Das Ende einer Ära

Buddhist Trinity, limestone, China, North Wei ...

Buddhist Trinity, limestone, China, North Wei Dynasty, Shengui era, 518–519 AD; Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main (Photo credit: Wikipedia)

Mit der Ausgestaltung des Urheberrecht steht in der Buchbranche viel mehr zur Debatte als nur Umsätze und Einkünfte: Auch ein dogmatischer Literaturbegriff, der es zumindest wert ist, gesellschaftlich relativiert zu werden.

Literaten und Schriftsteller waren es, die sich im Streit um das Urheberrecht vehement zu Wort meldeten, Kampagnen folgend, die erstaunlich undifferenziert ausfielen und gar nicht zu dem Image passten, das in den Feuilletons über den Personenkreis ausgebreitet wird. Kampagnen, ließe sich einwenden, dienen dem Zweck, aufzurütteln, nicht aufzuklären. Sie sind bestenfalls punktgenaue Kommunikationsformen. Wie Blumentöpfe, die von den Schreibstuben auf die Straße geworfen werden! Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt. Sogar Frank Schirrmacher sah sich in der FAZ gezwungen, ein Ende des artikulierten Hasses einzufordern.

Ganz verschnaubt sind die aufgewallten Emotionen aber nicht. Während der Buchtage 2012 hat sich der Verleger (Hanser Verlag) und Schriftsteller Michael Krüger mit einem Vortrag geäußert, der verdeutlicht, dass nicht bloß Einkommenssituationen mit dem Urheberrecht in Frage stehen, sondern auch eine Literatur, die von den Verlagen entscheidend mitgeprägt wurde. Er erzählte von all dem, was er hätte sagen wollen, dann aber auch nicht gänzlich verschweigen konnte: Emotional erst der halbe Weg, aber eine Chance, mehr über Hintergründe zu erfahren.

Krüger zeigt das mögliche Ende einer literarischen Ära auf. Erst durch die Verlage, durch deren Selektion und Service, konnten die Werke von Schriftstellern prägend werden. Es handelt sich nicht um Funktionen, die man als Autor ohne weiteres auch anderswo erfüllt bekommt. Durch die Arbeit der führenden Literaturverlage wird auch ein Begriff von Literatur vermittelt und von den Feuilletons mitgetragen. Selbstverständlich ist dieser Begriff allerdings nicht. Würde die Vormachtstellung der Verlage schwinden, wäre der Begriff gesellschaftlich zumindest relativiert.

Ich möchte keineswegs einen wissenschaftlich tragfähigen noch einen sozial homogenen Literaturbegriff unterstellen, es scheint aber einen zu geben, der zumindest soweit anerkennt ist, dass einfach von Literatur, ja von guter und schlechter gesprochen werden kann. Die Gefahr, durch Erfahrungen mit digitalen Medien Konzentrationsschwächen zu erleiden, die sogar die Aufnahme einer Rede einschränkt, ist weitaus geringer als eine Langeweile ertragen zu müssen, angesichts der in hervorragenden Büchern präferierten Erzählweisen und Dichtungsformen. Verliert sich die Ästhetik in einer poetischen Wirklichkeit, das abschließende Zitat eines Grünbein-Textes deutet es an, dann entfällt das emphatisch Wahre, das Krüger zuvor noch präferierte, ein Wahres, dessen Angemessenheit in der sprachlichen Form häufig gleichgültig war, die Form zum Dekor verkommen ließ.

Und die poetisch konstruierte Wirklichkeit? Ihre Verkündigung bleibt eine herangetragene Interpretation, die keinerlei Auswirkungen hat, nichts über die Texte preisgibt, schon gar nicht im literarischen Vergleich, lediglich den Schreiber auch als einen Leser, einen erkenntnistheoretisch interessierten ausweist, immerhin.

Die Rede war, soweit ich ihr folgen konnte, durchaus nicht gut oder schlecht, sie war dem Ende einer Ära angemessen.

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Die essayistische Notiz ist Teil eines Projektes über Kultur, aber noch nicht eingereiht.  Der Anfang ist hier zu finden: Der Award!

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