Walter Kaufmann in Duisburg: „Im Fluss der Zeit“ – Erinnerungen an ein Leben auf drei Kontinenten

Gescheitert sei er, erklärt Walter Kaufmann zu Beginn seiner Lesung in der Stadtbibliothek Duisburg. Als Schriftsteller sei er an dem Schreiben der eigenen Autobiographie gescheitert, dem chronologischem Erzählen seines Lebens von Geburt an. Erst mit dem punktuellen Zugriff, mit der Verknüpfung der Gegenwart und der Vergangenheit entstand „Im Fluss der Zeit“.

Dabei hält der Autor in Duisburg eher eine Erzählung als eine Lesung ab. Erklärt das Prinzip, wie er beim Schreiben vorgegangen ist, falls man es irgendwann einmal nachahmen wolle. Wie Proust bei der Madeleine seine Gedankenerinnerungen schreibend zusammenstellt genügt auch bei Kaufmann ein kleines Detail um Dinge der Vergangenheit kontrastierend gegenüberzustellen oder sie zu ergänzen. Ein Obdachloser in Berlin, die Schuhe von Soldaten eines Kinofilms – kleine Momente, aus denen die Assoziationen an ein bewegtes Leben kommen. Als 15jähriger nach England emigriert, als Ausländer nach Australien abgeschoben, als Seemann und Hafenarbeiter tätig – ein Leben, das reich an Erfahrungen ist.

Kaufmann liest Auszüge aus dem sechstem Kapitel seines Buches, schildert seine Ankunft mit 15 Jahren in England, seine erste Liebe, die Überfahrt nach Australien. Dabei ist die Vergangenheit gleichzeitig auch eine Suche nach den Motiven für Entscheidungen um Leben. Das harte, aber sichere Leben in Australien tauschte Kaufmann gegen die DDR ein, erlebte den Bau und den Fall der Mauer mit. Er sei, sagte er auf Nachfrage aus dem Publikum, einer derjenigen gewesen für den die Mauer selbst durchlässig war – dies lag vermutlich am australischem Pass. „Ich habe ein sehr freies Dasein gehabt, im Vergleich zu meinen Kollegen,“ räumt er ein, „und der Grund warum ich, und viele andere damals, in die DDR gingen war die Hoffnung auf eine fröhlichere, blühende.“ Dass diese Hoffnung durch die Geschichte enttäuscht werden würde konnte damals keiner ahnen.

Die Sache mit Christa Wolf, die als IM Margarethe ihn bespitzelte – diese Sache sei abgeschlossen. Persönlich könne er nicht verstehen warum Christa Wolf diese Geschichte hätte verdrängen können, aber letztendlich wolle er nicht weiter Aufhebens um die Sache machen. In einem Brief aus Los Angeles hätte Frau Wolf ihn um Verzeihung gebeten, damit sei es auch erstmal genug. Zudem: Der Bericht selbst war ja sehr oberflächlich, mit 30 Jahren sei Christa Wolf damals noch jung gewesen und alles in allem hat Kaufmann selbst den Bericht auch zuerst gar nicht so wichtig genommen. „Ich habe die Handschrift nicht erkannt“, sagte er.

Zum Schluss der Lesung, die großen Zulauf im Literaturbistro fand, kehrte Kaufmann an die Stätte seiner Kindheit zurück und las einen Abschnitt aus dem letztem Kapitel seines neuen Buches. Dass er nur adoptiert worden ist, das erfährt er erst als Erwachsener in Berlin. Die Spurensuche nach der eigenen Herkunft, das Aufschreiben der eigenen Vergangenheit als Balancierstange für die Gegenwart – das ist es, was „Im Fluss der Zeiten“ auszeichnet. Dank der Schenkung von 3 Exemplaren durch die Deutsch-Israelischen Gesellschaft kann die Stadtbibliothek Duisburg diesen Roman jetzt auch den eigenen Lesern anbieten. Dass die Bibliothek bis jetzt immer noch keinen Etat besitzt um selbst Bücher anzuschaffen sondern auf Schenkungen angewiesen ist, das ist wahrlich eine traurige Randnotiz im Kulturhauptstadtjahr 2010.

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