Eine neue Vision vom neuen Fortschritt neuen Typs

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Es gibt Situationen im Leben, in denen uns unerwartete Ereignisse aus dem Trott des Alltags werfen. Wo wir innehalten, um uns grundlegende Fragen zu stellen, wie zum Beispiel „Was ist hier eigentlich los?“ Ob es nun so eine Wirtschaftskrise war, ein Flugverbot oder einfach das Wochenende, in jedem Fall haben wir einen Beleg dafür, dass außergewöhnliche Situationen aus ganz normalen Menschen ganz außergewöhnliche Denker machen können, weil sie ins Grübeln geraten und sich die Frage stellen, wie wir eigentlich leben wollen.

Der Text, den es hier zu besprechen gilt, ist ein eindrucksvolles Dokument für den Wandel eines Machers in einen Propheten. Er beginnt mit den weisen Worten:
„Aus Fehlern muss man lernen, durch Krisen wird man klüger. Das gilt auch für die aktuelle Wirtschaftskrise. Doch ich glaube nicht, dass wir bislang ausreichend gelernt haben.“
Boah! Wenn man das so liest, fällt es einem schlagartig wie Schuppen von den Augen. So kann es einfach nicht weitergehen. Wir können nicht einfach so weitermachen wie immer. Wir müssen ganz neu denken. So ein richtiges New Thinking. Dann käme man möglicherweise auf Gedanken wie diesen:
„Deshalb reicht es nicht aus, die Krisenblessuren mit Pflastern und Gips zu verarzten, sondern wir müssen die systemische Frage stellen: Ist eigentlich der Organismus gesund? Er ist es nicht.“
Schon recht, schon wahr: systemisch fragen. Dann kommt man schon drauf: das ist doch alles nicht gesund. Selbstverständlich darf man jetzt nicht einfach bei so einem altbackenen Antikapitalismus stehen bleiben. Weg mit dem Kapitalismus, und alles wird schon irgendwie gut. Das wäre zu kurz gesprungen. Wir müssen radikal neu denken, damit wirklich die Schuppen vor den Augen durch wahre Einsicht ersetzt werden.
„Die Krise hat uns drastisch vor Augen geführt: Vieles von dem, was wir für Wachstum und Wertschöpfung gehalten haben, war in Wahrheit keines.“

Wir hatten schon gedacht, es ginge uns gut; doch Pustekuchen: der Organismus ist krank. Endlich sagt es mal einer. Wachstum, dieser bekloppte Fetisch. Das war doch alles kein Wachstum! Und „Wertschöpfung“, schon allein dieser Begriff aus der Bankersprache! Diese Typen haben uns die ganze Krise doch erst eingebrockt.
„Wir müssen grundlegend hinterfragen, was uns eigentlich als Wert und Wohlstand gilt. Wir müssen die Ziele und Maßstäbe unseres Wirtschaftens neu definieren.“
Ganz genau. So sei es! Amen.
„Es gilt, nachhaltige Lebensqualität und gesellschaftlichen Fortschritt in den Mittelpunkt zu rücken.“
Endlich! Endlich! Endlich! Es traut sich einer; bislang waren doch alle zu feige, dem Volk einmal ganz deutlich zu verkünden, dass wir uns von diesem Denken in Quantitäten zu verabschieden haben. Dass es auf die Qualität ankommt, dass erst das der gesellschaftliche Fortschritt ist, und zwar nachhaltig. Frohsinn kann auch der Bescheidenheit entspringen; denn:
„Individueller Wohlstand ist eben mehr als ein voller Kühlschrank, und gesellschaftlicher Reichtum ist mehr als die Summe aller Bankkonten.“
Ein voller Kühlschrank, all diese Banknoten – wer will denn heutzutage so noch leben?! Wir brauchen eine Alternative. Wir brauchen eine Vision.
„Woran es uns mangelt, ist nicht die Kenntnis des Problems, sondern eine sichtbare und erstrebenswerte Alternative.“
Ja Meister, das haben wir ja schon verstanden. Aber kannst Du uns sie auch sichtbar machen, diese erstrebenswerte Alternative? Sag Du uns doch bitte, wie wir leben wollen!
„Wir brauchen eine neue Vision von sozial-ökologischem Wachstum, kurz: von Fortschritt.“ Danke Meister! Aber gestatte mir bitte eine Frage: „Fortschritt“ – ist dieser Begriff nicht ein bisschen out? Ich meine, er hört sich irgendwie so rückschrittlich an.
„Eine neue Fortschritts-Vision muss her! (Deshalb) wollen wir uns fragen, wie man die Faktoren in einem ganzheitlichen ,Fortschrittsindikator` zusammenführen kann.“

Das ist natürlich eine gute Sache, äh: eine gute Frage. Ich würde zum Beispiel schon ganz gern etwas genauer wissen, wie dieser neue Fortschritt aussehen soll. Klar: voll ist der Kühlschrank dann nicht mehr. Aber halb voll oder vielleicht sogar zu zwei Dritteln? Steht dann auf allen Produkten „Bio“ drauf oder gibt es wieder ein neues Siegel?
„Natürlich erfordern Auswahl, Messung und Gewichtung dieser Faktoren eine Vielzahl von Werturteilen. Gerade deshalb fordern wir eine breite gesellschaftliche Debatte, für die das deutsche Parlament die angemessene Plattform bietet.“
Natürlich, der Bundestag. Ja, ist denn diese echte Vision vom neuen Fortschritt nicht etwas zu abgehoben für die praktische Politik? Ich meine, die ganze Sache ist ja schon ein wenig …
„Dem BIP einen ganzheitlichen Fortschrittsindikator entgegenzustellen ist keine akademische Trockenübung für Volkswirte und Statistiker.“
Natürlich nicht. Entschuldigung! Ich meinte ja nur. Ich meine: dürft Ihr das im Bundestag einfach so festlegen, dass individueller Wohlstand eigentlich gar nicht so viel mit einem vollen Kühlschrank und dem Geld auf dem Konto zu tun hat?
„Die Politik muss grundlegende Konsequenzen aus der Finanzkrise ziehen und einen neuen Maßstab für Fortschritt finden. Eine Enquetekommission im Bundestag könnte dabei helfen …“
Ja okay. Ach, wobei genau? – „… einen neuen Maßstab von Fortschritt zu finden …“

Ich verstehe. Das ist dann nämlich „der erste Schritt, um mit diesem Versprechen ernst zu machen“. Dem Versprechen aller Politiker, dass es nach der Finanzkrise nicht so weitergehen werde wie vorher. Und da sich schon bei der Zockerei mit den Spezialpapieren nichts geändert hat, und da Deutschland sowieso an seinem verheerenden Kurs des Sparens und des Exportierens festhalten wird, muss wenigstens so langsam mal eine neue Fortschritts-Vision her.
Es ist „Zeit für eine Fortschrittsenquete“, und deshalb werden die Grünen einen entsprechenden Antrag in den Deutschen Bundestag einbringen. Und zwar– auch das ist ein Stück Fortschritt nach neuen Kriterien – gemeinsam mit der SPD. Der Vorsitzende ihrer Bundestagsfraktion ist nämlich der Autor des hier zitierten Beitrages „Eine neue Fortschritts-Vision muss her!“, die in der Wochenendausgabe der Financial Times Deutschland (FTD) erschienen ist.
Als Gastkommentar. Die Redaktion der FTD ist nämlich insgesamt ausdrücklich gegen eine restriktive Finanz- und Wirtschaftspolitik, für die Frank-Walter Steinmeier hier im grünen Gewande wirbt. Hier ein treffendes Beispiel.

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