Precht – die Fortsetzung: der Volksversteher

  

„Vom Unbehagen der bürgerlichen Mittelschicht“ spricht der deutsche Philosoph Richard David Precht in seinem „Spiegel“-Text „Soziale Kriege“, der schon vorgestern hier Gegenstand der Erörterung war. Precht zufolge „ergreift die bürgerlichen Mittelschichten ein fühlbares Unbehagen“ – an diesem Punkt sind wir stehen geblieben. Und eben dieses Unbehagen eben dieser Schichten ist dem Bestsellerautor mehr als dessen reine Feststellung wert; sie ist für ihn zentraler Ausgangspunkt weiterer Überlegungen. Also direkt weiter in dem prechtigen Text: „Soll man sich mitfreuen, wenn sich der Wirtschaftsminister über den Aufschwung nach der Finanzkrise freut? Hurra, wir dürfen weiter unreflektiert den gleichen Mist machen wie vorher?“

Soll man dem Starphilosophen auf seine rhetorischen Fragen etwa ernsthaft eine oder gar zwei Antworten geben? Meint er mit dem kumpelhaften „Wir“, dem Subjekt des unreflektierten Mistmachens gar „uns“, die bürgerliche Mittelschicht, oder doch eher „die da oben“ wie etwa den Wirtschaftsminister, dessen Blödheit Legende ist und der sich folglich über den Aufschwung nach der Finanzkrise auch noch freut, was zwar eine weit verbreitete Attitüde beschreibt und gleichsam zur Stellenbeschreibung Brüderles gehört. Aber hier geht es um Philosophie. Ich freue mich nicht, Precht freut sich nicht, aber der Brüderle. Boah, wie blöd!

Hier wird sich nicht gefreut! Hier hat man gefälligst ein Unbehagen zu fühlen. Die bürgerliche Mittelschicht, „Wir“! Wer nicht mit uns fühlt, fühlt gegen uns. Precht und die Mittelschicht – ein einheitliches Volksganzes. Das Unbehagen erklärt sich nicht – wie bei Ulrike Herrmann – aus dem „Selbstbetrug der Mittelschicht“ (Frechheit!), sondern aus der Opferrolle, in die das Bürgertum laut Precht gezwängt ist.

„Es geht um die Selbstbehauptung des gefährdeten Bürgertums an beiden Fronten: gegen das Dissoziale von oben und von unten, gegen die Oligarchie der Mächtigen und gegen die Anarchie der Ohnmächtigen.“ Nicht asozial, nicht unsozial, nein: dissozial – da weiß ein jeder „Spiegel“-Leser, der von Hause aus sowieso schon „mehr“ weiß: Boah, der weiß ja noch mehr, der Precht. Spitzentyp. Und Recht har er auch noch: wir sind gefährdet, und zwar von allen, die nicht so sind wie wir. Die da oben und – erst recht – die da unten. Selbstbehauptung ist angesagt, darum geht es. Gut, dass wir einen Philosophen haben, der uns sagt, worum es geht. Klar: es geht um uns. Nur um uns! Doch der Meister sagt uns auch, und darum geht es, was wir tun sollen, um uns in dieser Gefahr irgendwie behaupten zu können.

Es geht um „die Kunst, kein Egoist zu sein“. So heißt ja auch das Buch, das nächsten Montag erscheint. Leider sind alle, die nicht so sind wie wir, wenn wir ehrlich sind: Dissoziale, also Egoisten – Typen, die dem Volk schaden. Auch die da oben: „Und wer im Namen des Volkes gegen das Volk in Stuttgart den Hauptbahnhof tiefer legt, der versteht nicht die Zeichen der Zeit.“ Ganz genau: das wird sich das Volk nicht bieten lassen. Das Volk versteht nicht nur die Zeichen der Zeit, es setzt sie. Nun steht das Volk auf und der Sturm …

Sorry! Da besteht nicht der geringste Zusammenhang. Prechts Geschwafel von der „Selbstbehauptung des gefährdeten Bürgertums“ hat freilich nichts, aber auch gar nichts zu tun mit Ideologien, mit denen er einfach nichts zu tun haben will. Sarrazins Blut-und-Boden-Stuss, ich bitte Sie! Hier geht es um Philosophie im Zeichen der Zeit. Rassismus und diese Dinge – so etwas gibt es nicht bei Precht. Und deshalb schreibt er auch klipp und klar, damit die Gattin des Sparkassen-Filialleiters und der Vorsitzende der grünen Kreistagsfraktion auch etwas zur Selbstbehauptung in der Hand haben, falls sie einmal dumm angequatscht werden sollten:

„Ein deutscher Dissozialer, der sich zur bürgerlichen Wertegemeinschaft nicht zugehörig fühlt, ist für unsere Gesellschaft ebenso gefährlich wie ein türkischer.“ So! Da soll noch irgendjemand etwas sagen. Das hat der Sarrazin zwar auch ständig geschrieben, weiß aber keiner mehr. Jedenfalls, wir halten fest: die Dissozialen oben sind ein bisschen Brüderle-blöd, haben die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Die da unten sind aber richtig gefährlich. Ganz egal ob deutsch oder türkisch. Sie sind nicht so wie wir, weil sie sich nicht zur bürgerlichen Wertegemeinschaft zugehörig fühlen, also eine Bedrohung.

