Duisburg von unten – „Löschmeile“

lösch1 Duisburger Gaststätte wird dank Betreiber endgültig zur Institution. Wirt Helmut Bockholt gilt als Vorzeigeobjekt in Duisburgs Kneipenszene. Ein Kneipier alter Schule belebt den Stadtteil Neudorf.

Mensch, Helmut. Er wird mich wohl nicht kennen. Vor über 20 Jahren schon habe ich seine erste Wirtschaft, die „Löschecke“, aufgesucht und trotz seltenen Besuchs immer angenehm empfunden. Unvergessen sind mir die Helden der Arbeit welche ihm anscheinend heute noch im Rentenalter die Treue halten. Kein Wunder bei seiner Empathie für den einfachen Malocher. Als ich damals in seiner alten Wirkungsstätte eine heftige Auseinandersetzung an der Theke beobachtete wollte ein Beteiligter die Polizei rufen. Da wurde Helmut laut. „Polizei? So ein grün-weißer Kindergarten kommt mir nicht in die Kneipe!“. Fortan wusste ich hier gut aufgehoben zu sein. Mensch Helmut.

Die „Löschecke“ und somit die ganze Ecke rund um der Kneipe wurde irgendwann verkauft. An Japaner welche verknallt in das nie vollendete „Multi Casa“-Komplex waren und Yenzeichen in den Augen hatten. Sie erhöhten flugs die Miete um satte 500 Ocken. Wirt Bockholt gab auf. In Rente gehen kam für ihn nicht in Frage. Schräg gegenüber auf der Neudorfer Straße sah man ihn monatelang ackern um einen alten Brötchenladen in einen neue Gaststätte zu verwandeln. 80000 Euronen investierte er um seinen Sinn vom Leben zu untermauern. Mensch, Helmut.

Gestern Abend musste ich nach Jahren mal wieder hin, Meine wie immer charmante Begleitung war nur am Meckern. „Müssen wir dahin?“. Ja, wir müssen. Und es wurde ein Besuch der besonderen Art. Wir betraten den Laden und fanden gerade noch zwei freie Plätze an der Theke. Man war doch überrascht angesichts der vollen Bar und bestellte zwei Pils bei einem flinken Wirt namens Markus welcher die Haare „Briskverdächtig“ in alter Rockabilly-Manier nach hinten gekämmt hat. „Helmut kenne ich schon seit 35 Jahren. Er ist wie ein Vater“ sagt Markus und macht die berühmten Striche auf den Deckel. Man schaut sich vergeblich nach Herrn Bockholt um und bemerkt trotz 46 Jahren der bei weitem jüngste Besucher zu sein. Die alten Malochertypen haben ihm anscheinend die Treue gehalten. Auffallend auch der Fernseher mit übergroßem Videotext welcher das 1:2 des MSV gegen Aachen zur Freude der Gäste langsam in ein 3:2 für unsere Zebras umwandelt. Verwirrt schaute man auf die Uhren welche doch tatsächlich beide die falsche Uhrzeit anzeigen. Das erscheint aber genauso egal wie der komplette Stilbruch der anwesenden „Kunst“ rund um der Theke. Viel interessanter sind die Gespräche um einen herum. Schräg gegenüber sitzt ein „Blaumann“ welcher anscheinend den Weg von der Arbeit ohne Unterbrechung einer Dusche gefunden hat. Ansonsten sind viele Rentner anwesend welche den lauten Klängen eines Bata Ilic oder Peter Alexander horchen oder zumindest zur Kenntnis nehmen. Aber wo ist er denn nun? Der Wirt des Vertrauens welcher übrigens 1958 den Meisterbrief eines „Fleischermeister“ eingerahmt neben der Theke hängen hat. Mensch, Helmut.

lösch2 Plötzlich dackelt er aus der Küche herein. In leicht gebückter Manier welche an die Figur des Barmanns „Moe Szyslak“ der amerikanischen Kult-Serie „The Simpsons“ erinnert. Und das nicht zu knapp. In der Hand hält er zwei Teller mit jeweils vier bis sechs Happen Mett und Griebenschmalz welche er zwei anwesenden Kunden serviert was man natürlich sofort neugierig registriert. Bevor man sich fragt wie teuer wohl der mit Gurken und Minisalami verzierte Teller ist stellt Helmut ihn vor unseren verdutzten Augen. „Guten Appetit“. Und das wiederholt er bei jedem Gast . Wo gibt es so etwas schon in Duisburgs Kneipen? Mensch, Helmut.

Fortan war es ein Genuss ihm zuzuschauen. Wie er beinahe jeden Gast kurz anspricht, Witze macht oder auch den einen oder anderen „kurzen“ kippt. Als ich ihn ansprach ob er mich eigentlich zumindest vom „sehen“ her kennt, kommt ein promptes „Natürlich kenne ich Dich!“ und erzählt seine Erfahrungen mit den Kneipen in bester Ruhrpott-Manier. Plötzlich kommt eine Dame jenseits der 70 herein und wirkt leicht verwirrt. Sie kramt in den Taschen und legt Münzen geringen Werts auf die Theke. Helmut serviert routiniert einen „Baileys“ und ein Wasser für die betagte Dame welche deutlich weniger bezahlen will und anscheinend auch nicht kann. Mit seinen Gesten gibt er zu verstehen, dass es so schon in Ordnung ist. Dieser Mensch. Mensch Helmut!

„Löschmeile“

Neudorferstr. 53

47057 Duisburg

http://loeschmeile.de/3.html

One thought on “Duisburg von unten – „Löschmeile“

  1. Der Wahnsinn, diese Artikelreihe! Da stand ich jahrelang gegenüber dieser Kneipe, wenn ich auf den Bus wartete, und war doch nie drin. Naja, vllt. mal in 20 Jahren, wenn ich das richtige Alter erreicht habe ;).