Die Wahl läuft

Die Wahl läuft. Allerorten ist die Nervosität gleichsam mit Händen zu greifen. Es ist keine Wahl wie jede andere; sie ist eine – so viel Pathos sei erlaubt – Schicksalswahl. Nicht zuletzt auch deshalb, weil schmerzhafte Sparmaßnahmen schier unausweichlich sind.

Sonntag, 17. Juni 2012, 11:24 Uhr: die Nachrichtenagentur Reuters jagt eine Meldung raus, worin sie einen Wähler zitiert, der sich unmittelbar nach seiner Stimmabgabe folgendermaßen vernehmen ließ: „Ich habe schweren Herzens für eine Partei gestimmt, die den Sparkurs unterstützt, denn ich will, dass …“

Ja Stopp, Moment mal! Sind denn eigentlich überhaupt auch Parteien angetreten, die den Sparkurs nicht unterstützen? Oder, noch radikaler nachgehakt: sind überhaupt Parteien angetreten? Okay, so formuliert ist es möglicherweise dann doch ein Ideechen zu radikal nachgefragt.

 

 

 

Denn eine Wahl – wollen wir fair bleiben – ist es ja schon! Und wenn das eine Wahl ist, dann treten nun einmal – so läuft das in einer Demokratie – auch verschiedene Parteien an. Ob es um etwas geht oder nicht. Die Reuters-Meldung von 11:24 Uhr ist überschrieben mit: „Griechen entscheiden in Parlamentswahl über Euro-Zukunft“.

Nun gut, das ist wirklich Quatsch. Denn, Demokratie hin, Demokratie her, die Griechen dürfen – oder sagen wir mal: müssen – zwar wählen, aber dass sie allein dadurch berechtigt wären, auch nur über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, muss doch nachdrücklich bezweifelt werden.

Dass sie aber über die „Euro-Zukunft“ zu bestimmen hätten, wie Reuters zu texten pflegte, ist so etwas von grotesk, wird aber gegenwärtig gern erzählt, bietet es doch den nicht zu leugnenden Vorteil, dass wir die Sündenböcke für den Fall, dass es mit dem Euro nicht ganz richtig laufen sollte, schon einmal am Wickel haben.

 

Und der Fall, dass es mit dem Euro nicht ganz richtig laufen sollte, wird eintreten; das ist so sicher wie das Amen in der EZB. Deshalb machen alle tüchtig mit bei diesem munteren Spiel der vorbeugenden Legendenbildung. Haben Sie heute schon einmal die Radionachrichten gehört? Oder im Fernsehen? Im Internet? Überall der gleiche Käse.

Selbst die in diesen Dingen für gewöhnlich etwas verlässlichere FTD hält es für angezeigt, ihrer Kundschaft diese Mär mitzuteilen: „An diesem Sonntag findet in Griechenland eine Parlamentswahl statt, die darüber entscheidet, ob erstmals ein Land aus dem Währungsverbund des Euro ausscheidet.“

Seit Tagen ist die FTD von einer Panik erfasst, die Eurozone könne auseinanderbrechen. Dass sie schonungslos die Folgen offenlegt, die dieser „worst case“ mit sich brächte, ist allzu berechtigt. Dass sie sich von dieser Panik daran hindern lässt, klare Gedanken über das hier zur Debatte stehende politische Geschehen zu fassen, ist es nicht.

Einer der wenigen Sehenden in diesem Meer der Dunkelheit ist Ulrich Reitz, der Chefredakteur der WAZ. Er kommt in seinem Leitartikel zu folgendem „Fazit: Wer die Bösen sind in dem griechischen Rennen der Populisten, ist überhaupt nicht klar. Womöglich löst diese Wahl nicht ein einziges Problem.“

Natürlich nicht. Da soll man nicht nervös werden! Die FTD meldet am Samstagnachmittag noch schnell zur „Wahl in Griechenland“: „Europa fürchtet den neuen `Lehman-Moment´.“Der Begriff „Lehman“ wiederum ist in der allgemein etwas zappeligen Finanzszene eindeutig konnotiert. Also startet der Text unter dieser Überschrift im Wildwest-Stil:

„Der Countdown in Griechenland läuft. Morgen wählt das Land, Banker und Finanzminister in ganz Europa sind in Alarmstimmung. Das Ergebnis könnte einen hektischen Krisenmechanismus auslösen.“ (Spätestens) am Montag wird das geneigte Publikum dann den hektischen Krisenmechanismus live on TV verfolgen können.