So kann es nicht weitergehen! Scheiß Türken. Precht schreibt: „Es gibt Integrationsprobleme von Migranten in Deutschland, es gibt einen Moralverlust in allen sozialen Schichten, einen Sittlichkeitsverfall im öffentlichen Umgang, eine Enthemmung bei Sex und Gewalt, eine soziale Erosion der Mittelschicht und vor allem: Desorientierung.“ Verstehen Sie?! – Wie bitte?! Rechtspopulismus. Gegen den Islam und so. Kein Stück. Wie oft soll es der Precht denn noch sagen? Hier: „Auch die Dissozialen unserer Gesellschaft werden weniger durch muslimische Propaganda aufgeheizt als durch kapitalistische: durch Gangsta-Rap, Killerspiele und Pornografie.“

Ja, Pornografie – schlimme Sache. Enthemmung bei Sex und Gewalt und überhaupt: der ganze Sittlichkeitsverfall. Wenn so einer wie Richard David Precht das sagt, oder so eine wie die Stephanie zu Guttenberg, dann ist das nicht reaktionär, dann ist das so. Ich meine, das sind doch Leute, die sehen doch ganz gut aus. Da würden Sie doch nicht sagen, dass … – egal. Die können ja auch privat machen, was sie wollen. Das geht uns doch nichts an. Wir sind nämlich ziemlich liberal. Hauptsache ist, dass sie öffentlich ihre Stimme erheben – gegen die Gefahren, von denen wir so umgeben sind. Hier, der Precht nochmal:

„Was die Kinder von Allah und 50 Cent gefährlich macht für unseren sozialen Konsens, sind nicht Gene oder Glaube. Gewalttätige Migranten sind nicht in erster Linie von religiösen Wahnvorstellungen unheilvoll beseelt, sondern weit häufiger von Drogen.“ Genau! Die Pornos, die Drogen, und alles, was wir Normalen mit unserem Unbehagen uns überhaupt gar nicht erst erlauben würden – das sind die Gefahren. Brandgefährlicher Sittlichkeitsverfall. Und, das kann der Starphilosoph gar nicht oft genug sagen: „In diesem Punkt unterscheiden sie sich nicht von Deutschen.“ Also: von normalen Deutschen schon. Aber, da hat er doch Recht, der Precht: die Brut unserer Asoz…, äh: Dissozialen ist auch nicht ohne.

Damit hat Precht auch die Aufregung um das Sarrazin-Buch beendet. Schließlich wird es jetzt langsam Zeit, sich auf sein Buch zu konzentrieren. Hier, noch einmal, weil es so prechtig ist: „Die Quintessenz der Sarrazin-Debatte besteht nicht in einer allerorten unterstellten neuen Ausländerfeindlichkeit. Tiefer liegend macht sie einer breiten Unzufriedenheit Luft. Von Menschen, die sich nicht verstanden und gehört fühlen.“

Doch da gibt es einen, der uns versteht. Die Frage ist nur: verstehen wir auch ihn? Heute Abend ist er bei der Maischberger.

2 thoughts on “Precht – die Fortsetzung: der Volksversteher

  1. So sehr ich ihren (gelinde gesagt) Unmut über Herrn Prechts Auftritt bei der Drei-Prozent-Punkte-Partei (und seine wohl tatsächlich der Promotion für sein Buch geschuldete Omnipräsenz in der Talkshowszenerie dieses Landes) teilen kann, muss ich doch nach Lektüre besagten Buches feststellen, dass sie ihm sehr unrecht tun, ihn in eine wischi-waschi-liberale bzw. gar reaktionäre Ecke zu stellen.
    Es handelt sich bei „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ um einen Parforce-Ritt durch Philosophiegeschichte, Anthropologie, Hirnphysiologie, Sozialpsychologie und Micro- sowie Macro-Ökonomie mit sehr konkreten und nachvollziehbaren politischen Schlussfolgerungen, die in Richtung „demokratischer Sozialismus“ weisen statt in den sarrazynischen Staat der reinen Rasse oder die pseudoliberale weltweite Plutokratie.