Loveparade: “Wir wollen das Beste für die Angehörigen” – Interview mit Hermann Kewitz von proDUISBURG

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Herr Kewitz, in einem Bericht von WDR Lokalzeit Duisburg sagen Sie, dass der Standort Rampe, also der Ort, an dem 21 Menschen verstorben sind, sich nicht für eine Gedenkstele eignen würde, somit also auch nicht als Gedenkstätte.

Die Firma Kriegerbau in Berlin und folglich Herr Krieger persönlich sagen aber, dass das sehr wohl ginge. Weiter heißt es, dass im Grunde jeglicher Gedenkstätten-Wunsch der Bürger und vor allem der Hinterbliebenen, was Ort und Art angeht, Berücksichtigung finden könne.

Hermann Kewitz: Was den Standort auf der Rampe angeht, so ist mir diese Information neu. Wir hatten bei der Planung für den Kubus mit Krieger gesprochen und das Unternehmen hatte eine Aufstellung an dieser Stelle aufgrund des Baustellenverkehrs verneint. Die Skulptur (22 weiße Holzkreuze auf einem Schild, Anm.d.Red.), die an der Auffahrt angebracht worden war, hatte Krieger aufgrund des Baustellenverkehrs entfernen lassen und an der Seite positioniert (dort, wo sich die provisorische Gedenkstätte befindet, Anm.d.Red.). Ich habe da selbst mit einem Vertreter von Kriegerbau gesprochen, der sich mit dem Bürgerkreis in der Sache abgesprochen hat. Unsere Information war, dass dort der Baustellenverkehr über die Rampe geführt wird und dass möglicherweise auch an der Tunnelsituation gearbeitet wird. Darüber hinaus war uns wichtig, dass Menschen, die dort gedenken wollen sicher sind, also nicht durch die LKWs gefährdet werden. Zu beachten ist, dass die Stele innerhalb der nächsten Monate entstehen soll. Sollte sich nun eine andere Situation durch Krieger ergeben, so werden wir das prüfen.

Wir sind ja nicht grundsätzlich gegen einen Standort an der Rampe. Es spielten bei der Entscheidung rein praktische Erwägungen wie Sicherheit oder zeitliche Umsetzbarkeit eine Rolle. Wir sind in der Sache in keiner Weise dogmatisch. Uns geht es allein um das würdige Gedenken.

Sie wissen, dass ausgerechnet dieser Zugangsweg für die An- und Auslieferung von Möbeln genutzt werden soll. Woher? Kriegerbau weiß das anscheinend nicht.

Hermann Kewitz: Ich habe mit einem Vertreter von Kriegerbau, der für diese Dinge verantwortlich ist, im September, also zum Zeitpunkt als wir die Ausschreibung formuliert haben, gesprochen. (Gemeint ist im Übrigen die Ausschreibung für die Stele und nicht die für eine städtisch geplante Gedenkstätte.)

Dort hinein würde eine Gedenkstätte in Form einer Stele o.a. und auch eine Kapelle, die ja übrigens Herr Krieger sogar stiften würde (!) eigentlich sehr gut passen. Finden Sie nicht?

Hermann Kewitz: Das ist alles denkbar, und es ist ja nach wie vor möglich, wenn die Planung für eine Gedenkstätte konkreter wird. Auf dem Kriegergelände eine Gedenkstätte zu errichten ist von unseren Plänen völlig unberührt.

Der Bürgerkreis hatte ja den Vorschlag gemacht, dass zusätzlich zur Stele noch eine Gedenkstätte entstehen soll. Diese könnte dann auf dem Kriegergelände entstehen. Warum nicht? Aber wie gesagt, das ist nicht unser Thema. Wir stehen im Wort sehr zeitnah unsere Stele zu setzen – und zwar als Zeichen Duisburger Bürger! Der lokale Bezug war uns wichtig. Wo das sein wird, hängt auch von dem Entwurf ab, für den sich die Jury entscheidet. Wir wollen das Beste für die Angehörigen und die Menschen erreichen, die mit ihnen trauern.

Ist ja eigentlich sehr nett von Herrn Krieger?

Hermann Kewitz: Durchaus. Und kann ja auch realisiert werden. Aber wie gesagt, das ist nicht unser Thema. Uns geht es allein um das Erinnerungszeichen der Duisburger, für das weit über 100 Menschen gespendet haben. Ist doch auch nett – oder?

Auf jeden Fall. Aber es sollte die Duisburger Stadtverwaltung nicht ihrer Verpflichtung entledigen im Sinne der Hinterbliebenen und aller Opfer tätig zu werden, denke ich.

