Kuhls Kolumne: DIE KOALITION DER SCHMERZFREIEN

Wir erinnern uns noch an die Kungel-Initiative aus dem Haniel-Dunstkreis, welche – zusammen mit den Polit-Bankrotteuren aus dem Rathaus – Duisburg „nach vorne“ bringen wollte, was in der Bevölkerung mit einem milden Lächeln quittiert wurde. Zum Jahrestag der Love-Parade päsentierte sich diese Honoratioren-Bande nicht nur in verstärkter Aufstellung; sie demaskierte sich auch in ihrer vollen Inhumanität. Und erbrachte so den Beweis, dass so ziemlich alles, was Rang und Namen hat in Duisburg, abgelöst gehört. Mancher hatte mich für verrückt gehalten, wenn ich von Revolution sprach – aber weniger als eine totale Umkehr wird uns nicht mehr helfen.

Unter der Headline „Aufarbeiten, aber auch nach vorne blicken“ insinuiert RP-Online „Es sind die vermeintlich Empörten, die Aufrechten, die Betroffenen, die Wutbürger, die Unterschriftensammler, die (anonymen) Wortführer in Internet-Foren, die politisch Instrumentalisierten, die Medienkommentatoren, die Lauten in der Stadt. Sie sind es, die auf der Straße, in Initiativen oder an Stammtischen die vermeintliche Meinungshoheit in Duisburg haben. Sie verlangen rigoros den Rücktritt von Oberbürgermeister Adolf Sauerland und die Bestrafung der Verantwortlichen – die sie natürlich genau kennen. Vertreten sie tatsächlich die Mehrheit? Bringen sie zum Ausdruck, was die Bürgerschaft in Duisburg denkt?“ um dann von einer schweigenden Mehrheit zu faseln, die – das soll der Leser denken – die Dinge so in Ordnung findet, wie sie gerade sind.

Assoziationen wie die erzreaktionäre „Moral majority“ in den USA oder die Minderheit der „Mehrheitler“ (Bolschewiki), die gegen die Mehrheit der „Minderheitler“ (Menschewiki) dasselbe spielten, sind natürlich Unsinn und nur meinem kranken Kabarettistenhirn entsprungen.

Ausgerechnet Bauunternehmer Hellmich, der an Sauerlands Ausschreibungsverhalten vorzüglich verdient hat und dem nun ein Haus in Mülheim baut, beklagt Mangel an Zivilcourage – bei der „schweigenden Mehrheit“. Und „Das können wir nicht zulassen.“

Axel Funke, Chef der Heuschrecke Multi-Development: „Die Aufarbeitung der Loveparade muss man abkoppeln von der Weiterentwicklung Duisburgs.“ Das muß der auch so sagen. Seine Public-Private-Partnership mit der Sauerland-Bande besteht darin, dass er Pleite-Immobilien durch größere Pleite-Immobilien, die entsprechend später pleite gehen, ersetzt. Sein Forum-Kartenhaus vibriert schon: Ankermieter Karstadt ist noch nicht ganz aus der Pleite raus, da schreibt der andere Ankermieter Saturn erstmalig fette Verluste. Multi-Desaster baut aber schon die ehemals Pleite-Galeria für die Zukunfts-Pleite um – und natürlich die Stadtbibliothek – Sauerland sei Dank. Funkes Laden gehören die Großprojekte bis an die Steinsche Gasse – auf den jenseitigen Stadtteil erheben seine Kollegen von den Bandidos Hegemonialansprüche.

Uni-Rektor Radtke hat sogar bemerkt, dass niemand gerne nach Duisburg zieht, schreibt aber dieses – ebenso wie den Massen-Exodus – der „Tatsache“ zu, „dass immer nur das Negative Erwähnung fände.“

Der grüne Stadtdirektor Greulich, der sich an anderer Stelle anhand seines Kalküls, dass die Bürger Duisburgs aufgrund von sozialen und Bildungsschwächen so blockiert seien, dass sie „die da oben“ machen ließen, als lupenreiner Antidemokrat geoutet hatte: „Hier tut sich viel, und daran ändert sich auch nichts, wenn zwei Handvoll Menschen eine schlechte Stimmung in der Stadt verbreiten. Sie sprechen nicht für die Mehrheit.“

Andreas Vanek von der Sparkasse will woanders noch nie auf die Love-Parade angesprochen worden sein und hält die Duisburger für „viel zu kritisch“. In die gleiche Kerbe hauen Janning von den DVV, Dietzfelbinger von der IHK, Geist von Aurelis-West und Pätzold-Coco vom Mercure-Hotel, wo sich die Bagage getroffen hatte.

