Christian Wulff mit sagenhaftem Start: „Man darf Deutschland lieben!“

Farbe bekennen“ hieß es gestern Abend in der ARD für Christian Wulff, unseren neu gewählten Bundespräsidenten. Und er bekannte: „Ich liebe Deutschland!“

Wir müssen davon ausgehen, dass Wulff durchaus bewusst gewesen ist, dass die ihm von Ulrich Deppendorf gleich zu Beginn gestellte Frage auf ein berühmtes Heinemann-Zitat anspielte. „Herr Bundespräsident! Deutschland erlebt gerade – so zur Fußballweltmeisterschaft – so eine Welle von nationaler Begeisterung. Wie ist das mit Ihnen? Lieben Sie Deutschland?“
Der Herr Bundespräsident liebt, und so setzte der andere Fernsehjournalist, Thomas Baumann, sogleich nach: „Einer Ihrer Vorgänger hat auf dieselbe Frage gesagt: , Ich liebe meine Frau.` Das war Gustav Heinemann. Hätte Ihre Frau jetzt nicht auch lieber diesen Satz gehört von Ihnen?“
Wie gesagt: zweite Frage. Darauf die zweite Antwort. Ganz großes Kino. Und hier ist sie, ungekürzt und unzensiert:

„Ich glaube, meine Frau hat mich so kennengelernt und geheiratet, dass sie wahrgenommen hat, dass ich den Begriff ,Liebe` sehr weit auslege. Ein bisschen biblisch: mit Kraft, Besonnenheit und Liebe. Den Kindern gegenüber, der Familie gegenüber, der Frau gegenüber. Aber ich liebe auch mein Land und bin ganz glücklich, dass ich in diesem Land groß werden durfte und leben darf und jetzt Staatsoberhaupt sein darf. Weil ich finde: unser Land ist ein wunderbares, ein großartiges Land. Das darf man auch lieben. Man darf auch seine Heimat lieben.“

Nun gut, dass seine Frau wahrgenommen hat, dass Wulff den Begriff „Liebe“ sehr weit auslegt, ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist für mich jedoch, warum oder inwiefern uns dies irgendetwas angehen könnte. Das kann unser aller Staatsoberhaupt meinetwegen halten wie ein Dachdecker.
Dass er dann seinen erweiterten Liebesbegriff meint mit der Bibel belegen zu müssen, geht uns allerdings schon etwas an. Denn bekanntlich gehört Wulff christlich-fundamentalistischen Sekten an, und da stünde es ihm gut zu Gesicht, meinem Rat zu folgen und dort schleunigst auszutreten, anstatt die Nation mit pseudo-theologischem Schwachsinn von „Kraft, Besonnenheit und Liebe“ zu belästigen.
„Kraft, Besonnenheit und Liebe“ will er walten lassen – „den Kindern gegenüber, der Familie gegenüber, der Frau gegenüber“. Im Grunde ist es kaum zu glauben, dass im Jahr 2010 ein deutsches Staatsoberhaupt solch einen reaktionär-paternalistischen Stuss absondern darf, ohne damit rechnen zu müssen, dass die empörte Öffentlichkeit ihn mit der Frage konfrontiert, ob er eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat.

Nun ließe sich einwenden, so etwas bekomme halt nicht jede oder gar jeder unbedingt mit, wenn der smarte Wunsch-Schwiegersohn sogar auch „der Frau gegenüber“ auf Basis einer „sehr weiten“ Auslegung des Begriffs Liebe „Kraft, Besonnenheit und Liebe“ zum Zuge kommen lassen will (dass der Begriff Liebe durch drei Begriffe erläutert wird, von denen einer auch wiederum „Liebe“ heißt, habe übrigens nicht ich, sondern hat der Herr Bundespräsident zu vertreten).
Von mir aus. Mag sein. Versteht nicht jeder sofort, ist mehr sowas für Feinsinnige. Aber wie es dann weitergeht, das versteht auch der oder die Letzte auf Anhieb. Dazu bedarf es keinerlei feinen Sinnes. Das checken auch die mit den Wimpeln am Auto. Zumal: gerade für dieses Publikum sind diese hübschen Sätze ja gedacht. Ach Du lieber Himmel: „Aber ich liebe auch mein Land und bin ganz glücklich, dass ich in diesem Land groß werden durfte und leben darf“. Das gilt übrigens auch für Sie! Seien Sie mal froh! Gefälligst! „…und jetzt Staatsoberhaupt sein darf.“ Klar, das gilt nicht für Sie.

