„Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Die Liberalen und die Linken

Portrait of Martin Luther as an Augustinian Monk

Portrait of Martin Luther as an Augustinian Monk (Photo credit: Wikipedia)

Haben sie sich selbst zurückgezogen? Oder wurden sie zurückgezogen? Man hat ja die letzten Jahre und Jahrzehnte nicht allzu viel von ihnen gehört. Von den Liberalen und den Linken. Doch, von den Parteien, die sich so nennen, schon. Menschenskind, wie sind Sie denn drauf?! Die meine ich doch nicht, die Parteien! Ich meine so die echten Liberalen und Linken. Ich meine diese aufgeklärten Menschen, ohne die letztlich keine Demokratie auf Dauer funktionieren kann. Jedenfalls nicht als Demokratie. Da brauchen Sie Leute, die nicht jeden althergebrachten Mist als gottgegeben hinnehmen. Die vielmehr sagen: Stopp! Interessiert uns nicht. Nicht dieser Mief von vor tausend Jahren. Wir wollen Zukunft. Fortschritt, das heißt auch, an die Menschenrechte und an die Schwächeren zu denken. Und vor allem: als Weltbürger zu denken anstatt die Beschränktheit rund um den eigenen Kirchturm als Maß aller Dinge zu nehmen. Ja, etwa so Etwas würden die sagen, wenn sie etwas sagen würden, die Liberalen und die Linken. Aber sie sagen ja nichts. Während der letzten Jahre und Jahrzehnte haben sie sich jedenfalls angewöhnt, nicht mehr allzu viele Worte zu verlieren.

Warum? Schwer zu sagen. Vermutlich haben sie sich einigermaßen eingerichtet. Vielleicht sind sie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im Großen und Ganzen zufrieden. Man muss ja schließlich nicht ständig meckern. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, Sie selbst wären irgendwie so liberal bis links gesonnen! So als aufgeklärter Mensch – jetzt mal ehrlich: was hätten Sie denn dann die letzten – sagen wir mal – zwanzig Jahre so zu meckern gehabt? Wo oder was wäre denn, angenommen Sie wären irgendwie fortschrittlich, so ein Punkt gewesen, wo Sie gesagt hätten: Halt Stopp, das geht wirklich nicht? Na bitte! Der liberale und/oder linke Mensch ist kein Kritikaster; er ist eher so ein bisschen intellektuell. Das heißt: wenn es keinen Grund gibt, mahnend die Stimme zu erheben, dann lässt man es eben. Einfach mal die Klappe halten, und währenddessen: Verantwortung fürs Gemeinwesen übernehmen! Von mir aus gern auch liberal und/oder gemäßigt links. Mitmachen statt Rummäkeln! Letztlich macht das auch viel mehr Spaß. Das gelassene und lässige Deutschland als lockere Veranstaltung zukunftsorientierter aufgeklärter Menschen.
Allerdings: wenn wirklich einmal etwas aus dem Ruder läuft, dann sind sie natürlich da, die modernen Deutschen, die Liberalen und die Linken. Wenn die Sache allen Ernstes Spitz auf Knopf steht, dann weiß der Mensch des Fortschritts, dass er eine Wahl zu treffen hat. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Wie dereinst Martin Luther, der seinerzeit bekanntlich den Ablasshandel für einen Brauch hielt, der durch nichts zu rechtfertigen wäre. Heute, knapp 500 Jahre später, ist dem Deutschen, der steht, weil er gar nicht anders kann, Ablasshandel – in welcher Variation auch immer – nach wie vor äußerst suspekt. Deshalb mag er es auch nicht so empfinden, dass da etwas aus dem Ruder läuft, wenn es seine Regierung mittlerweile tatsächlich schaffen könnte, den Euro – und damit nach eigenen Angaben auch Europa – kaputtzukriegen. Diese ganze Eurosache riecht sowieso irgendwie nach Ablasshandel, möglicherweise gar zu der liberalen und linken Deutschen Lasten. Wie dem auch sei: die Angelegenheit ist ohnehin schwer genug durchschaubar. Das Finanzkapital spielt da mit hinein. Dunkle Mächte. Wenn man hier schweigt, kann man nichts falsch machen.

Andererseits: dass da irgendetwas Bedrohliches auf uns alle zukommt, spüren die Liberalen und die Linken schon. Selbst diejenigen, die auch bei großzügiger Auslegung des Wortsinns nicht zwingend zu den Intellektuellen im engeren Sinne gehören. Wobei in der Eigenwahrnehmung alle Liberalen und Linken irgendwie intellektuell sind, zumindest aber besonders sensibel. Und sensibel, wie sie sind, sagen die sich natürlich: Bedrohung, Finanzkapital, dunkle Mächte – da stimmt doch etwas nicht. Das kann doch nicht richtig sein. Es ist an der Zeit, endlich einmal wieder – nach der ganzen langen Zeit… – das Wort zu ergreifen und so etwas zu sagen wie „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Und als sie noch grübelten, wozu sie denn eigentlich mal stehen könnten und warum sie sich so lange zurückgezogen hatten oder zurückgezogen worden sind, erschien ihnen urplötzlich ein Engel in Gestalt des Kölner Landgerichts und verkündete ihnen, dass es da Menschen gäbe in diesem unseren Lande, die kleinen Jungen die Vorhaut abschneiden und dass, wenn man darüber nachdächte, dies genau genommen Körperverletzung sei.

Das wussten sie bislang nicht, die aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen in Deutschland, die Liberalen und die Linken. Körperverletzung, ein archaisches Ritual, im Namen der Religion, in diesem unseren Lande, … unglaublich! Die Menschenrechte, sie gelten doch für Alle. Sie sind unteilbar. Die körperliche Unversehrtheit ist ein Menschenrecht. Die Religionsfreiheit zwar auch, was erstens sowieso etwas von gestern ist, und zweitens doch wohl die Freiheit derer meint, denen der Penis gehört, und nicht derer, die ihn zu beschneiden gedenken. Schlagartig war ihnen klar, den Liberalen und den Linken, wofür sie denn mal stehen könnten, und dass Schluss damit sein muss, sich zurückzuziehen. Und so zogen sie mit nicht mehr gekanntem Engagement und wieder erweckter jugendlicher Leidenschaft in die Schlacht. Für die Menschenrechte, exakter: für ein Menschenrecht, für das Recht des Mannes auf einen unbeschnittenen Schwanz. Gegen die Bedrohung, das Finanzkapital und die dunklen Mächte. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Im Namen Martin Luthers, der zwar weder ein Liberaler noch ein Linker war, dafür aber ein glühender Antisemit.

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