Traumzeit-Festival: Nils Koppruch – Caribou – Mogwai

Es gäbe keinen besseren Ort für Nls Koppruch bei dieser Traumzeit als das Foyer Pumpenhalle: Sich auf den Stufen niederlassen, ganz nah am Künstler zu sein – obwohl selbst nach Aufforderung von Koppruch der Raum direkt vor den Musikern frei bleibt – und wortpoetische Songs mit einer Spur sympatischer Schusseligkeit zu hören. Ganz nah zum Schluss ist das Publikum auch bei Caribou auf der Bühne, während Mogwais gigantische Klanggewitter den ein oder anderen Festivalbesucher zu schmerzverzerrten Gesichtern hinreissen.

Nils Koppruch also. Drei Stühle, kein Schlagzeug stattdessen eine automatische Zugbewegung mit dem klopfenden Fuss, der das Tambourin in Bewegung setzt. Wie bei einem Straßenmusiker, der sich selbst begleitet. Prätentiosität ist Nils Koppruchs Sache nicht. Weder er noch seine Band, die er als „der Wald“ vorstellt und erwähnt, dass einer zu Hause bleiben musste haben Starallüren. Immer wieder sucht Koppruch den Kontakt mit dem Publikum während er seine wortpoetischen Songs über Liebe, Nachbarn, dem Mädchen singt, dass den Teufel herausfordert bevor es untergeht. Da macht es auch nichts, dass er die Reihenfolge der Songs falsch ankündigt und als Folge dessen die Mundharmonika verkehrt herum in das Gestell einsteckt – Nils Koppruch und der Wald kommen beim Publikum an. Mitwippen, Finger schnippsen, entspannt herumlungern ist angesagt, dabei hört man auf die metaphernreiche Texte, die nie zu schwer daherkommen und sich einprägen. Ab und an ist eine Spur von Country in der Musik, ein Hauch von Rock, eine Prise von französischem Chanson. Wer verrückt vor Liebe ist, singt Nils Koppruch, der kraucht auf allen Vieren durch die Wohnung und kein Arzt kann ihm helfen. Ene Diagnose, der man nur zustimmen kann. Koppruch ist – so wie Kitty Hoff vor zwei Jahren – eine Entdeckung, eine dieser kleinen Perlen, die im Programm der Traumzeit immer wieder vorkommen und für die man nichts weiter knacken muss als die Zeit.

Caribou in der Kraftzentrale, im Wohnzimmer der Traumzeit. Eines der zwei Deutschlandkonzerte in diesem Jahr, das in Berlin ist längst ausverkauft. Während die älteren Herrschaft auf beiden Seiten der Tribüne sitzen können, darf man direkt vor den Musiker rumstehen und später wird die Tanzwut auch auf alle Ränge übergreifen, werden die Massen nach vorne strömen, Caribou einkreisen wie Jäger, die bereit sind das Wild mit einem Schuss zu erledigen. Zeitgleich zur Musik werden Videos gezeigt. Deren Sinn erschließt sich nicht, offenbar war hier die Devise: Hauptsache bunt, Hauptsache es flackert.

Caribous Musik klingt wie die Vertonung der binomischen Formen gekoppelt mit dem Satz des Pythagoras und durchgesiebt durch die Pascalsche Zahlenreihe. Alle ist enorm konstruiert, bauscht sich auf bis zum unerträglichem Lärmschwall. Kopfkinomusik. Dem jungen Publikum gefällts. Man selbst sitzt allerdings etwas ratlos vor diesen Konstruktionen, die wie Bauanleitungen zu einem musikalischem Gebäude anmuten dem das Fundament fehlt. Was immer auch Caribou an diesem Abend erzählen wollen, es bleibt dem Bauch verborgen.