Ich vermute aber, dass einige Vertreter der Stadt Duisburg (z.B. Planungsamt, Oberbürgermeister, Stadtdirektor, Stadtsprecher, Duisburg Marketing GmbH, Kulturamt) u.U. nicht wollen, dass dort eine Gedenkstätte entsteht. Es handelt sich ja nicht nur um eine Gedenkstele. Auch eine seitens Herrn Krieger angedachte Kapelle als mögliche Gedenkstätte am Unglücksort ist im Gespräch. Was wieder einem Pilgerort gleichkäme.

Hermann Kewitz: Was oben genannte Institutionen oder Personen wollen kann ich nicht sagen und spielt in dieser Sache für mich auch keine Rolle. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass der Oberbürgermeister für eine Gedenkstätte auf dem Gelände sein soll. Ob’s stimmt? Ich weiß es nicht.

Wir von der Initiative Spendentrauermarsch fühlen uns allein an das gebunden, was wir versprochen haben als wir zu unserem Spendentrauermarsch aufgerufen haben: Wir sammeln Geld für ein Gedenkzeichen, das von Duisburgern finanziert wird und durch eine/n Duisburger Künstler/in realisiert wird. Wir wollen Erinnern und würdiges Gedenken möglich machen. Zudem haben wir den Angehörigen zugesagt, dass wir dieses Gedenkzeichen deutlich vor dem Jahrestag setzen werden. Das war ihnen wichtig. Ebenso übrigens wie die Nennung der Namen der Verstorbenen.

Herr Nuernberg von Kriegerbau sagte mir, nachdem es seitens der Initiatorin der Gedenkgruppe Never Forget hieß, dass der Ort angeblich nicht mehr für eine Gedenkstätte in Frage kommen würde, da das komplette Gelände Asbest verseucht sei und es daher erst einmal abgetragen werden müsse, dass das nicht stimme. Wie ist Ihr Kenntnisstand?

Hermann Kewitz: Ich habe mein Wissen bereits oben zweimal skizziert.

Warum äußern Sie sich eigentlich in dieser Sache, wurden Sie von der Stadt Duisburg vorgeschickt, weil ihre Vertreter sich vielleicht nicht trauen?

Hermann Kewitz: Ich weiß nicht, auf welche „Sache“ die Frage zielt. Was ich aber sagen kann: Ich werde nicht vorgeschickt oder sonst irgendetwas. Das erscheint mir alles an den Haaren herbeigezogen.

Wir haben unsere Initiative gegründet, weil wir ein Zeichen der Bürgerschaft setzen wollten. Das geschah sehr spontan und aus persönlicher Betroffenheit. Wir haben Geld für eine Stele gesammelt und wollen dieses Vertrauen, das uns so viele Menschen entgegen gebracht haben, rechtfertigen. Die Menschen, die sich im Ehrenamt hier engagieren, und das gilt auch für mich, waren erst einmal traurig über das, was in Duisburg geschehen ist. Daraus ist die Initiative entstanden.

Wir wollten den Angehörigen zeigen, dass wir als Duisburger mit ihnen trauern. Diese Botschaft habe ich auch im Gespräch mit den Angehörigen deutlich gemacht, und ich hatte den Eindruck, dass sie das positiv aufgenommen haben.

Gemeint war Ihr Engagement in Sachen Gedenkstele. Wäre das aber nicht eigentlich Aufgabe der Stadtverwaltung?

Hermann Kewitz: Der Bürgerkreis Gedenken, in dem wir mit unserer Initiative vertreten sind, hat sich nach meiner Meinung auf eine gute Regelung verständigt. Die Bronzetafel an der Rampe sowie der Kubus, der temporär einen Ort des Erinnerns bietet, wurden von der Stadt finanziert und wurden sehr schnell umgesetzt.

Unsere Initiative entstand sehr schnell nach dem Unglück. Der Bürgerkreis hat unser Anliegen respektiert und macht es uns möglich, unsere Idee eines Gedenkzeichens der Duisburger zu realisieren. Wir wollen da sehr zügig reagieren, so dass unser Zeichen bereits im Frühjahr 2011 realisiert werden kann. Schließlich wird eine Gedenkstätte entstehen, da sind wieder Rat und Verwaltung in der Verantwortung. Die Realisierung wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Denn es geht um deutlich mehr Geld und um eine weit aufwendigere Planung und Umsetzung. Bei dieser Planung spielt dann möglicherweise auch wieder ein Standort auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs eine Rolle.

