Wir haben die Kraft

wir haben die kraft  

 

Meine Mutti erwähnte gern: „Der Junge begreift schnell!“ Am liebsten vor vielen Leuten und – logisch: in meiner Anwesenheit. Sonst könnte ich dies hier ja nicht berichten. Andere Muttis und Tanten und wie sie alle hießen kommentierten pflichtgemäß, dies sei aber toll. Alle sahen mich an, und ich grinste so blöde, wie ich nur konnte.
Einerseits hatte ich schon damals das Gefühl, dass Schnelligkeit wohl nicht das entscheidende Kriterium beim Begreifen sein könne. Andererseits kommt es noch heute vor, dass der Sohn die Spätfolgen dieser peinlichen Angeberei gleichsam in Erfüllung des Auftrags der Mutter computergestützt einer weit größeren Zahl Menschen, die es im Grunde nicht interessiert, preisgibt.
So sind wir alle Opfer unserer schweren Kindheit. Ich gebe zu, ich bilde mir tatsächlich ein, scheinbar komplizierte Zusammenhänge mitunter recht schnell zu durchschauen. Zu meiner Verteidigung darf ich jedoch vortragen: dieses hier abgebildete CDU-Wahlplakat aus dem letzten Bundestagswahlkampf war mir von Anfang an ein Buch mit sieben Siegeln.

Da lächelt die bildbearbeitete Angela Merkel in die Weltgeschichte und behauptet: „Wir haben die Kraft!“ Was soll das? Hatte ich mich gefragt. Klar: die Kraft ist in der SPD, und die Genossen hatten sogleich einen Mordsspaß daran, weil sie glaubten, dass das Konrad-Adenauer-Haus von diesem Umstand abstrahiert habe.
Auf die vermeintliche Panne der CDU-Wahlkampfmanager wurde freudentrunken mit dem Hinweis reagiert: „Nee, die Kraft haben wir!“ Echter Brüller. Hoffentlich hatte meine Mutti nicht von oben zugeguckt. Ich verstand nämlich nicht schnell, sondern nur Bahnhof.
Der Wahlkampf fand ein Ende, und Angela Merkel hatte tatsächlich die Kraft, der SPD eine Wahlniederlage zuzufügen, die sich nur so gewaschen hatte. 27. Oktober 2009: den Genossen war das Lachen vergangen. Im Willy-Brandt-Haus brannte ein nur mit Hilfe der Psychologie erklärlicher Trotzjubel auf. Im Duisburger Café Museum war die Stimmung – den Umständen deutlich angemessener – ebenso deutlich niedergeschlagener.

9. Mai 2010, gleicher Ort, eben nur einige Monate später: die Genossen in Jubelstimmung. Die SPD feierte das Ergebnis der NRW-Landtagswahl. Euphorie! Zeitweise sah es sogar so aus, dass es für Rot-Grün eine Mehrheit gäbe. Zwar nur eine hauchdünne, aber: Mehrheit ist Mehrheit. Hieß es. Dieser eine Sitz!
Im Laufe des Abends wurde klar: für diesen einen Sitz hatte es nicht gereicht. Dass außerdem die SPD noch ein paar Tausend Stimmen weniger als die CDU erhalten hatte … – das war nun wirklich völlig unbedeutender Kleinkram. Denn schon den ganzen Abend war ja klar, dass CDU und SPD mit gleich vielen Sitzen in den Düsseldorfer Landtag einziehen werden.
Es war nicht die Stunde der Miesmacher. Am 9. Mai hieß die Devise: nicht Diskutieren, sondern den Wahlsieg feiern. Das Mikrofon wurde mir nicht angeboten. Erstens: warum auch?! Zweitens: Gott sei Dank! „Liebe Genossinnen und Genossen! Ich möchte Euch nur kurz darauf aufmerksam machen, dass wir die Wahl nicht gewonnen haben – jedenfalls nicht in dem Sinne …“
Ich begreife zwar nicht so schnell, wie meine Mutti glauben machen wollte. Aber dass dies nicht der richtige Wortbeitrag zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen wäre, konnte auch so einem relativ begriffsstutzigen Zeitgenossen wie mir kaum entgehen.

Und die lieben Genossinnen und Genossen waren ja auch nicht so schwer von kapé, als dass Ihnen die Relevanz dieses einen blöden Sitzes nicht auf der Stelle klar gewesen wäre. Sie hatten sich trotzdem gefreut wie die Berserker*. Einfach deshalb, weil es nicht so eine Packung gegeben hatte wie am 27. Oktober!
“Die SPD ist wieder da!“ jubelte Hannelore Kraft über den Bildschirm. Applaus im Café Museum, die nächste Runde übernimmt der Vorsitzende. Direkt nebenan: die Duisburger CDU. Jedenfalls der ein oder die andere. Früher Abmarsch, Stimmung nahe Weltuntergang.
Meine Stimmung am 9. Mai war ohnehin ziemlich gut. Obwohl ich für die SPD ein ungünstigeres Abschneiden erwartet hatte, war ich mit der politischen Substanz des Resultats anderthalb Stunden vor Schließung der Wahllokale schon ganz zufrieden. Ich schrieb:

Schwarz-Gelb, die politische Formation des „Neoliberalismus“ ist gescheitert.
In Düsseldorf und faktisch auch in Berlin abgewählt.

Okay: keine sonderlich mutige Prognose. Denn das war doch schon recht früh klar: Schwarz-Gelb ist abgewählt. In Düsseldorf. Und damit war ebenfalls klar, dass Schwarz-Gelb auch im Bundesrat nicht mehr über die Mehrheit verfügt, im Grunde also politisch am Ende ist.
Heute, fünf Wochen später, zeigt es sich sehr deutlich: Schwarz-Gelb ist tatsächlich am Ende. In Berlin. Ende im Gelände, Aus die Maus, nicht geht mehr, rien ne va plus …
So scheint es. Komischerweise hat Schwarz-Gelb immer noch die Mehrheit im Bundesrat. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Sehr komisch, ich begreife das nicht. Echt nicht. Sei mir nicht böse, Mutti! Ich komme schon noch dahinter.
Oder, guck mal: mir dämmert es jetzt sogar so langsam, in nicht einmal einem dreiviertel Jahr, wie das die Angela Merkel damals auf diesem CDU-Wahlplakat meinte. „Wir haben die Kraft!“ Ich meine, ich hätte es jetzt gecheckt. Mutti, sag selbst: Dein Junge begreift ganz schön schnell.

 

 

* „Als Berserker wird in mittelalterlichen skandinavischen Quellen ein im Rausch kämpfender Mensch bezeichnet, der keine Schmerzen oder Wunden mehr wahrnimmt“ (Wikipedia).

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