Prof. Stecker vom Lehmbruck-Museum, der sich mit aller Kraft für die Menschenrechte chinesischer Künstler einsetzt, hat hinsichtlich seiner Geburtsstadt das Augenmaß verloren: „Wir können doch machen, was wir wollen – es dringt nicht nach draußen. Die Art und Weise, wie jetzt Menschen durchs Dorf getrieben werden, das ist tiefstes Mittelalter.“

Den Vogel schoß allerdings Stadtdechant Lücking ab: „Der Sündenbock stand von vorneherein fest“, womit er – allerdings unfreiwillig – völlig recht hat. In seinem Sprengel wird regelmäßig vampirisch das Blut des Sündenbocks gesoffen und sein Leib kannibalisch gefressen. Der gute Sündenbock Jesus gekreuzigt, der böse Sündenbock Judas musste sich umbringen.

Kaum war mein Wutanfall verrauscht, da finde ich vom gleichen Mike Michel, dito. RP-Online, den Komplementärartikel „Die leise Mehrheit“, der fragt, ob alles, was in Duisburg gut war, plötzlich schlecht sei – und wann der richtige Zeitpunkt sei, wieder nach vorn zu blicken – passend zum Jahrestag. Auch, wann das Bewusstsein der Duisburger wieder ins Positive wechsele. Dann thematisiert er noch „einseitige politische Darstellungen“. Der Tenor ist klar.

Zweite Schuld?

Soviel Unmenschlichkeit hatte ich nicht für möglich gehalten. Im Studium hatte ich Ralph Giordanos „Die zweite Schuld – oder – Von der Last, Deutscher zu sein“ gelesen, wo es um den Nachkriegs-Frieden mit den Nazis, die Verdrängung der Schuld, Adenauers Aufbau der Bundesrepublik mit den Nazitätern: „Ach, hören Sie doch mal mit der Naziriecherei auf!“ ging – um das, was sich zwangsläufig dann ergibt, wenn man nicht aufarbeitet.

Grauenhafte Indolenz!

Nun kenne ich den inzwischen 88jährigen Dokumentarfilmer, der, von Nazis gefoltert, nach dem Krieg zum Kämpfer für Humanität, zum Vorbild vieler wurde, seit über zwanzig Jahren. Telefonisch bat ich ihn um Rat in diesem Fall von zweiter Schuld. Nein, so sei das nicht, schließlich habe Sauerland keine KZs betrieben. Hier handele es sich zwar um eine „grauenhafte Indolenz“, ein eklatantes Defizit an Humanität – er sei an diesem Falle interessiert, ich möge ihn weiter unterrichten.

Nach vorne!

Ein Mangel an Menschlichkeit, eine grauenhafte Schmerzlosigkeit also. Fragt sich, wohin man von dort aus „nach vorne“ blicken kann, wie man das „positiv entwickeln“ kann. Die Herren könnten sicherlich eine Option in Himmlers Rede an die SS finden:

„Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Revolution!

Eine Stadt, deren gesamte Elite so verkommen ist, braucht mehr als bloß einen anderen Oberbürgermeister…

7 thoughts on “Kuhls Kolumne: DIE KOALITION DER SCHMERZFREIEN

  1. stiller Beobachter Do, 28 Jul 2011 at 23:00:55 -

    Diese Kolumne würde ich gerne in der gesamten Presse lesen !Vielleicht muß man davon einiges für die feine “ Obrigkeit “ übersetzen ,damit Diese begreift was der normale Bürger denkt !Erst saugt man unsere Stadt finanziell aus und dann beschwert man sich ,dass ihnen auf die Finger geschaut wird !

  2. Ja, es ist diese grauenhafte Indolenz, die die Fassungslosigkeit verursacht und jegliche Möglichkeit versperrt, sich mit der Katastrophe und dem, was sie verursacht hat, auseinanderzusetzen. Offensichtlich hat der OB das gar nicht erst verstanden. Für ihn ist nun ein Jahr vergangen, und da muss wirklich Schluss sein. Ab August will er endgültig zur Normalität zurückkehren, d.h. endlich für das Geld, das er monatlich bekommt, wieder arbeiten. Aber er will sich ab August auch gegen alle Ungerechtigkeiten wehren, wobei er weder mitteilte, was er als ungerecht empfindet, noch, wie er sich wehren will. Und merkt überhaupt nicht, dass er noch nichts verstanden hat.

    Beim letzten Absatz Ihrer Kolumne bin ich zusammengezuckt, um dann festzustellen, dass es sehr wohl Assoziationen zur Loveparade gibt. Nur die Zahlen sind anders. Aber jedes Leben ist ein Leben, egal ob 21 oder 1000 oder viel mehr.