Das Wunder von Rheinhausen

Wunder gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie geschehn. So ward uns gesungen seit 1970, doch finden wir in Günther Looses Text weder eine Antwort darauf, wo sie denn geschehen „können“, geschweige denn warum.

Wann sie geschehen „können“, ist dagegen klar: immer wieder. Will sagen: immer wieder können sie geschehen, müssen sie aber nicht. Seien wir ehrlich: Günther Loose hat uns mit seinem Text kein bisschen weitergeholfen. Aber Katja Ebstein hat das Lied wunderbar gesungen und damit beim Eurovisionsfestival in Amsterdam den dritten Platz geholt. Für Deutschland! Ein Wunder.

Fast vierzig Jahre danach hat sich unser Erkenntnisstand in Sachen Wunder schlagartig ausgedehnt. Wenig überraschend: sie können immer wieder geschehen. Die Chancen steigen freilich in der Weihnachtszeit und sind am größten – na, welch Wunder: an Heiligabend. Wie schon festgestellt: an anderen Tagen können sie zwar auch geschehen, mitunter geben sie sich auch die Ehre („Wunder von Bern“, „Wunder von Lengede“), aber meistens … Reden wir nicht drüber!

An diesem Heiligabend geschah es:

Das Wunder von Rheinhausen

Das wunderbare Lied „Wunder gibt es immer wieder“ beginnt mit der Zeile „Viele Menschen fragen, was ist schuld daran, warum kommt das Glück nicht zu mir.“ Das ist erstens wahr und zweitens eine ziemlich beschissene Einstellung. Leider auch vierzig Jahre nach Veröffentlichung dieser Zeile immer noch grausame Realität. Furchtbar, die Typen, die immer, wenn sie irgendwie unzufrieden sind, gleich nach dem Staat rufen. Oder nicht einmal das, sondern einfach nur nörgelnd vor sich hinvegetieren. Zweite Zeile: Fangen mit dem Leben viel zu wenig an.

Andere dagegen legen die Hände nicht in den Schoß. In Rheinhausen zum Beispiel die Frau von der Bücherkiste. Die organisiert ständig eine Aktion. Leute können ihre gut erhaltenen Bücher in der Bücherkiste abgeben. Andere „kaufen“ die dann; d.h. den Preis bestimmt jeder Kunde für sich. Am Ende spendet dann die Buchhändlerin das Geld für eine gute Sache.

Das ist wirklich eine gute Sache, die in diesem Jahr etwas modifiziert wurde. Die Bücherkiste wollte nämlich etwas mehr Geld zusammen bringen, damit die Rheinhauser Innenstadt etwas hübscher aussehe. Lasset Blumen sprießen! In diesem Fall Krokusse, die an Straßen und Plätzen gepflanzt werden sollten, damit … Frage: waren Sie schon einmal in Rheinhausen-Mitte?

Die NRZ Duisburg-West schreibt am 18.12. 2009 (17.12. online):

Der Erlös wurde für die Verschönerungsaktion gesammelt, zu der auch in den lokalen Medien aufgerufen wurde. Auch bei der Stadt war man Feuer und Flamme. „Der Bücher-Spenden-Verkauf der Händlerin ist bekannt, es gibt ihn schon lange, den monatlichen Erlös überreichte Broszeit sonst immer an gemeinnützige Organisationen im Stadtteil. Diesmal sollte eben länger gesammelt werden, neun Monate lang, damit Rheinhausen blüht.

Ich wiederhole: auch bei der Stadt war man Feuer und Flamme. Dummerweise hatte man nicht erwartet, dass so viele Zwiebeln von dem Erlös hätten gekauft werden können. An und für sich eine gute Sache, aber, aber, aber … „aber 30 000 Krokusse zu pflanzen, das sei schlicht zu teuer“.

Wie die sich das vorgestellt hatte, die Frau Broszeit, die Buchhändlerin! Die hätte doch wissen müssen, dass Duisburg pleite ist. Sicherlich: „Man muss Frau Broszeit ausdrücklich loben, es war eine gute Idee und wäre zweifelsohne eine Bereicherung des Stadtbilds”, sagte Bezirksamtsleiter Heinz Trappmann, der den Kontakt vermittelt hatte. „Aber am Ende steht im Fachbereich die nüchterne Erkenntnis, dass für die Umsetzung einfach keine Mittel vorhanden sind.”

