätten sich ja so oder so kein iPhone leisten können.

Und hier noch eine Sache bei der ich nicht weiß, ob ich dabei weinen oder lachen soll. Auf jeden Fall wird das wohl sehr bald Einzug halten in unseren Alltag: Der Haarwaschroboter. Auch das ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch klassische Dienstleistungen nicht von der Rationalisierung verschont bleiben.

Ich denke, das reicht erst einmal, um aufzuzeigen, dass wir an der Schwelle einer völlig neuen technologischen Revolution stehen. Diese Technologien können keinen Arzt oder eine Krankenschwester ersetzen. Sie können auch viele andere Dienstleistungsberufe nicht völlig überflüssig machen. Es wird immer Arbeit geben. Aber die Arbeitsbilder werden sich erheblich verändern. Es wird weitaus mehr Arbeit im direkten Humanumfeld geben. Es wird viel mehr Arbeit in der Wissensgenerierung geben. Es wird aber auch immer schwieriger sein, diese neuen Berufe in das Schema der heutigen Profitorientierung hineinzubekommen.

Das sieht man heute schon in den Sozialberufen. Der Klassische Handel und die Versorgungsorientierung unserer Wirtschaftsmodelle werden nicht mehr die übergeordnete Rolle spielen. Wir müssen uns hier wirklich dringend etwas Neues ausdenken, wie wir Arbeit und besonders „Wert“ definieren. Wir werden unsere egozentrische Sichtweise auf das Leben nicht mehr aufrecht erhalten können. Denn Roboter kaufen keine iPhones.

Hatte ich beim letzten Mal den Mund nun doch zu voll genommen oder konnte ich mein Versprechen halten? Ich hoffe es. Und ich bin durchaus der Meinung dass wir gute Chancen haben diese Zukunft positiv für uns zu gestalten. Es gibt sicherlich einige Vorurteile und festgefahrene Ansichten, die wir gründlich überdenken müssen. Aber das wäre dann ein anders Thema.

Vor einiger Zeit machte eine witzige Meldung die Runde: IBMs System WATSON hat gegen Menschen das Jeopardy-Quiz gewonnen. Tolle Leistung. Aber was steckt dahinter? WATSON kann Sätze auf Sinninhalt prüfen und entsprechende Recherchen veranlassen. Sie können fragen: „Bei welcher Temperatur kocht Wasser?“ Oder „Sag mir den Siedepunkt von Wasser?“ Oder „Wie heiß muss es sein, um Wasser zum kochen zu bringen?“ etc. WATSON wird immer korrekt 100° antworten. Es war bisher noch eine Domäne des menschlichen Gehirns, diese Sinnzusammenhänge herstellen zu können. Das hat sich mit WATSON geändert. Sie können sich vorstellen, dass IBM nicht so ein System entwickelt, nur um bei Jeopardy zu gewinnen.

Da steht mehr dahinter. Unter anderem dass zumindest Standardfragen in einem Call-Center automatisiert beantwortet werden können. Wenn Sie demnächst ein Call-Center anrufen, werden Sie sich vielleicht nicht mehr so sicher sein können, ob sie mit einem Computer oder einem Menschen reden. Und noch etwas: WATSON kann Sinnzusammenhänge natürlich auch aus E-Mails oder Facebook-Comments selbständig analysieren.

Es bleibt Ihrer Fantasie überlassen, was man mit WATSON sonst noch anfangen könnte. Ich denke da z.B. an eine „Anwaltshotline“, bei der man einfach sein Problem beschreibt und WATSON die möglichen Strategien offeriert. Ups, schon wieder eine Dienstleistungsbranche weg? Ok, ich denke, das wird dann doch noch ein paar Jährchen an Entwicklung brauchen. Aber undenkbar ist es wirklich nicht mehr.

Sie sehen, die Möglichkeiten werden mannigfaltiger, dass uns die Technik viele Arbeit abnehmen wird. Der „Überhang“, den ich beim letzten Mal erwähnte, wird eher größer als kleiner. Was aber nicht schlimm ist, wenn wir die richtigen Wege einschlagen.

One thought on “Gibt es technologische Arbeitslosigkeit? Teil 3 von 3