Klanggewitter mit Herz und Seele dagegen schmettern Mogwai am späten Abend durch die Gießhalle. Auch hier Visuals und auch hier die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? Doch diesmal überwiegt die Musik, überwiegen die Lärmwände hinter denen sich Melodik und Ryhthmus verstecken. Verschreckt greift da der ein oder andere Festivalbesucher schmerzverzerrt an seine Ohren, während vor der Bühne die ersten Besucher anfangen sich langsam im Takt zu bewegen. Dabei steckt hinter der Krachattitüde ein Gespür für Harmonie, was deutlich wird als die Geige in einem ruhigerem Stück zu Wort kommt. Der Krawall so scheint es, ist nur Tarnung, vorgetäuscht. Im Grunde ihres Herzens sind Mogwai Romantiker, verdorben jedoch durch die Hektik der modernen Welt. Wer spät in der Nacht dann nach Hause taumelt, betäubt von soviel Klanggewalt, wird sicherlich dies im Kopf mit sich tragen…

Fotos finden sie unter http://xtranews.de/imagedesk/index.php/Duisburg/Traumzeit-2011/Traumzeit-Freitag

5 thoughts on “Traumzeit-Festival: Nils Koppruch – Caribou – Mogwai

  1. Hey.

    Wo ist eigentlich die Würdigung der Mike Stern Band am oben wegkritisierten Traumzeit-Freitag?

    Immerhin ein Weltstar, und die Hütte war fast leer.

    Dessen Rythmusgruppe natürlich Spitze war, der Süßlichkeitsgeiger aber völlig überflüssig –

    was insgesamt zu der Frage führen könnte, ob diese Fusionmusic-Gitarrenfiligranz noch zeitgemäß ist.

    Wobei eine Antwort wäre, daß Fred Frith vielleicht der epochalere, weil vielschichtigere Gitarrist bzw Musikant ist.

    Immer wieder gern genommen, die Frage. (-:

    • Christian Heiko Spließ So, 03 Jul 2011 at 19:25:34 - Author

      Immer wieder gern gegeben die Antwort: Im Optimalfalle ist es so, dass die Konzerte einigermaßen nahe beieinanderliegen. Bei Caribou und Mogwai wäre das trotz der 15 Minuten dazwischen knapp geworden weil Caribou deutlich überzog, Mogwai allerdings dafür später anfingen. Du als emsiger Besucher der Traumzeit weißt genauso wie ich, dass man sich auch nicht zerteilen kann. Da ich der Meinung bin, es ist besser drei Bands zu besuchen und die ordentlich zu rezensieren anstatt wie im Traumzeitblog in einem Posting nur alle Band knapp abzuarbeiten war das halt an dem Abend so.
      Ansonsten: Wer Fragen stellt, die er auch gleich selbst beantwortet ist mir etwas suspekt…

  2. hallo thomas

    anstatt die selbstausbeutungsquote der xtralinge steigern zu wollen solltest du eine ordentliche konzertkritik schreiben

    bin mir sicher dass rodenbücher die hier bringt

  3. @Anon:

    >Mein Highlight war Ólafur Arnalds.

    Ja. Nicht schlecht, das. Man hat darin schon gemerkt, daß alle Isländer von Elfen und Trollen abstammen. Nach meiner These ist dieses Sagenhafte ja auch das Geheimnis des nordischen Klangs.

    Aber – jetzt mal im Ernst:

    Das beste Traumzeitkonzi, aus meiner Sicht, war natürlich auch das Lauteste:

    Zu – die Combo ZU nämlich.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zu_(Band)

    So nahe den Boredoms war man in Duisburg noch nie.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Boredoms

    Übrigens sollte man nicht vergessen, daß der Isfort ZU quasi aus Moers geklaut hat. Denn dort spielten die vor drei Jahren erstmals in der Ecke hier.

    Genau wie in der Traumzeit in der Pumpenhalle ging aus dem Moerser Zelt erstmal die Hälfte des Publikums stiften.

    So mag ich Livemusik. Als den härtestmöglichen inszenierten Kontrast. Spreu vom Weizen trennen. Die Location erst mal leer spielen. Und zwar nicht wegen Dilletanz. Sondern aufgrund von Qualität.