Hermann in der Gruppen-Therapie – Das Pogrom-Experiment

Man ist nett zueinander in der Gruppe. Das muss aber auch. Die Leute haben nämlich Probleme, teilweise ganz erhebliche Probleme. Deshalb können sie auch nachempfinden, was die anderen durchgemacht haben müssen. Die anderen in der Gruppe. Ja, so eine Gruppe tut schon gut. Wenn man soviel durchgemacht hat, da hilft manchmal einfach nur Reden. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man merkt: da hört jemand zu. Ich werde ernst genommen. Endlich mal. Hier kann ich meine Sorgen artikulieren; hier kann ich frei reden, ohne sogleich für verrückt erklärt zu werden. Und ob das gut tut!

Was natürlich nicht so gut ist, ist, wenn dabei noch eine Kamera mitläuft. Sicher, das gehört mitunter zum therapeutischen Konzept. In machen Fällen soll es schon geholfen haben, wenn man selbst einmal sieht, was man so von sich gibt. Und vor allem wie. Aber dass so ein Video allein schon helfen könnte, ist schwer vorstellbar. Und wenn überhaupt, dann allenfalls in minder schweren Fällen.

Was aber überhaupt nicht geht, ist, wenn dann so ein Video auch noch ins Internet gestellt wird. Das ist wirklich das Letzte! Aber leider schrecken einige Sensationsjournalisten vor nichts zurück. Nicht einmal davor, Filmmaterial aus solch einer Gruppensitzung reißerisch an die Öffentlichkeit zu zerren, damit noch mehr Hohn und Spott auf die Betroffenen niederregne. Grausam!

Zu dieser gewissenlose Sorte gehören zum Beispiel die sog. Ruhrbarone. Sie haben jetzt ein Video ins Netz gestellt, das einen Betroffenen namens Hermann D. dabei zeigt, wie er sich gerade auf Betriebstemperatur redet. Hermann selbst bezeichnet das so und entschuldigt sich sogar ausdrücklich bei seinen Genossen, also Leidensgenossen, dafür, dass er sich ein klein wenig gehen gelassen hat.

Das Pogrom-Experiment

Hermann D. hat etwas länger geredet. Aber, ach was: kein Aber – selbstverständlich verzeiht ihm die Gruppe. Mehr noch: man findet es irgendwie gut, dass jemand den Mut gefunden hat, so total offen über sein Problem zu reden.

Und Hermann D. ist nicht irgendjemand, und sein Problem ist groß. Riesengroß. Für ihn jedenfalls. Hermann selbst weiß freilich, dass es eigentlich „läppisch“ ist. Aber Wissen allein hilft in solch einem schweren Fall noch weniger weiter als eine Videoaufnahme.

Hermann D. hat es schwer. Und sein Problem heißt Israel. Hermann ist nicht dumm, jedenfalls nicht ganz so dumm wie er redet, wenn er auf Betriebstemperatur ist. Er weiß, dass die Frage, ob Israel existiert oder nicht, läppisch ist. Er sagt es ja. Aber vielleicht kennen Sie das ja von sich selbst, wenn Sie mal mental gar nicht gut drauf sind. Da können einen selbst die läppischsten Fragen wahnsinnig machen.

Hermann D. weiß, dass Staaten kommen und Staaten gehen. Warum sollte er sich also über den Staat Israel aufregen?! Aber er tut es, er kann nicht anders. Israel regt ihn nun einmal auf.

Dabei ist Hermann D. kein Antisemit – glaubt er jedenfalls. Aber wenn er so etwas hört wie, Israel sei eine Fluchtburg für die Juden, dann könnte Hermann richtig ausflippen. Nirgendwo auf der Welt lebten Juden unsicherer als in Israel, bildet er sich ein. Und da sagt man sich: „Ey, der Hermann! Vielleicht hat er da gar nicht so Unrecht.“ Oder haben Sie schon einmal davon gehört, dass in Afghanistan eine Synagoge beschmiert worden ist? Gut, in Israel auch nicht; aber was den Juden da so alles passieren könnte!

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Nein, nicht wegen dieser selbstgebauten Knallkörper, die seine Freunde, die unterdrückten Palästinenser immer auf Israel ballern. Lächerlich. Es ist vielmehr deswegen für Juden so gefährlich, in Israel zu leben, weil … – okay, Hermann D. hatte sich auf Betriebstemperatur geredet und vergessen, es der Gruppe zu sagen.

Die Gruppe ist nett zu ihm. Selbstverständlich. Fluchtburg für die Juden – ja, früher mal, meint Hermann. Da war es in Israel auch noch sicherer. Aber heute. Früher war es in Israel auch noch ein bisschen sozialistisch. Nur ein ganz kleines bisschen; aber heute ist Israel ein Klassenstaat. Sagt Hermann D.; der ist nämlich Kommunist – glaubt er jedenfalls.

In Tel Aviv zum Beispiel gibt es eine Bourgeoisie. Und diese Leute sind reich, richtig reich. Aber da gibt es auch arme Leute, sehr arme Leute, die aus der Suppenküche leben. Und darüber kann sich der Hermann richtig aufregen.

Und wenn er dann einmal – oder vielleicht auch zweimal – sagt, dass man keine Jaffa-Orangen kaufen soll … ich glaube, weil die dann in der Suppenküche von Jaffa fehlen, und die ganzen Extraprofite sowieso nur der Bourgeoisie von Jaffa zugute kommen …

Dann ist aber etwas los! Dann geht es aber echt los. Dann gehen sie alle los. Auf den Hermann. So geschehen im letzten Frühjahr. Da haben die, sagt Hermann, ein Experiment gemacht. Ich nehme an: die Bourgeoisie. Und zwar das Pogrom-Experiment. Tatsache: ein Pogrom gegen Kommunisten. Hat Hermann gesagt. Zwar nur gegen einen Kommunisten, nämlich gegen ihn. Aber es war ja auch erst ein Experiment.

Da hat er schon mächtig dran zu knabbern gehabt, sagt der Hermann. Auch psychisch und so. Und man merkt es ihm an. Gut, dass die Gruppe nett zu ihm ist. Da ist er auch nett zur Gruppe. Erst einmal nur zur Gruppe, weiter ist Hermann D. noch nicht, nach allem, was er durchgemacht hat.

Er leidet noch unter seinem Problem. Er leidet unter Israel. Ob Hermann D. irgendwann einmal auch noch zu Anderen wird nett sein können? Dafür muss natürlich erst einmal Israel weg. Hermann setzt da ganz auf die Nachbarn. Auf Israels Nachbarn, denen der Judenstaat ständig Unfrieden bringt.

Israel muss weg, und zwar durch einen bewaffneten Kampf. Der muss natürlich mit richtigen Waffen getrieben werden. Und nicht mit diesen ölgetriebenen Knallkörpern, die nur dazu gut sind, dass sich die Juden mal wieder lauthals beschweren können. Und dann muss sich der Hermann wieder so aufregen.

Nein, das bringt Alles nichts. Wirkliche Hilfe kann nur der bewaffnete Kampf mit richtig wirkungsvollen Waffen bringen. Die Gruppe klatscht. Das tut einfach gut. So ein schönes Gefühl. Israel ist verschwunden von der Landkarte. Und er kann dann wieder gesund werden, glaubt Hermann.

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