Wie Sascha Lobo sich selbst ins Aus befördert

Am Anfang steht eine Frage. Nämlich die von Felix Schwenzel aka Wirres.net an Sascha Lobo. Die Antwort stellt den angeblich so internetaffinen Lobo als nicht gerade einen Fachmann für eBooks in Deutschland dar. Das muss man auch nicht sein – aber Cory Doctorow beleidigen, dazu gehört schon etwas Chuzpe. Nachdenken über eine Problematik, die die Verlage verschlafen.

Sascha Lobo hat einen Roman veröffentlicht. „Strohfeuer“. Ich bekenne, dass ich diesen Roman nicht lesen werde weil die Thematik des Internet-Blasen-Jahrzehnts mich nicht interessiert. Man muss wohl schon aktiv in der New Economy gewesen sein um Bücher mit Themen über diese New Economy und deren Zusammenbruch spannend zu finden. Außerdem ist es ja nicht der erste Roman zu dem Thema und vermutlich auch nicht der Letzte. Jedenfalls: Felix Schwenzel aka Wirres hat Lobo etwas in seinem Blog gefragt:

wie fändest du es, wenn dein buch irgendwo in den weiten des internets unautorisiert herunter zu laden wäre?

Wenn man wie Lobo ja so total internetaffin ist und das Web gut findet und überhaupt so Neue-Boheme-mäßig überhaupt das Arbeit nennen kann – dann erwarten die Leser eigentlich, dass Lobo sagt: „Kein Problem. Selbst wenn illegal ist, machts.“ Da Lobo allerdings auch seine Pfründe zum Leben braucht kommt als Antwort:

Wenn „Strohfeuer“ illegal herunterzuladen wäre, würde mich das ärgern. Was mich fast noch mehr ärgert, sind Behauptungen wie die von Cory Doctorow, unautorisiertes Verteilen in Tauschbörsen würde generell den Verkauf fördern (über seinen speziellen Fall hinaus). Das halte ich für eine anbiedernde Schutzbehauptung: er hat Angst, dass seine Nerd-Fans ihn sonst doof finden.

Nun ist es vollkommen in Ordnung wenn man gegen illegales Downloaden des eigenen Contents ist, bei Sascha Lobo, der doch immer so für Internet und Freiheit und so plädiert, ist das allerdings schon bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass Lobo offenbar sich nicht die Mühe gemacht hat zwei Unterscheidungen zu treffen: Erstens – Cory Doctorow hat sowas gar nicht gesagt. Zweitens – Cory schreibt auf englisch.

Felix hats in seinem Blogbeitrag ja auch schon ausgeführt, aber da ich mit Cory netten Emailkontakt hatte wegen meiner Übersetzung von „Craphounds“ ins Deutsche kann ich das etwas präziseren: Cory Doctorow sagt, dass das kostenlose Verteilen seiner Bücher in allen erdenklichen Formaten für alle erdenklichen eReader für seine Bücher einen deutlichen Verkauf der gedruckten Exemplare nach sich zieht. (ALLE erdenklichen Formate!) Lobo zieht dann im weiteren Verlauf der Diskussion seine Erfahrungen mit der Riesenmaschine ein. Diese habe sich nicht gut verkauft – trotz der Klicks. Was Lobo nicht in Betracht zieht: Die Riesenmaschine war oder ist zwar eines der erfolgreicheren Blogs in Deutschland, aber der breiteren Masse an Lesern total unbekannt. Ebenso hat der Mainstreamkäufer meistens wohl noch die Ahnung wie man sich Dinge herunterlädt, aber Hand aufs Herz liebe Leser – hätten sie was mit dem Begriff der Riesenmaschine anfangen können? Die Thematiken des Buches waren ebend für – Nerds. Special Interest. Genau so wie Corys Bücher halt special interest ist. Da ist schon ein Vergleich möglich.

Ich weiß nicht in welchen Formaten die Riesenmaschine damals angeboten wurde. Und damals ist auch nicht heute. Heute haben wir mobile transportable Endgeräte zum Lesen, die funktionieren. Sonst würde Weltbild nicht einen Reader für knapp 100,- Euro auf den Markt werfen, weitere Modelle sind angekündigt. Seitenlange PDFs lese ich mir ja nicht auf dem Rechner durch. Oder dem Laptop. Insofern: Corys Bücher sind dank der CC-Lizenz und seiner Fangemeinde selbst in den obskursten Formaten verfügbar. Manche eBook-Verlag könnte sich das als Bespiel nehmen übrigens.