Ist es überhaupt noch sicher, dass Kriegerbau ihr Möbelhaus Höffner dort bauen? Der Presse war zu entnehmen, dass das zum jetzigen Zeitpunkt so klar noch gar nicht sei, u.a. weil sich noch andere Möbelhaus-Investoren für den Standort Duisburg interessieren. Vielleicht auch wegen der dort geschehenen Katastrophe nun u.U. zögern dort zu investieren. Deshalb ja auch Herrn Sauerlands Engagement bei seiner Investorenakquise in München.

Hermann Kewitz: Ob gebaut wird oder nicht, darüber habe ich keine nähere Information. Doch eben diese Unsicherheit hilft nicht weiter. Was ist, wenn dann doch gebaut wird? Unsere Stele soll ja dauerhaft stehen. Da sollte man unterschiedliche Szenarien im Blick haben.

Noch einmal: Uns geht es nicht darum gegen irgendwen etwas zu tun, sondern für die Angehörigen und für Duisburg etwas zu tun. Darüber hinaus besteht ja die Möglichkeit die geplante Gedenkstätte auf dem Kriegergelände zu bauen.

Betreibt Ihr Verein eine städtisch unabhängige Bürgerarbeit oder haben Sie den Eindruck, dass man sie seitens der Institution bzw. seitens des „Großkonzerns“ Stadt Duisburg vielleicht benutzt?

Hermann Kewitz: Was für eine Frage! Ich denke, dass wir nicht benutzt werden. Jedenfalls fühle ich mich nicht benutzt.

proDUISBURG tut das, was wir für richtig im Sinne unserer Stadt halten. Kann es sein, dass wir uns dabei schon mal irren? Möglich. Kann es sein, dass wir eigensinnig, böswillig oder bewusst gegen andere arbeiten, die sich, wie wir, für Duisburg einsetzen? Auf keinen Fall!

Unser Verein hat sehr viele Freunde. Die Deutsch-Französische Gesellschaft, den Verein für Literatur und Kunst, den Stadtsportbund, den Zoo Duisburg oder die Uni. Das pro in unserem Namen sagt es aus: Wir sind für Duisburg und handeln nach bestem Wissen und Können. Das ist es.

Herr Kewitz, vertritt Ihr Verein die Interessen der Stadt Duisburg oder die der Duisburger Bürger?

Hermann Kewitz: Ich verstehe die Frage nicht. Ist mit Stadt Duisburg der Rat oder die Verwaltung gemeint? Sind wir als Bürger nicht vielmehr alle die „Stadt Duisburg“? Und wer sind die Duisburger Bürger, auch sie verfolgen unterschiedliche Interessen, sehr zu Recht übrigens. Aus meiner Sicht gibt es nicht die Stadt Duisburg und es gibt auch nicht „die Duisburger Bürger“.

Kurzerhand, wir tun das, was wir als hilfreich für Duisburg erachten und in unseren bescheidenden Möglichkeiten steht. Wir vertreten die Interessen der Menschen, die sich in unserer bürgerschaftlichen Vereinigung engagieren. Dazu gehört, dass wir Exkursionen anbieten, Möglichkeiten der Begegnung und des Austauschs schaffen.

Ich will Sie mit meinen Fragen nicht angreifen, aber hat Pro Duisburg etwas mit Pro NRW oder Pro Deutschland zu tun oder gemeinsam?

Hermann Kewitz: Nichts. Unseren Verein gibt es seit 1910. Wir haben uns im Jahr 2000 in proDUISBURG umbenannt. Da gab es die oben Genannten noch gar nicht. Wir sind eine überparteiliche bürgerschaftliche Vereinigung in Duisburg für Duisburg.

Die Begegnungsstätte der Moschee in Marxloh ist bei uns Mitglied (wir haben die Moschee auch besucht), ebenso wie der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Duisburg. Wir haben ein Schulbuch gemeinsam mit der Bürgerstiftung und der Stadt Duisburg herausgegeben und 7000 Exemplare an Schülerinnen und Schüler kostenlos verteilt.

Warum erwähnen Sie in diesem Lokalzeitbericht nicht, dass sich u.a. Pro Duisburg e.V. für einen Bürgerpark auf dem Gelände Duisburger Freiheit einsetzt?

Hermann Kewitz: Zum einen war das Interview, das ich der Lokalzeit gegeben habe, deutlich länger. Der Kollege hat nur einen Teil des Gesprächs für seinen Beitrag genutzt. Das ist normale journalistische Praxis.

Zum Thema Bürgerpark habe ich mich gleichwohl noch nie geäußert, und proDUISBURG hat sich mit dem Thema auch noch nie Stellung nehmend befasst. proDUISBURG hat sich bislang weder für noch gegen einen Bürgerpark geäußert.

Ist Ihnen bekannt, wer auf die Namen Bürgerpark und Duisburger Freiheit gekommen ist?

