Nicht so schön: Zustände wie in Timbuktu

Wenn der um seine Ruhe und um die allgemeine Ordnung besorgte Deutsche das Gefühl nicht los wird, es greife Unruhe oder gar – noch schlimmer! – Unordnung um sich, dann macht er seiner Gefühlslage Luft mit dem Ausruf… – nein, nicht „Ruhe und Ordnung!“ Das ist hierzulande aus welchen Gründen auch immer etwas aus der Mode gekommen. Vielmehr diagnostiziert er „Zustände wie in Timbuktu“ und, falls er noch die Kraft haben sollte, in dieser niedergeschlagenen Stimmung mit einem markigen Schlachtruf die Wiederherstellung der guten alten, und vor allem ruhigen Ordnung anzumahnen, ruft er deklamatorisch: „Wir sind doch hier nicht in Timbuktu!“

Timbuktu – das ist hierzulande das allgemeine Symbol für Unruhe, Unordnung und nicht zuletzt: Rückständigkeit. Wir hier, wir haben Kultur. Kultur – das ist das Zauberwort, was der Deutsche benutzt, wenn er so etwas wie Zivilisation meint. Und das Gegenteil von Zivilisation – äh: Kultur – das ist eben Timbuktu. Timbuktu gibt es wahrscheinlich wirklich, müsste wohl, so wie sich das schon anhört, irgendwo in Afrika liegen. Sollte man jedenfalls annehmen. Wie auch immer: Timbuktu, falls es das echt gibt, liegt – das ist ja klar! – am Arsch der Welt. Der Genosse Steinbrück hatte damals, als er noch Finanzminister war, nur mal so spaßeshalber die Zustände – nein, nicht etwa in Timbuktu, sondern – in Ouagadougoubeklagt.

Ouagadougou ist die Hauptstadt – das weiß ja jeder – von Burkina Faso, dem früheren Obervolta. Und die waren natürlich schwer sauer, dass der Peer nur mal so aus Spaß ihr schönes Ouagadougou  und damit ihr schönes Burkina Faso in eine Reihe mit zweifelhaften Ländern wie Liechtenstein, Österreich und der Schweiz gestellt hatte. Na, der hat halt immer so Sprüche drauf, unser Peer. Gut, da musste er sich natürlich entschuldigen, aber dann war der Fall auch erledigt. Gut, Ouagadougou kennt man. Aber Timbuktu… – leck mich am Arsch! Wo könnte das denn sein? Timbuktu, dieses Symbol für Unruhe und Unordnung, Rückständigkeit und Kulturlosigkeit. Timbuktu, dann wollen wir mal googeln. Google News.

 

Toll ist das! Ruck zuck wird man fündig. Suchwort „Timbuktu“ eingeben und schon wird der heutige Zeit-Online-Artikel angezeigt mit dem Titel „Tuareg verlieren letzte Stadt an Islamisten“. Egal. Jedenfalls liegt Timbuktu in Afrika, genauer gesagt in Mali, noch genauer im Norden Malis. Und da herrschen, wie wir uns schon gedacht hatten, Zustände wie in Timbuktu. Eine Unruhe und Unordnung! Rückständigkeit sowieso, und Kulturlosigkeit… – sagen wir mal so: eigentlich haben die da so etwas wie Kultur. Die ist aber schon sehr, sehr alt. Wohl deshalb gefällt sie den Islamisten nicht, weshalb sie sie kurzerhand klitz und klein hacken. Der Bevölkerung wollen sie aber „kein Leid zufügen“, haben sie selber gesagt!

Malis Kulturministerin – was es nicht alles gibt! – verurteilt dagegen die Zerstörung von Weltkulturstätten in Timbuktu als „Barbarei“ und „kriminellen Akt“, die UNESCO als „widerwärtige Handlungen“. Die Einen so, die Anderen so, Zustände wie in Timbuktu. Über den Norden hat die Regierung Malis keine Kontrolle mehr. Die Tuareg wollten nicht mehr dazugehören, und da hatten sie sich in ihrer Not mit den Herren von al-Qaida verbündet. Nun ja, irgendwie hatten diese (Kameltreiber darf man ja nicht sagen) Nomaden wohl nicht damit gerechnet, dass den Islamisten nicht nur so alte Tempel, sondern auch Tuareg-Chefs ziemlich gegen den Strich gehen. Dafür scheint die Zentralregierung des Mali schon eher ein Näschen gehabt zu haben.

Die sitzt in Bamako, der Hauptstadt Malis. Und just in diesem Bamako, so lesen wir heute auf Spiegel Online, hatte sich bereits im April ein schlimmer Autounfall ereignet. Sechs Tote, schrecklich. Ein Land Cruiser ist offenbar wegen überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn der Märtyrer-Brücke abgekommen. Die heißt halt so: in Duisburg gibt es eine Brücke der Solidarität, in Bamako eine Märtyrer-Brücke. Nationale Besonderheiten, die Gemeinsamkeiten: beide Brücken führen über einen Fluss. Im Falle des Land Cruisers, der von der Märtyrer-Brücke ins Wasser geplumpst ist, sind die sechs Insassen ums Leben gekommen. Drei US-Soldaten und drei in ihrer Begleitung befindliche Damen aus dem ältesten Gewerbe.

Shit happens. In diesem Fall besteht der Shit unter anderem darin, dass offiziell die US-Truppen schon im März den Mali verlassen hatten. Wer mag da glauben, dass die drei US-Boys aus rein privaten Gründen, etwa wegen ihrer Freundinnen, im April noch in Bamako verweilt hatten?! Nun gut, alles Klatsch und Tratsch – muss uns nicht interessieren. Zumal: Mali ist weit weg. Noch weiter als Gran Canaria! Haben wir also nichts mit zu tun. Und weil das so ist, nehmen wir das auch erst gar nicht groß zur Kenntnis. Was da so läuft in Timbuktu. Was soll da auch schon laufen?! Zustände wie in Timbuktu eben. Und wenn die da nicht wieder freiwillig verschwinden, die Herren von der al-Qaida… – auch egal. Uns geht es auf jeden Fall nichts an!

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