Paech an der Uni: Mephisto und die Rucksacktouristen

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Prof. Dr. Norman Paech, Prof. Dr. Lothar Zechlin (v.l.)

 

Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin …
… geneigt, Sie zu fragen, was auch immer mich hätte klüger machen sollen als wie zuvor. Ihres Erachtens. In Bezug auf diese etwas unappetitliche Angelegenheit an dieser Universität, wo man nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studieren kann mit heißem Bemühn.
Wo man sich allerdings auch diesen verbohrten Stumpfsinn eines Prof. Dr. Norman Paech anhören kann. Oder es auch sein lassen könnte, weil man ja ohnehin schon vorher weiß, dass er nichts Anderes machen wird, als seinen großen Hass auf diesen kleinen Staat Israel herumposaunen wird.
Und zwar nicht wie Faust, der, wie Wikipedia meint, so spricht wie ein frustrierter Intellektueller: „Heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an der zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen!“
Nein, Paech spricht nicht gerade mal an der „zehen“ Jahr, sondern schon ein paar Jahrzehnte länger. Und er macht auch keineswegs einen sonderlich frustrierten Eindruck. Sein Herz will ihm nicht verbrennen; es brennt einfach lichterloh. Und die Annahme, „dass wir nichts wissen können“, erschiene ihm schon äußerst befremdlich. Klarer Fall: Paech ist nicht der Faust, der seine Seele an den Teufel verkauft.

So, das hätte ich schon einmal. Ich soll nämlich so eine Art Nachbetrachtung zum Auftritt dieses Herrn an der Duisburger Uni schreiben. Soll ich. Und ich frage mich gerade: soll ich? Soll ich echt, und wenn ja, warum eigentlich?
Hier auf xtranews hat Christian Spließ bereits Eindrücke von der Veranstaltung geschildert und in einer, wie ich finde, überaus sachlichen Art und Weise wiedergegeben, was Prof. Paech so zum Vortrag gebracht hatte. Respekt! Das muss man erst einmal bringen, dieses Zeug so cool zu protokollieren. Doch bei allem Respekt: irgendwie hätte man sich den ganzen Sermon auch schon vorher so oder so ähnlich denken können.
Felix Möser und Sebastian Mohr zum Beispiel hatten sich das alles schon vorher gedacht, nichtsdestotrotz die besagte Veranstaltung aufgesucht und ihren Bericht bzw. ihren Kommentar bzw. ihren Kampfbeitrag bei den Ruhrbaronen veröffentlicht. Nicht ganz so cool. Auch dies hätte man sich schon vorher so oder so ähnlich denken können.
Und Michael Rubinstein, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, ist gefragt worden, was und wie er denn so empfindet, wenn so einer wie Paech in Duisburgs heiligen akademischen Hallen seine unheiligen Tiraden zum Besten geben darf. Und er hat das gesagt, was er gesagt hat, und irgendwie verspüre ich eine Hemmung, dabei zu schreiben, dass man sich auch dies hätte so oder so ähnlich denken können.
So, und ich soll jetzt so eine Art Nachbetrachtung dazu schreiben. Na toll!

Und schon komme ich mir vor wie der frustrierte Intellektuelle à la Faust – mit dem kleinen Unterschied, dass auch ich diese Altersphase durchschritten zu haben meine. Warum sollte ich meine Seele an Mephisto verkaufen? So ein Gretchen fehlte mir gerade noch! Und wenn die dann noch diese extra nach ihr benannte Frage stellte … lass mal!
Da fällt mir ein, aber das nur am Rande, dass die örtlichen Jünger dieser Paechs und Dierkesse und wie sie alle heißen, mir noch einen faustischen Drang zum Seelenverkauf nachsagen. Wie schmeichelhaft! Wie jugendlich einem doch so eine Midlife-Crisis vorkommen kann! Zu Wahlkampfzeiten, erzählt man sich, pflegte ich nämlich gut über Israel zu schreiben, rein instrumentell, um dann diese Typen denunzieren zu können. Dies sei dann irgendwie gut für die SPD, also letztlich auch für mich.
Ein etwas verschlungener Gedankengang, der eventuell erklären könnte, warum mir zur Zeit die Neigung, mich an diesem Völkchen zu reiben, ein wenig abgeht. Es ist ja kein Wahlkampf. Wenn es aber so wäre, wie ein anonymer Kommentator geargwöhnt hatte, dass ich direkt vom Mossad bezahlt würde, müsste ich jetzt zwar nicht unbedingt Lust darauf haben, aber eben doch – Bock oder kein Bock – schreiben. Ja, dann wird es wohl so sein. Beschissene Situation, wenn man seine Seele verkauft hat!