Also haben wir bisher: Das Riesenmaschine-Buch war wahrscheinlich nur als PDF verfügbar und das zu einer Zeit als es keine mobilen Endgeräte – also keine massentauglichen – gab. Dass dann die Zahlen für diese Aktion nicht besonders sein können, verwundert einen das? Mich nicht. Und dann ist da noch die Geschichte mit der Sprache. Die Riesenmaschine ist nur für den deutschsprachigen Sprachraum verfügbar gewesen. Englisch liest die ganze Welt – Deutsch eher nur so ein kleines Reservat…

Felix geht aber auch noch um etwas Anderes, was ich auch für nachdenkenswert halte:

ist das auftreten von schwarzfahrern oder blinden passagieren nicht ein zeichen dafür, dass man ein relevantes, atraktives produkt anbietet, dass man etwas geschaffen hat, was die leute unbedingt haben oder nutzen wollen und ist das gegenteil, keine schwarzfahrer, keine blinden passagiere, keine schwarzkopierer nicht vielleicht ein zeichen dafür, dass man etwas anbietet, was nur sehr wenige leute interessiert?

Sprich: Interessiert „Strohfeuer“ potentielle Raubkopierer nicht weil es doof, langweilig, nicht gut zu lesen oder sonstwas ist? Ist eine Ewähnung in den Tauschbörsen nicht immerhin als „gut“ zu werten? Spannende Frage.

Lobos Antwort ist – ähm – nun – suboptimal. Zudem hat er die Frage nach dem eBook an sich, ob er „Strohfeuer“ denn als eBook erscheinen lassen würde in seiner ersten Antwort gar nicht beachtet. Was jetzt aber folgt ist ein Idiotenbeleidigungsgestammel ersten Ranges:

willst du mich verarschen, du erlebnisschrottblogger?

hast du meine antwort überhaupt gelesen, bevor du deine ungelenken, fehlerstrotzenden buchstabenketten druntergeflanscht hast?

80% deiner kommentatoren sind im besten fall schwer gestört und im nicht einmal schlechtesten fall von der realität erwachsener, arbeitender menschen eine million kilometer entfernt. und wenn man davon auf deine leserschaft schliesst, ist ja eigentlich alles egal, trotzdem hättest du dir wenigstens die mühe machen können, meine antwort durchzulesen.

Alles klar – nach diesem Absatz lohnt es sich nicht die Antwort Lobos weiter durchzulesen – wer sich solchermaßen verhält, stellt sich selbst ins Aus. Und hat nicht begriffen worum es eigentlich in der Debatte geht. Nämlich um die Frage, wie ein Geschäftsmodell im Internetzeitalter in Bezug auf das Werk Buch funktionieren kann – kann, nicht muss, dazu sind die Versuche in Deutschland momentan zu wenig. Ich hätte gerne gewußt wie die Zahlen bei RandomHouse für die deutsche Ausgabe von „Down and out…“ lauten, das war immerhin zum freien Download verfügbar und ich weiß, dass die SF-Szene sich sehr dafür interessiert hat.

Sicherlich wird es das Buch in gedruckter Form weiterhin geben – vor allem im belletristischen Bereich, Romane, wird das wohl so bleiben. Bei wissenschaftlichen Sach- und Fachbüchern allerdings sind die Möglichkeiten der Weiterverarbeitung des Inhalts bei Ebooks sehr willkommen. Und was man nicht außer Acht lassen sollte: eBook-Reader können dank der Schriftauswahl – sofern die restliche Bedienung einfach ist – das Publikum über 50 ansprechen, das Probleme mit kleiner Schrift hat. Dass diese allerdings keinen Bock auf Sascha Lobos Elaborate haben könnten, das ist ein anderes Blatt. *raschelknister*

(Wobei – das Buch ist auch als Digitalbuch vorhanden. Ich vermute, die meinen ein eBook damit. Womit sich Felix Frage damit wohl erledigt hätte. Hätte man aber beantworten können…)

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