Christian Wulff liebt Deutschland. Nur für den Fall, dass Sie das für etwas kleinkariert von mir halten, dass ich diese ein wenig sonderbare Neigung des Herrn Präsidenten überhaupt für erwähnenswert halte: sagen Sie mir doch bitte, ob Ihnen noch irgendein deutscher Spitzenpolitiker einfällt, der sich – meinetwegen in den letzen Jahrzehnten – dergestalt geäußert hat. Meine eMail-Adresse finden Sie im Impressum. Wohlbemerkt: es gilt nur ein Spitzenpolitiker, nicht etwa Typen von der NPD oder anderen rechtextremistischen Organisationen.
Ein Land lieben. Wie geht so etwas überhaupt? Liebt man die Landschaft, das Sozialsystem, die Speisegewohnheiten oder gar die Menschen? Und wenn ja, alle? Und: ist es in etwa Dasselbe, wenn ein Deutscher sagt „ich liebe Finnland“, wie wenn er sagt „ich liebe Deutschland“?
Und vor allem drängt sich die schon vor Jahrzehnten von Udo Jürgens aufgeworfene Frage auf: „Warum nur? Warum?“ Warum liebt Christian Wulff Deutschland? Okay, hat er uns ja beantwortet: „Weil ich finde: unser Land ist ein wunderbares, ein großartiges Land. Das darf man auch lieben. Man darf auch seine Heimat lieben.“

Das also ist das erste, was der erste Mann im Staat in seinem ersten Interview im ersten Programm als erstes einmal dem geneigten Volk als neue Regel mitzuteilen hat. Wulff hatte sich vorgenommen, „Sprachrohr“ der Politikverdrossenen sein. Es war abzusehen, dass meine inständige Bitte „Tun Sie es nicht!“ von ihm ausgeschlagen werden würde. Dass er es so schnell und so wuchtig tun würde, war es nicht.
Diesmal habe es, stellt Wulff im gleichen Interview völlig zu Recht fest, „zwei bürgerliche, zwei konservative Kandidaten“ gegeben. Ich bleibe dabei: der andere mit seiner unverrückbaren Überzeugung, sich selbst für einen Heiligen zu halten, wäre noch schlimmer gewesen.
Ob auch Gauck Deutschland liebt, weiß ich nicht. Er liebt die Freiheit, und so wie er sie versteht, ist diese Liebe zweifellos gefährlicher als der kühle Nationalpopulismus eines Christian Wulff. Aber es tut sich wohl nicht allzu viel: beide bürgerlich-konservativen Herren haben angekündigt, gut zusammenzuarbeiten.
Auch dies könnte uns ziemlich schnurze sein, wenn sie damit nicht so verdammt zielsicher im alten Stil der neuen Zeit lägen. Die „Welle von nationaler Begeisterung“ (Deppendorf) mag der Fußball-WM geschuldet sein und wieder abebben. Die Sehnsucht der durch die Krise Verängstigten nach „Kraft, Besonnenheit und Liebe“ sitzt wesentlich tiefer.
Aus Kohls einstiger „geistig-moralischer Wende“ ist so richtig nichts geworden. Als Westerwelle kürzlich eine „geistig-politische Wende“ einläuten wollte, offenbarte er bloß, dass seine Selbstwahrnehmung mit der allgemeinen Fremdwahrnehmung kaum in Einklang zu bringen war. Westerwelle sollte, wen wundert´s, die Steuern senken und ansonsten die Klappe halten. Und jetzt, wo die Deutschen aus Verantwortung für das Große und Ganze nicht einmal mehr weniger Steuern zahlen wollen, wollen sie auch keinen Westerwelle mehr.

Sie wollen Führung. Sie wollen geführt werden. Nicht unbedingt, aber zur Not von Wulff. Am liebsten, aber da ist ja leider nichts draus geworden, von Gauck. Am besten von beiden zusammen. Oder von Günther Jauch oder von wem auch immer. Hauptsache, es führt mal einer.
Die Merkel macht es ja nicht. Die moderiert bloß. Und deshalb stürzt sie auf der Beliebtheitsskala auch erbarmungslos ab. Die Deutschen haben sie doch mit so großer Mehrheit gewählt. Und jetzt führt sie nicht, sondern macht Parteitaktik. So geht das doch nicht!
Die Deutschen wollen kein Parteien-Hickhack; sie wollen anständig regiert werden. Sicher geführt werden. Von einem, der Deutschland liebt, und ihnen sagt, dass auch sie ihre Heimat lieben dürfen.
In diesen schweren Zeiten. Und mit diesen Deutschen werden sie jetzt erstmal so richtig schwer. Die Zeichen sind auf Vaterlandsliebe und pseudo-religiöses Gesülze gestellt. Volle Kraft zurück. Es ist heiß im Lande, und es wird noch heißer. Zieht Euch trotzdem warm an! Wulff hat einen unheimlich guten Start.

Werner Jurga

Kinder-Populismus à la Christian Wulff in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“:
„Ich liebe Deutschland, und vor allem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Die zeigen uns, was man mit Teamwork erreichen kann. Die arbeiten gut zusammen, spielen sich die Bälle optimal zu und erzielen dabei Tore, und hinten verhindert Lahm die entsprechenden Gegentore. Ich glaube, die Politik kann sich da ein bisschen was von abgucken.“
(Christian Wulff)

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