Ein Brief an Klaus B.

149625_thumb_s110_toter_thumb

Am letzten Wochenende, am Pfingstwochenende, starb Klaus B. auf einem Parkplatz in Kamp-Lintfort im Alter von 51 Jahren. Eine Gruppe 16- und 17-jähriger Schüler hatte den Frührentner massiv attackiert. Gegen den Haupttäter wird nun wegen Mordverdacht ermittelt.
Ein offener Brief an das Mordopfer …
Klaus B.

Hallo Klaus,

sorry, dass ich einfach so daherkomme und Dir einen Brief schreibe! Jetzt, wo Du schon fast eine Woche tot bist. Du brauchst nicht groß zu überlegen. Nein, wir beide kannten uns nicht. Und dennoch gehst Du mir nicht aus dem Kopf. Und das geht vielen Leuten so. Das kannst Du mir glauben, Klaus!

Ich denke, dass ich Dich einfach mal so duze, ist nicht so ein Problem für Dich. Es ist keine Respektlosigkeit gegenüber Menschen in einer beschissenen Lebenssituation. Geschenkt. Zumal: Du lebst ja gar nicht mehr.
Es ist vermutlich eher ein Problem, dass ich Dir überhaupt schreibe. Ich weiß schon: als Du noch gelebt hast, wärst Du nicht im Traum auf die Idee gekommen, einen Text von mir zu lesen. Und jetzt, wo Du – mindestens mal – ganz, ganz weit weg bist, sollten Dich Zeilen von mir interessieren?! Okay, Du hast Recht: das ist vermessen.
Um ehrlich zu sein: ich bin gar nicht sicher, ob Du, selbst wenn Du wolltest, überhaupt diesen Brief lesen könntest. Wie soll ich sagen? Ich glaube zwar irgendwie an Gott, aber nicht an so einen alten Herrn mit einem langen Bart. Auch glaube ich an ein Leben nach dem Tod. Aber das stelle ich mir eher so vor, dass man in seinen körperlichen und / oder geistigen Kindern weiterlebt.

Ich weiß gar nicht, Klaus, wie es bei Dir damit aussieht. Die Polizei hält sich mit Informationen Dein Leben betreffend sehr bedeckt. Ich denke: aus guten Gründen. Über Dein „Vorleben“ wollten sie nichts erzählen; sie meinen aber Dein Leben. Dein Leben im Corsa auf diesem Parkplatz, aber auch Dein Leben davor. Vorleben, nicht schlecht …
Ich muss dann immer ein wenig schmunzeln, Klaus, weil das Verb „vorleben“ ja noch eine ganz andere Bedeutung hat. Das weißt Du ja. Aber was Du vielleicht noch nicht weißt, Klaus: Du lebst auf jeden Fall weiter! Ob Du nun Kinder hattest oder nicht: Du lebst weiter. Und zwar ausgerechnet wegen dieser Vollidioten an Deinem letzten Abend hier auf unserer Erde. Irgendwie grotesk, nicht wahr?
Ausgerechnet dieses Riesenarschloch, das Dich kalt gemacht hat, hat dafür gesorgt, dass viele Leute an Dich denken, die zu Deinen Lebzeiten Dich nicht einmal kannten. Leute wie ich. Und die meisten von denen, so ist jedenfalls mein Eindruck, denken an Dich mit einer gewissen Sympathie, Klaus.
Auf jeden Fall aber mit einer tief empfundenen Solidarität mit Dir. Doch, das kannst Du mir glauben, Klaus! Du kennst mich ja genauso wenig wie ich Dich. Ich bin so ein bisschen misstrauisch den Menschen gegenüber. Und wenn ich das schon sage …
Die Leute können es nämlich partout nicht leiden, wenn einfach irgendwelche Typen daherkommen und meinen, sie könnten jetzt mal einfach so einen Schwächeren fertig machen. Oder, wie in Deinem Fall: sogar tot machen. So etwas darf nun einmal nicht sein. Das geht einfach nicht; denn schließlich kann doch jeder einmal der Schwächere sein. Hilflos, in einer so beschissen Situation wie Du in der Nacht von Pfingstsamstag auf Pfingstsonntag.