Diese Erkenntnis wurde – besser, dass es extra dazu gesagt wurde – nüchtern gewonnen. Frau Broszeit hatte nämlich vorgeschlagen, die Krokusse mit Hilfe der Bürger zu pflanzen. Was die Buchhändlerin nicht bedacht hatte:

Die Pflanzung sei so anspruchsvoll, dass sie nicht von Laien durchgeführt werden könne. „Das möchte ich nicht kommentieren”, sagte Broszeit der Redaktion.

Ich auch nicht. Ich kommentiere doch keine Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Sie kennen mich doch! Und von einer Pflanzung habe ich echt keinen blassen Schimmer. Da bin ich Laie. So etwas kann ich wirklich nicht durchführen. Ehrlich nicht, fragen Sie meine Frau!

Dennoch entwickelte sich das Projekt

Lasset Blumen sprießen!

zu dem Aufreger-Thema. Und so geschah es, dass genau eine Woche später, nämlich an Heiligabend, in der NRZ das Wunder verkündet werden konnte:

Nachdem die Stadt die Spende von 30.000 Krokussen einer Buchhändlerin ausschlug, präsentieren Bezirksamtsleiter Heinz Trappmann und WBD-Vorstand Thomas Patermann jetzt doch noch eine Lösung. Sobald es das Wetter zulässt, soll gepflanzt werden.

Dem Apostel Thomas verdanken wir den Hinweis, dass man Gutes auch im Stillen tun kann. Man muss nicht, aber man kann. Manchmal muss man aber auch; da geht es sozusagen gar nicht anders.

Übrigens hat dieser Apostel es wahrlich nicht verdient, dass man ihn „den ungläubigen Thomas“ nennt. Er war nicht ungläubig, höchstens kritisch. Im Grunde war er der härteste Hardliner in dieser jüdischen Sekte, so eine Art Chefideologe. Und diese Typen fragen eben selbst beim Chef gern mal nach. Und jetzt mal ehrlich: hätten Sie diese Story mit der Auferstehung auf Anhieb gefressen?! Na bitte.

Man kann Gutes auch im Stillen tun, hat er gesagt, der Apostel Thomas. Okay, da hat er vermutlich nicht an eine Spendensammlung gedacht, und ganz bestimmt nicht an so eine Aktion, wie sie die Bücherkiste gemacht hat. So etwas muss selbstverständlich mit Geräuschen organisiert werden. Da kann Gutes bei heraus kommen. Gutes schon, aber eben kein Wunder. Weiter in der NRZ:

Die Buchhändlerin hatte den Spendenerlös bereits an das Damwildgehege im Volkspark und an die DLRG am Toeppersee überreicht. Die Vereine behalten das Geld selbstverständlich. Um die Krokusse zu finanzieren, …

Was haben Sie denn gedacht, warum ich Sie mit der Weisheit des ganz und gar nicht ungläubigen Thomas vertraut gemacht habe? Wie bitte kommen denn wohl Wunder zustande? Denken Sie jetzt mal nicht an die Zauberkünste unseres Herrn Jesus! Stellen Sie sich mal den David Copperfield oder den Hans Klok vor!

Ganz klare Sache: die Wunder werden groß herausposaunt. Aber für deren Zustandekommen, für die Art und Weise, wie sie eingefädelt werden, gilt ganz klar der Satz unseres Chefideologen Thomas: man kann Gutes auch im Stillen tun.

Und so geschah es, das Wunder von Rheinhausen: Um die Krokusse zu finanzieren, habe man ebenfalls einen Weg gefunden, sagte Trappmann.

Ende des NRZ-Artikels. Das Wunder von Rheinhausen ist vollbracht. Im Grunde, jedenfalls.

Und nun, Herr, lass bitte Blumen sprießen! Lass nicht das Wort werden wahr: „Man hat schon Pferde kotzen sehen, mitten vor der Apotheke.”

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