Loveparade: Das Container-Prinzip

Die Rolläden am Gebäude gegenüber sind geschlossen. Die Sicht auf den Container, der an das Unglück der Loveparade erinnern möchte, wird von den Anwohnern bewußt ausgeblendet. Erbitterte Briefe sind an die Stadt gerichtet worden – warum denn ausgerechnet vor unserer Haustür? Viele würden jetzt schon gerne die ganze Episode als beendet betrachten. Dabei ist Duisburg nach dem offiziellem Ende der Trauerzeit immer noch eine Stadt im Schockzustand.

Ganz hinten am Ende des Tunnels sucht Frau Danehl inmitten der unzähligen roten Trauerlichter nach Gegenständen, die in die große Plastikkiste gepackt werden können. Immer schweift ihr Blick umher. Einen Engel habe sie selbst hier abgelegt erzählt sie, „den nehme ich aber wieder mit als Erinnerung für mich selbst.“ Eigentlich ist hier ja schon so gut wie alles erledigt. Dennoch gibt es immer wieder Kleinigkeiten, die die Anteilnahme und die Trauer der Duisburger bezeugen: Kunstvoll verzierte Grablichter, dekorative Blumengestecke, Plakate an den Tunnelwänden. „Das ist aus Bulgarien, das kann ich gar nicht lesen,“ meint Frau Danehl und reicht ein in Plastikfolie eingestecktes Blatt an einen der Verantwortlichen. Man versichert ihr, dass man das Schriftstück mitnehmen würde.

Das ist Biomaterial – das bleibt draußen

NRWs Innenminister Jäger ist einer der ersten Politiker, die eine der Plastikkisten auf die Biertischgarnitur stellt. „Hat jemand ein weißes T-Shirt gesehen?“, fragt eine der Helferin. Es gehörte einem der Opfer und soll mit den anderen Sachen von ihm zusammen im Container verbleiben. Während die Helfer am Container selbst einen organisierten Eindruck machen scheinen die Veranstalter mit dem Rest überfordert zu sein. Wer denn jetzt für wen Ansprechpartner ist, wo denn noch Kisten fehlen, darf man einfach zupacken und wenn, wo sind die Einweg-Handschuhe? Schließlich sind genügend Glassplitter am Boden, ein falscher Griff genügt für eine Schnittwunde. Improvisationskunst ist gefragt.

„Das ist Biomaterial“, meint der ältere Mann am Container, „das kommt nicht in den Container.“
„Das weiß ich schon, ich wollte nur wissen ob das unter dem Verblühten eine Herzform hat, wenn man das abnimmt.“ Der Mann zögert, schaut sich die Platte genauer an. Die Blumen sind längst verblüht. Ob sich der Aufwand lohnt die zu entfernen? Eine schwierige Entscheidung, die später getroffen werden muss. Leichter haben es da diejenigen, die mit Bildern oder Plakaten zum Container kommen. Die große Traueranzeige mit den Duisburger Unterschriften lehnt schon im Container selbst gegen das Fensterglas.  Alle Materialien werden gesichtet und sind vor dem Einsammeln dokumentiert worden.

Wie nah ist vor dem Tunnel?

„Und das hätten Sie eigentlich wissen müssen“, empört sich eine Passantin vor dem Container angesichts des Kulturdezernenten der Stadt, Karl Janssen. „Warum haben Sie das genehmigt?“ Wut mischt sich in der Stimme mit Enttäuschung. In kleinen Gruppen diskutieren Passanten vor dem Container generell über die Geschehnisse. Dass Adolf Sauerland sich zu diesem Termin nicht blicken lässt wird mit einem Achselzucken hingenommen – die ganzen Gutachten, Gegengutachten, Vergleiche und Schuldzuweisungen haben die Menschen mürbe gemacht. Rene Michel, Erzieher, ist heute hergekommen um für sich selbst einen Abschluss zu finden. „Hätte es die dritte Polizeikette nicht gegeben, das Ganze wäre nicht passiert,“ so seine Meinung. Er selbst sei bis kurz nach 18 Uhr auf dem Gelände gewesen, vorne an der Bühne. „Wie man das im WDR gesehen hat, wir haben vorne an der Bühne nichts mitbekommen.“ Er selbst hat versucht das Gelände über die Notausgänge Richtung der Autobahn zu verlassen, doch diese seien gerade geschlossen worden als er ankam. „Schlussendlich haben meine Begleiter und ich gesagt: Wir verstehen jetzt kein Deutsch mehr, die Polizei kann uns auch nicht mehr als hindern und schlugen uns dann durch die Büsche. Ich habe mit meiner Tochter die Loveparade in Essen mitgemacht, kein Mensch hat mich auf dem Rückweg berührt.“ Vielleicht, so hofft er, findet die Loveparade im nächsten Jahr erneut in Berlin statt. „Dann würde ich wieder von Krefeld aus dafür anreisen.“

Jürgen C. Brandt hat sich das mit dem Glascontainer nicht so recht vorstellen können, aber er ist mit dem Ergebnis zufrieden. „Ich würde da jetzt allerdings nichts überarrangieren,“ sagt er in Bezug auf die Devotionalien. Es sei ein schöner Standort. Andere dagegen merken an, dass die eigentliche Wiese ja doch ziemlich versteckt und einige Meter vom Tunnel entfernt sei.  „Das sieht doch kein Mensch wenn er vorbeifährt,“ schimpft eine ältere Anwohnerin. „Und haben Sie mal einen Blick auf diese Tafel da geworfen? Wer soll denn die im Vorbeifahren erkennen können?“ Dabei ist der Container alles andere als ein ständiger Gedenkort. Vielleicht rückt er auch noch ein wenig näher an den Eingang heran. Aus Provisorien aber sind schon desöfteren Konstanten geworden. Ab morgen ist der Tunnel wieder für den Verkehr freigegeben. Eine Rückkehr zum Status Quo allerdings wird es nicht geben. Nicht solange die Schuldfrage nicht geklärt ist.

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