Das spricht doch für die Menschen, Klaus, dass die sich sagen, auch ich könnte einmal ein so eine Situation geraten wie … na ja, wie dieser Penner, werden sie sich vermutlich denken. Ist klar. Ich weiß es , Du weißt es; aber Du musst zugeben, dass sie jetzt, als diese Typen oder sagen wir: dieser Typ Dich einfach mal so kalt gemacht hat, in Dir einen Menschen entdeckt haben.
Ja sicher, es wäre schön gewesen, wenn es schon vor Deinem Tod viel mehr Leute gewesen wären, die Dich so, nämlich als Menschen, gesehen hätten. Aber Klaus, diese Leute waren nicht so sehr Dein Problem. Sagen wir mal so: Du wolltest mit denen nichts (mehr) zu tun haben. Und die mit Dir nicht. Das ist tragisch genug; aber nicht mehr zu ändern.
Keine Ahnung, wie gesagt: ich weiß nichts über Dein „Vorleben“. Aber klar ist, dass Du irgendwann an den Punkt gekommen bist, an dem Du einfach nur Deine Ruhe haben wolltest. Und dann diese Typen! Haben Dich einfach nicht in Ruhe gelassen. Haben Dich angemacht, obwohl Du ihnen nichts, aber auch gar nichts getan hast. Haben Dir von dem Bisschen, was Du noch hattest, Sachen kaputt gemacht, haben Dich geschlagen und bedroht.
Scheiß Typen! Ob es nun dieselben Jungs waren wie an Pfingsten oder andere, spielt jetzt keine große Rolle mehr. Doch, bestimmt für den Strafprozess. Die Polizei hat nämlich die vier Schnösel gefunden, die Dich letztes Wochenende angegriffen hatten und Dich schließlich umgebracht haben. Dieser eine jedenfalls. Den haben sie auch.

Ich frage Dich jetzt nicht, Klaus, warum Du Dich nicht schon damals, als die Dich das erste Mal angemacht hatten, an die Polizei gewandt hast. Das steht mir nicht zu. Außerdem will ich nicht den Eindruck erwecken, Dich träfe eine Mitschuld. Das ist natürlich Quatsch. Aber fragen tu ich mich das schon. Das musst Du doch gemerkt haben, dass diese Burschen brandgefährlich sind. Egal; lass mal …
Ich komme zum Schluss. Sorry, dass ich einfach so dahergekommen bin mit meinem Gelaber! Sorry auch dafür, dass Du jetzt gar nicht wissen kannst, warum ich Dir eigentlich geschrieben habe. Um ehrlich zu sein: ich habe es am meisten für mich selbst getan, weil ich ziemlich gefrustet bin. Denn ich bin ja einstweilen noch hier und, da ich – wie gesagt – nicht so ganz sicher bin, ob Du überhaupt ins Internet kommst, würde ich das gern auch noch etwas in die Länge ziehen.
Und deshalb frustriert es mich eben ganz schön, dass hier irgendwelche Schwächlinge – Typen, noch schwächer, als Du es zum Schluss gewesen bist – irgendetwas vom Recht des Stärkeren mitbekommen haben, und dann in all ihrer Schwäche einfach auch einmal der Stärkere sein wollen. Völlig gefühlskalt und abgebrüht, wie der Kommissar wahrscheinlich ganz richtig sagt.
Und mich stört, dass wir, die wir Dich, Klaus, nicht haben retten können, letztlich nicht wissen, was wir mit Typen von der Sorte Deiner Mörder eigentlich machen sollen. Wir wissen ja nicht einmal, was wir mit Typen Deiner Sorte machen sollen.

Tja Klaus, Du bist jetzt tot. Du hast jetzt Deinen Frieden. Die Art und Weise, wie Dich diese Schweinehunde dorthin verfrachtet haben, … armer Klaus, ich will gar nicht mehr daran denken.
Wir sind noch hier. Und die Schweinehunde auch. Der Dich gekillt hat, kommt so in etwa acht oder zehn Jahren wieder raus. Und dann? Und die drei anderen Schweinehunde, diese armen, dummen Schweine. Was machen wir bloß mit denen?!
Ich bin noch ziemlich geschockt. Solltest Du eine Idee für uns hier unten haben, Klaus, antworte bitte! Vielleicht bist Du ja inzwischen schlauer. Ich denke, das Problem ist recht klar. Es geht nicht nur um diese vier, es geht nicht um vierzig, auch nicht um vierhundert. Vermutlich kannst Du uns genauso wenig helfen, wie wir Dir vor einer Woche. Mach Dir keinen Kopf drum! Ruhe in Frieden!

Werner Jurga

3 thoughts on “Ein Brief an Klaus B.

  1. Pingback: brief » Twitter Trends

  2. Dieser Kommentar ist eigentlich kein Kommentar. Diesen Kommentar schreibe ich um zu schreiben, um den Druck im Magen, im Herz und im Kopf loszuwerden – dem Mitgefühl, der Trauer und Wut irgendwie Ausdruck zu verleihen… Die Sprachlosigkeit überwinden um doch wieder in Sprachlosigkeit zu enden angesichts der Sinnlosigkeit. Danke für den Brief, Herr Jurga. Für heute ist alles gesagt.