Stadtteilfest in Hannover: Jüdische Tänzer beschimpft und mit Steinen beworfen

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Hannover – Wie erst am gestrigen Dienstag bekannt wurde, sind bereits am Samstag auf einem Stadtteilfest in Hannover Mitglieder einer jüdischen Tanzgruppe beschimpft und mit Steinen beworfen worden. Nach Darstellung der Stadt Hannover wurde der Auftritt einer Tanzgruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde plötzlich gestört. Weit über hundert Erwachsene, Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Nationen hatten die Aufführungen bis dahin begeistert gefeiert.
Nach übereinstimmenden Darstellungen haben bis zu 30 Kinder und Jugendliche – darunter auch Mädchen – vor allem libanesischer, palästinensischer, irakischer, iranischer und möglicherweise auch türkischer Abstammung antisemitische Parolen gerufen und Kieselsteine auf die acht erwachsenen Tänzer geschmissen.

Die Folkloregruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover musste die Bühne des Festes im Stadtteil Sahlkamp verlassen; eine Tänzerin wurde am Bein getroffen und erlitt eine Prellung. Das internationale Kulturfest wurde nach einer Pause fortgesetzt, die Polizei jedoch nicht verständigt.
Wie die Hannoversche Allgemeine in ihrer Online-Ausgabe meldet, berichteten einige Beobachter am Dienstag von ihrem Verdacht, die Aktion sei möglicherweise vorbereitet gewesen, da einige Jugendliche bereits Kiesel in der Tasche gehabt hätten. Demzufolge begannen die Provokationen sofort, als die Gruppe die Bühne betrat. Ein Jugendlicher soll mit einem Megafon „Juden raus“ gerufen, ein anderer erste Steine geworfen haben.
Andere Beobachter sprachen dagegen von einer spontanen Eskalation. Die äußerst reizbaren Jugendlichen hätten auf Ordnungsrufe nach anfänglichen Parolen von Umstehenden aggressiv reagiert. Der Jugendliche mit dem Megafon, der als Erster die antisemitischen Parolen rief, sei, so heißt es, geistig behindert. Weitgehend unstrittig ist aber auch, dass Antisemitismus unter den palästinensischen und arabischen Jugendlichen des Viertels weitverbreitet ist. „Jude“ gelte als Schimpfwort, sagen Kenner des Stadtteils.

Stefan Weil

In einer Pressemitteilung vom Dienstag, den 22. Juni 2010, hat Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil die Angriffe von Jugendlichen auf eine jüdische Tanzgruppe bei einem Stadtteilfest in Hannover scharf verurteilt. Darin heißt es: "Wir nehmen den Vorfall sehr ernst. So etwas hat es unseres Wissens in Hannover noch nicht gegeben. Wir werden deshalb Strafanzeige erstatten. Eine derartige Störung eines solchen Festes werden wir nicht tolerieren.“
OB Weil weiter: „Die städtischen Kultur- und Jugendbehörden werden den Vorfall bei einem Fest zum 5. Internationalen Tag des städtischen Kulturtreffs im Stadtteil Sahlkamp mit Künstlern zahlreicher Kulturgruppen am vorigen Samstag (19. Juni) aufarbeiten und die bereits bestehende Integrationsarbeit verstärken. Wir wollen zu diesem Vorgang Gespräche mit den Betroffenen, Vertretern des Stadtteils und der Gruppen unterschiedlicher Kulturen und Religionen führen, damit solche Vorgänge nicht wieder passieren."
"Wir bedauern den Vorfall umso mehr, als von Hannover wichtige Signale der Versöhnung ausgegangen sind. Gerade zwischen den jüdischen und palästinensischen Gemeinden in Hannover hat es eine bundesweit einmalige Annäherung gegeben", sagte Weil. Vertreter beider Seiten beteiligten sich am 1. Mai vorigen Jahres in Hannover gemeinsam an einer Großdemonstration gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. "Im Geiste dieses Dialogs sollen jetzt auch die Gespräche im Stadtteil Sahlkamp geführt werden", sagte Weil am Dienstag.

4 thoughts on “Stadtteilfest in Hannover: Jüdische Tänzer beschimpft und mit Steinen beworfen

  1. Zitat: „OB Weil weiter: „Die städtischen Kultur- und Jugendbehörden werden den Vorfall …….aufarbeiten und die bereits bestehende Integrationsarbeit verstärken. Wir wollen zu diesem Vorgang Gespräche ….“
    Der Vorfall ist das Ergebniss der bisherigen falschen Integrationsarbeit. Mit noch mehr sprechen ändert sich garnichts!

  2. „Noch mehr sprechen ändert gar nichts?“ Was wollen sie denn sonst tun? Draufschlagen? Alle einbuchten? Oder gleich irgendwohin abschieben? Wenn Sie in dieser Sache etwas ändern wollen, müssen Sie Überzeugungsarbeit leisten – und ein großer Teil dessen besteht eben aus „sprechen“…

  3. „So etwas hat es unseres Wissens in Hannover noch nicht gegeben.“

    Falsch! So etwas hat es in Hannover doch schon gegeben, und zwar vor 70 bis 80 Jahren…