Damit wäre die Beweisführung dann abermals erfolgreich zum Abschluss gebracht: die Griechen sind schuld. Wer schön aufgepasst hat, kann es sonnenklar feststellen. Dagegen können so Griechen gar nichts machen, also etwa „richtig“ wählen. Auch wenn sie den konservativen älteren Herrn statt dieses flotten „Linksradikalen“ wählen sollten …

Es wird kein Entrinnen geben. So läuft nun einmal eine griechische Tragödie. Selbst im Falle des Wohlverhaltens, das darin besteht, einen dieser Kerle zu wählen, die den Griechen zwecks maßloser Alimentierung der eigenen Klassenkameraden den ganzen Schlamassel eingebrockt zu haben, wird Mutti sich nicht von diesen Absprachebrechern am Nasenring durch die Arena ziehen lassen.

Politik und Hochfinanz werden ihre ringfreien Nasen darüber rümpfen, dass diese Kostgänger schon wieder einen Nachschlag haben wollen. Sigmar Gabriel gibt schon einmal zu erkennen, dass über eine kleine Schüssel Zusatzsuppe eventuell zu reden wäre – vorausgesetzt freilich, dass jetzt die Regeln endgültig laut und deutlich anerkannt werden. Es geht auch menschlich.

 

Jemand wie Gabriel hat zweifellos das geringste Interesse daran, an der Entstehung eines politischen Klimas mitzuwirken, wobei von Entstehung eigentlich längst keine Rede mehr sein kann, das die ideale Bühne bietet für einen wie Thilo Sarrazin, der sich heute via FAZ mit einem Gastbeitrag zwecks Ankurbelung seines schleppenden Buchverkaufs zu Wort gemeldet hat.

„Griechen, Euro und die deutsche Schuld“ lautet die Überschrift, für die verantwortlich zu sein Sarrazin vermutlich leugnen dürfte. Subtext für die Leser der FAZ, hinter der bekanntlich immer ein kluger Kopf steckt: von damals haben wir noch etwas auf dem Kerbholz, und deshalb sollen wir jetzt für immer blechen.

Die FAZ moderiert Thilos Gastbeitrag galant an: „Thilo Sarrazin wirft vor der Parlamentswahl der Mehrheit der Griechen eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit vor.“ Ring frei für Sarrazin, der dieser „Mehrheit“ vorhält, nicht erkennen zu wollen, „dass nur eine reale Kostenreduktion von 30 bis 50 Prozent dem Land die Chance gibt, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.“

 

An alle Südländer, die auf unsere Kosten leben wollen. Besonders natürlich an die Griechen. Eigentlich ist alles gar nicht so schwer: von allem ein Drittel weniger oder noch besser: nur die Hälfte, und schon könnte der ganze Laden wieder laufen. Man muss nur wollen. Entweder über „die deutsche Schuld“ lamentieren oder einfach mal für eine Weile die Zähne zusammenbeißen.

Griechenland hat die Wahl. Die Wahl läuft. Es ist keine Wahl wie jede andere; sie ist eine – so viel Pathos sei erlaubt – Schicksalswahl. Die Griechen entscheiden mit ihr über die „Euro-Zukunft“. Wenn es nicht alles so entsetzlich abgeschmackt wäre, man könnte sich vor Lachen schütteln.

Wenn es nicht so klar wäre, dass – Wahl hin, Wahl her – den Griechen, die jetzt schon nicht mehr weiter wissen, sowieso die „reale Kostenreduktion von 30 bis 50 Prozent“ (Sarrazin) aufs Auge gedrückt wird, und dass das Affentheater in der kommenden Woche im Grunde nur dazu dienen wird, den anderen „Südländern“, die in der Fachszene „PIGS“ heißen, zu zeigen, dass Mutti eine Allergie gegen Nasenringe hat.

 

Aber leider ist das ja alles klar. Was folgt ist: besagtes Affentheater, Nachtsitzungen in Brüssel, Frankfurt und Gottweißwo, die Griechen kriegen – wie gemein! – schon wieder einen Schluck aus der Pulle, der Euro bleibt, mehr noch: er wird erst richtig. Das Volk, also das deutsche Volk ist sauer. Und die Griechen sind schuld. Heute haben sie die Wahl, die Griechen, ob sie belieben, frech dazustehen oder blöd.

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