Das Lorrain-Gen

lorrain Sachen gibt´s, die gibt´s gar nicht. Diese Sache zum Beispiel. Gestern morgen hatte ich einen Text für xtranews geschrieben. In diesem Text ging es um die Gene: das Basken-Gen, das Juden-Gen, das Deutschen-Gen und all sowas.

Damit in meinen Texten nicht allzu viele Rechtschreibfehler drin sind, liest sie eine Freundin von mir, bevor sie hochgeladen werden, immer Korrektur. Das Witzige daran: sie ist Französin. Sozusagen von Geburt an. Sie durchlief folglich auch das französische Schulsystem; und dennoch: sie beherrscht die deutsche Orthographie wie kaum eine Zweite.

In ihren Kommentaren im Internet nennt sie sich „caro“. Ihr gutes Deutsch mag auch daherrühren, dass sie einer Grenzregion entstammt. „caro“ kommt aus Lothringen – ursprünglich. Schon lange wohnt sie in Duisburg; so vor etwa sechs Jahren hatten wir uns kennengelernt, weil wir eine Gemeinsamkeit haben.

Wir sind beide an Multipler Sklerose erkrankt. MS – tja, wie soll ich Ihnen das jetzt erklären? Ach, ist ja jetzt auch egal. Googeln Sie, wenn es Sie interessiert. Oder gucken Sie hier, oder lassen Sie es! Nun ja, so ganz egal für das Verständnis ist es nun auch wieder nicht.

Was Sie jedoch schon wissen müssten: einerseits ist die MS eine sehr variantenreiche Erkrankung; anderseits ist dennoch in aller Regel die Gehfähigkeit der Patienten beeinträchtigt. Diese beiden Infos brauchen Sie für das nun Folgende.

Ich lege also „caro“ meinen Text – den mit dem Basken-Gen, dem Juden-Gen, dem Deutschen-Gen und dem Sarrazin – zur Korrektur vor. „caro“ schickt die korrigierte Fassung zurück und merkt an:

„Und ich habe das Lothringer Gen, ganz bestimmt. Kann ja nur.“

Und ich wollte einfach nur scherzen, ehrlich. Kein Schenkelklopfer, kein Brüller, nur so nebenbei – wegen der Phonetik:

„Dein Gen heißt in der internationalen Fachliteratur: Lorrain Gen …“

Und jetzt kommt´s! Und „caro“ wusste es; kein Wunder, sie kommt ja aus der Ecke:

„Hihi! Diese Lorrain Gen Spastik gibt es ja tatsächlich.“

Ich googel etwas rum. Und tatsächlich: es gibt dieses Lorrain-Gen. Ich weiß gar nicht, was daran so witzig sein soll! „Hihi!“ – Mein Gott, die beste Krankheit taugt nix. Ich antworte:

„Du und Dein Lorrain-Gen. Da scheint es wirklich eine Variante der MS zu geben.“

Und googel weiter. Tatsache. „Strumpell-Lorrain“ heißt diese MS-Variante. Tatsächlich genetisch bedingt, deswegen gibt es nur bei Wikipedia Frankreich einen Eintrag. Egal, klickt man oben rechts, wird´s – schlecht und recht – übersetzt.

Und ein Buch ist sogar dazu erschienen, das Buch eines betroffenen. Er heißt Jean-Pierre Moreau. Der einst sehr aktive Radiomoderator, Journalist, Gastronom, Politiker und Biobauer leidet nun seit über 20 Jahren an einer Multiplen Sklerose bzw. einer Strumpell-Lorrain Krankheit. Schlimme Sache.

Wie gesagt: Sachen gibt´s, die gibt´s gar nicht. Das Lorrain-Gen gibt es wohl tatsächlich. Moreau ist auf der Suche nach alternativen Heilmethoden für die MS. Offen gestanden: ich halte dies für nicht sonderlich aussichtsreich. Wie auch immer: möglicherweise gibt ihm gerade diese Suche die Kraft für seine „unglaubliche Weltreise“.

Die Gene sind wichtig. Bei der MS bspw. Spielen genetische Faktoren eine ganz entscheidende Rolle. MS ist zwar keine Erbkrankheit; aber ohne eine genetische Disposition kommt man auch nicht an die MS. Und vermutlich gibt es tatsächlich dieses beschissene Lorrain-Gen.

Die Gene sind wichtig. Wie gut, dass Herr Sarrazin zur Zeit so nachhaltig darauf aufmerksam macht! Achten Sie trotzdem auf Ihre Gesundheit! Treiben Sie ein bisschen Sport! Und halten Sie sich geistig fit! Glauben Sie nicht jeden Scheiß, der Ihnen so erzählt wird! Erst recht nicht den vom Sarrazin.

One thought on “Das Lorrain-Gen

  1. Tjalf Boris Prößdorf Do, 09 Sep 2010 at 08:29:25 -

    Guten Morgen, Herr Dr. Jurga,

    ich hab‘ Ihnen mal einen deutschen Artikel zu Strümpell-Lorrain hingestellt:
    http://www.orpha.net//consor/cgi-bin/OC_Exp.php?Lng=DE&Expert=685
    Der Arzt hieß wirklich Strümpell, schauen Sie bitte auf das Logo, daß Sie eingestellt haben.

    Meinen Sie, sie könnten vielleicht jetzt ein wenig nachsichtiger mit Ihrem Genossen Sarrazin sein? Noch ist er ja Ihr Genosse? Es drängt sich doch die Vermutung auf, daß er in einem Satz (ungeschickt, das hat er selber zugegeben) eine ganze wissenschaftliche Untersuchung zusammengefaßt hat.