Kein Problem für den Starphilosophen Richard David Precht

Die Kunst, kein Egoist zu sein
Kein Problem für den Starphilosophen Richard David Precht

Manchmal träume ich davon, wie super es doch wäre, ein Starphilosoph zu sein. Ja, ich gebe es ja zu: manchmal wäre ich auch gern einer. Manchmal allerdings auch wieder nicht. Oder gestern. Da musste der Starphilosoph aller Starphilosophen, also Richard David Precht, zum FDP-Kongress „Chancen für morgen“ nach Berlin. Und da saß er dann – siehe Foto – mit dem Herrn Generalsekretär, dem guten Christian Lindner, der – rein philosophisch gesehen – auch ziemlich aufgeschlossen ist. Die „Chancen für morgen“ ausloten und gleichzeitig „die Kunst, kein Egoist zu sein“, so der Titel des in Kürze erscheinenden Precht-Buches – darauf kommt es doch an! Ganz bestimmt auch der FDP. 

Und dennoch: irgendwie hätte ich, wenn ich – nur so im Traum – Starphilosoph wäre, keinen Bock darauf gehabt, dort zu sitzen. Ehrlich: das wäre mir im Traum nicht eingefallen. Nicht einmal als Starphilosoph. Und deshalb hätte ich, wenn Generalsekretär Lindner mich angerufen hätte, um mich einzuladen, dem gesagt: „Hör mal, Freundchen! Ich bin Starphilosoph. Da werde ich mich doch nicht zu Eurem geistfernen Verein dazusetzen und den ganzen geldgierigen Schrabsäcken nicht auch noch die Stichworte dafür liefern, Euer marktradikales Geschwafel als Kunst, kein Egoist zu sein zu verkaufen. Und ganz abgesehen davon: Lindnerchen, das ganze Milieu ist nichts für mich.“
Wie auch immer: an mir ist der Kelch vorübergezogen. Ich bin ja auch kein Starphilosoph. Der Precht aber schon, deshalb musste er auch hin. Zumal: am 11. Oktober erscheint das neue Buch. Da ist Promotion angesagt. Der Joe Cocker zum Beispiel musste ja gestern auch zu „Wetten dass“. Wegen der neuen CD. Hard Knocks. Muss man wegstecken können, gehört bestimmt auch zur „Kunst, kein Egoist zu sein“. 

Außerdem: die FDP, aber die eigentliche, Sie wissen schon: damals … – also nicht so primitiv nur mit Steuersenkungen, sondern so eine richtige FDP – die wäre schon etwas für den Starphilosophen.
„Freiburger Schule“, die Väter der „sozialen Marktwirtschaft“. Wirtschaftspolitik war für sie auch ein moralisches Erziehungsprogramm, um die Werte der Freiheit mit den Werten von Fürsorge und Anstand zu versöhnen. Leicht ist das nicht.

So schreibt er es in seiner Abhandlung über „soziale Kriege“, die letzten Montag im „Spiegel“ erschienen ist. Promotion ist wichtig, leicht ist das nicht, deshalb helfe ich gern ein wenig mit. Alle folgenden Zitate stammen aus dieser „Spiegel“-Veröffentlichung. Zum Beispiel dieses:
Die Kunst, kein Egoist zu sein, muss wieder neu eingeübt, das Gute am Bürgerlichen neu belebt werden. Vermutlich bedarf es dafür eines Ausstiegs aus dem materialistischen Wachstumswahn.
Vermutlich. Für den Geschmack des Durchschnitts-FDP´lers vermutlich ein Ideechen zu grün. Aber klar: wenn man die Wähler, die die einem geklaut haben, zurückholen will, muss man auch einmal über seinen Schatten springen können. Außerdem, was soll´s?! „Ausstieg aus dem materialistischen Wachstumswahn“ – immer wieder gern. So lange der Herr Bestsellerautor nicht mit einem Ausstieg aus der Kernenergie anfängt, bleibt es doch noch gut erkennbar: „das Gute am Bürgerlichen“. 

Und was ist noch das Bürgerliche?
Schon prima, wie so ein Philosoph so etwas formulieren kann! Da wäre man so in der FDP gar nicht von allein drauf gekommen. Die in der FDP haben nämlich nicht Philosophie studiert, sondern etwas Vernünftiges gelernt. Und das Beste an diesem Typen: er liefert die Antwort sogleich, gleichsam auf den Fuß folgend. Das ist recht praktisch; denn die Liberalen haben auch nicht unendlich Zeit.
Zu viel Freiheit macht unsicher.

Das ist es! Wirklich klasse, dieser Precht. Freiheit, ja logisch, ist das Beste am guten Bürgerlichen. Aber, wie schon die Mutti sagte: allzu viel ist ungesund. „Zu viel Freiheit“ – da hätte der Westerwelle doch auch einmal drauf (zu sprechen) kommen können – und schon ist sie da: diese Unsicherheit. Ein bisschen Freiheit, ein bisschen Sicherheit, ein bisschen Frieden … hierin liegen die „Chancen für morgen“. Precht statt Westerwelle – jeder muss das einsehen; denn:
Je freiheitlicher eine Gesellschaft, umso gefährdeter der gesellschaftliche Konsens. 

Den Durchschnitts-FDP´ler jedenfalls hat sie voll erfasst, diese Unsicherheit. Westerwelle steht vorn und spricht, man solle sich von den Umfragewerten nicht verrückt machen lassen. Ja, der hat gut reden! Was soll man denn machen, wenn der Sitz im Bundestag einmal weg ist?! Die FDP braucht ganz dringend ein neues Programm. Das soll der Lindner mal in die Hand nehmen. Und da kann so jemand wie der Precht eine echte Hilfe sein. Fest steht jedenfalls:
So geht es nicht weiter!
Man muss die Menschen ernst nehmen. Menschen, also die Mittelschicht. Die Mittelschicht, die behandelt wird wie die Deppen der Nation. In der sich allmählich die reine Statuspanik breit macht. Wie Richard David Precht völlig zu Recht feststellt,
ergreift die bürgerlichen Mittelschichten ein fühlbares Unbehagen.
Und daran, meine Damen und Herren, hat jede vernünftige Politik anzuknüpfen! Davon hat jeder weitere philosophische Gedanke auszugehen! Wenn nämlich das fühlbare Unbehagen der bürgerlichen Mittelschichten ins Zentrum von Politik und Philosophie gestellt werden … – also, ein Blick in die deutsche Geschichte verrät, welche enormen Erfolge damit blitzschnell zu erzielen sind.
Prechtig, dieser Precht. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf den Starphilosophen zu werfen. Wird gemacht! 

Beim nächsten Mal geht es um die Sarrazin-Thesen, die verlotterten Unterschichten und den Stuttgarter Bahnhof. Richard David Precht und seine Kunst, kein Egoist zu sein. Im liberalen Sinne heißt liberal nicht immer liberal.

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