Zumal der Auftrag zu schreiben tatsächlich auf enorme Probleme stößt. Das erste Problem hatte ich bereits eingangs benannt: „Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“ Und ich habe es – verdammt nochmal – nicht nötig, mich an diesen Ergüssen eines Norman Paech abzuarbeiten!
Ich hätte beinahe gerade schon damit angefangen. Das ist ja widerlich. Vor gut dreißig Jahren, vielleicht sogar im selben Raum, habe ich da auch schon einmal gesessen. Internationales Recht für Nebenfächer, Grundstudium, Seminar 1. So fängt also der Paech an, um in der Fremde die Sprechsicherheit zu erlangen. Um dann richtig loslegen zu können.
Entschuldigung! Da sage ich nichts zu. Und wenn Sie sich tatsächlich für die Entwicklung des Zionismus bis zur Staatsgründung Israels interessieren sollten, sehen Sie sich bspw. das hier an. In jedem Fall ist es ja richtig: die Staatsgründung Israels ist keineswegs „nur“ ein Ergebnis des Völkermordes an den europäischen Juden.
Aber eben auch ein Ergebnis des Holocausts. Und ich verspüre nicht die geringste Lust zu ergründen, ob Paech in seinen Ausführungen tatsächlich, wie es bei Spließ erscheinen könnte, allenfalls am Rande auf Auschwitz eingegangen ist oder nicht. Müßig: „selbstverständlich“ ist Paech kein Holocaust-Leugner.
Und über Selbstverständlichkeiten braucht man bekanntlich nicht zu reden. Tut man es aber doch, erhält man einen stilvollen akademischen Umgangston, dem so tolerante Sätze entwichen wie eben dieser: Selbstverständlich ist Paech kein Holocaust-Leugner.

Paech solo
Oder andersrum: selbstverständlich ist der Beschuss der Zivilbevölkerung mit Kazam-Raketen völkerrechtswidrig. „Selbstverständlich“, sehr stilvoll, brauchen wir also nicht drüber zu reden. Akademiker unter sich. Wobei: wortgleich hatte ich diesen Satz schon bei Dierkes hören und sehen dürfen. Der trägt ihn stets mit so einer unvergleichlichen Geste vor. Die flachen Hände vor die eigene Brust, volle Verteidigung, um dann – man braucht ja nicht drüber zu reden – die besagten Raketen als „Feuerwerkskörper“ zu bezeichnen. Oder war das wieder der Paech?

Hintergrundrecherche. Natürlich Hintergrundrecherche. Ja, wir haben recherchiert. Schon um etwas klüger zu werden als wie zuvor. Und wir sind es auch geworden. Dr. Lambach konnte sich mit Prof. Paech nicht so genau über Thema und Ablauf einig werden, also nicht am Dienstag bei ihm.
Also am Mittwoch bei Prof. Zechlin, dem hochverehrten Herrn Gründungsrektor. Vermutlich ein gestandener Mann mit Rückgrat, wenn es um die Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft geht. Sonst hätte ihn die Frau Kraft ja auch damals bestimmt nicht ernannt! Als wenn das etwas mit Antisemitismus zu tun hätte …
Mit heißem Bemühn auch studiert, äh: hintergrundrecherchiert über die Liberale Hochschulgruppe, die immerhin auf dieses unwürdige Treiben aufmerksam gemacht hatte. Oder über die Juso-Hochschulgruppe, die sich für das Kommen des Herrn Paech ausgesprochen hatte.
Wie im übrigen die Mehrheit der linken Studentengruppen auch – schon allein wegen der linken Positionen. Hinzu kommt, dass – wie ich soeben gelesen habe – auch der letzte linke Student nachdenken muss. Nun gut, dann will man ihn dabei nur nicht stören.

Und so ist man geneigt, sich zu sagen: mein Gott, was soll das denn?! Lass sie sich doch aufgeilen, diese rund fünfzig Spinner hier in Duisburg! Die kommen, wenn der Dierkes loslegt – auf einer „Lesung“ oder auf einer Pali-Soli-Demo. Und die kommen natürlich auch, wenn der Paech antrabt.
Und, von mir aus: wenn es nicht so ein schöner Spätnachmittag bzw. früher Abend gewesen wäre, und wenn nicht direkt im Anschluss an die Erweckungsandacht in der Uni die deutschen Kicker um Sein oder Nichtsein hätten antreten müssen, tja, wer weiß: vielleicht wären sogar achtzig Peoples gekommen. Na und?!
Sollte man nicht diese fünfzig oder meinetwegen achtzig von der Sorge um die Menschenrechte getriebenen Außenseiter in Ruhe ihren Kram machen lassen, anstatt Ihnen zu allem Überfluss auch noch eine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie letztlich nur unnötig aufwertet?
Zumal allein schon der Zeitpunkt dagegen spricht, sich mit diesen Herrschaften anzulegen. Was die israelische Rechtsregierung gegenwärtig in Serie abliefert, ist dermaßen hanebüchen, dass auch Freunde mitunter nur mit Grausen wegsehen können. Auch alle westlichen Regierungen kritisieren die gegenwärtige israelische Politik, alle Bundestagsfraktionen werden sich dem nächste Woche anschließen.
Und da soll Unsereins dann für Netanjahu und Lieberman den Kopf hinhalten? Mit dem absehbaren Resultat, dass auf einmal wir die Bekloppten sind und nicht die?! Und so etwas soll ich jetzt auch noch hier aufschreiben?!