Hermann Kewitz: Auch dazu kann nichts sagen. Mich hat noch nie jemand zu meiner Meinung in Sachen Namensgebung gefragt. Warum auch? Ich denke aber, dass Aurelis als Eigentümer des Geländes etwas mit der Namensgebung zu tun haben könnte. Aber ich lese in der Sache auch nur Zeitung.

Ist Pro Duisburg mit am Entscheidungsprozess für die Gedenkstele beteiligt? Hat diese sich in das Gesamtbild „Östliche Hundewiese vor Osttunnel zwischen Gebüschen vor Mauer und Bahngleisen hinter Parkplätzen und Supermärkten mit Blick auf Balkone und Fenster der Anwohner Karl-Lehr-Straße“ einzufügen?

Fürchten Sie nicht massiven Protest der Hinterbliebenen und der Menschen in Duisburg?

Hermann Kewitz: Ich sehe den Standort nicht so problematisch wie Sie und habe ihn bei meinen Besuchen am Kubus auch nicht so erlebt. Übrigens gilt das auch für viele andere Menschen, die dort waren. Die Angehörigen haben bei ihrem Besuch in Duisburg am 4. September den Standort gesehen und ich habe einen Tag später an einer Gesprächsrunde mit ihnen teilgenommen. Auch da gab es keine Einwände. Die Mutter des Opfers aus den Niederlanden gab zu bedenken, dass der Ort weit von der Rampe entfernt sei. Später hat sie dann von sich aus gesagt, dass es im Park sicherer sei als auf der Rampe und dass sie die Entscheidung verstehe. Die Mutter des italienischen Opfers hat nach der Besichtigung des Standorts noch einen Bilderrahmen geschickt, damit das Foto von ihrem Kind würdig zu sehen sein sollte.

Es wurden da auch Fragen zur Stele gestellt, die ich nach besten Kräften beantwortet habe. Wir haben an diesem Tag gemeinsam und einvernehmlich vereinbart, dass ein Mitglied aus dem Kreis der Angehörigen in der Jury mitarbeitet. Das geschieht auch.

Wir haben alle uns zur Verfügung stehenden Informationen, auch die Ausschreibung, an die von der evangelischen Notfallseelsorge organisierte Gruppe weiter gegeben. Sie können dort in einem geschützten Bereich der Internetseite eingesehen werden. Sollte es massive Proteste geben, wird man ins Gespräch kommen müssen.

Wie gesagt, was ich persönlich für richtig halte, spielt nur sehr bedingt eine Rolle. Entscheidend ist, was wir bei unserer Initiative angekündigt haben. Dafür haben die Menschen Geld gespendet. Das haben wir den Angehörigen zugesagt. Im Übrigen zeigt die überwältigende Resonanz auf die Ausschreibung seitens der Duisburger Künstlerschaft, dass der Standort für ein Zeichen des Erinnerns und Mahnens nicht die entscheidende Rolle spielt.

Fürchten Sie nicht, dass die Hunde, die dort regelmäßig Gassi und andere Geschäfte verrichten die Stele als willkommene Abwechslung begrüßen? Man müsste das Objekt nicht nur gegen Graffiti, Bekritzelungen und Schmierereien schützen, sondern zusätzlich mit einem Hundeabschreckmittel imprägnieren. Fraglich, ob es das gibt. Aber selbst wenn, kann das eine gute Lösung sein? Spricht nicht auch das gegen diesen Ort?

Hermann Kewitz: Ich finde, diese Ansicht verkehrt die Verhältnisse. Müsste man nicht eher die Bürger, die mit ihren Hunden dort spazieren gehen, in die Pflicht nehmen? Ist es nicht an Ihnen, Respekt zu zeigen? Wer ist schuld an Vandalismus? Die Menschen, die eine Fläche in gutem Willen anbieten, oder jene, die sie besprühen? Und wer sagt, dass an einem anderen Standort nicht ebenfalls Graffitis aufgesprüht werden? Vielleicht aber sind alle diese Annahmen unbegründet: Es wäre doch schön, wenn Hundebesitzer diesen Ort des Gedenkens respektieren und ihre Tiere entsprechend anweisen.

Es wäre gut, wenn Graffiti-Sprayer hier ihren Respekt vor den Opfern zeigen und ihre Sprühdosen in der Tasche ließen. Wir tun doch nichts gegen irgendwen, sondern wollen für Menschen etwas tun. Ich würde mich freuen, wenn sich möglichst viele Menschen mit diesem Gedanken anfreunden könnten.

Herr Kewitz, wir bedanken uns für dieses Interview.

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