Sie merken es schon. Vielleicht schon die ganze Zeit, ihre wertvolle Zeit der bisherigen, vielleicht nicht ganz unbeschwerlichen Lektüre: danach steht mir nicht der Sinn! Für Netanjahu und Lieberman den Kopf hinhalten? Und dann auch noch meinen?
Ich halte meinen Kopf ohnehin nicht gern für andere Leute hin. Ich habe nämlich nur einen. Und den halte ich bestimmt nicht für Rechte hin. Und erst recht nicht für Leute, die – und davon bin ich überzeugt – mit Israel nichts Gutes im Schilde führen.
Wäre es insofern nicht clever oder, wie vermutlich in der Juso-Hochschulgruppe gesagt werden dürfte, „taktisch klug“, wenn man nun erst einmal diese Paechs und Dierkesse und wie sie alle heißen, gewähren ließe? Voll cooles Tot-Ignorieren?
Gestatten Sie mir bitte eine Gegenfrage: ist Ihnen eigentlich klar, wie viele Tot-Ignorierer – bspw. in Politik und Wirtschaft – bei diesem ganzen Tot-Ignorieren schon zu Tode gekommen sind, weil ihre Gegner stärker und stärker wurden, bis sie nicht mehr zu ignorieren waren?
Oder noch ein paar Fragen: ist Ihnen eigentlich klar, dass allein schon mit Dierkes oder erst recht Paech Figuren ins Spiel kommen, die aufgrund ihres – zwar recht bescheidenen, aber immerhin – gewissen Standings scheinbar nicht mehr von der Hochschule oder aus städtischen Einrichtungen ferngehalten werden können?
Wissen Sie, dass – abhängig von der Umfrage – bei einem Fünftel und bis zu einem Drittel der Deutschen ein ausgeprägt antisemitisches Weltbild im Köpfchen schlummert? Es wird – das zeigt sich bereits in anderen Ländern – alsbald keine große Rolle mehr spielen, ob die hetzenden alten Männer von heute einer linken, einer rechten oder überhaupt einer Partei angehörten.
Sie werden in Vergessenheit geraten. Doch das von ihnen verspritzte Gift kann sich leicht weiter ausbreiten. Die Jüngeren und die Jungen sind ja schon am Start. Die erfolglosen Reste der Polit-Szene von damals, nicht ganz Faust-Format. Und auch schon die strebsamen Studenten. Alles Marke Rucksacktouristen. Man ist wirklich geneigt, sie nicht ganz ernst zu nehmen.

Blöde nur: wenn wo auch immer die Rucksacktouristen auftauchen, dauert es nicht mehr allzu lange, bis die Bettenburgen der großen Tourismus-Konzerne gebaut werden. Aber bevor TUI und Alltours und alle anfangen können, müssen zunächst die Trampelpfade getreten werden. Jahr für Jahr, Tag für Tag, in mühseliger Kleinarbeit. Wo geht es? Wo geht es nicht so gut? Das ganze Land muss umgepflügt werden. „Erschlossen“ werden.
In Deutschland, und insbesondere in Duisburg ist in Sachen Judenhass die Rucksackphase längst überwunden. Klar, sie werden noch gebraucht, die Rucksäcke. Die harten Rocker verschrecken so leicht das eigentlich ins Visier genommene Massenpublikum. Genauso wie die pfiffigen Hotelmanager und kapitalschweren Konzernherren. Die bekommt man noch gar nicht zu sehen.
Und das ist auch gut so. Gott sei Dank! Gott sei Dank sind wir nicht schon wieder so weit. Da könnten einem die Gesichter von Paech und Dierkes beinah schon Freude bereiten. „Könnten“ und „beinah“; denn hier gilt: wehret den Anfängen! Seht zu, dass wir auch diese Gesichter nicht mehr sehen müssen! Don´t deal with the devil!

3 thoughts on “Paech an der Uni: Mephisto und die Rucksacktouristen

  1. Hier geht es nicht um 50 Verwirrte, oder 50 Deppen die mit ihrer Zeit nichts besseres anzufangen wissen und so mangels Triebabfuhr ihrer antisemitischen Raserei frönen. Es geht viel mehr um einen weiteren Schritt der Normalisierung antisemitischer Verhältnisse in und gerade in Duisburg. Diese Stadt hat sich mittlerweile zu einem Mekka für Antisemiten und solche die es werden wollen/sollen entwickelt. Wenn man jetzt dazu übergeht mittels Zahlenspielerei zu relativieren, darf man sich am Ende nicht darüber wundern, weshalb eine zutiefst deutsche Ignoranz dem gegenüber auf fruchtbaren Boden fällt. Mit Verlaub, manchmal ist der Blick auf die Geschehnisse besser zu beurteilen, wenn man nicht in der Hoffnung auf einen Sieg der Truppe von Jogi Löw, an einem Mittwoch Abend vor der Glotze hängt..