Das Reitz-Thema – Studium alla bolognese

Hörsaal bei „Back to the Moon“

Image by seba // via Flickr

Piep, piep, piep – wir haben uns alle lieb. Die Studenten streiken, und alle geben ihnen recht. Irgendwie zumindest. Die Kanzlerin und ihre Bildungsministerin, der Herr Rektor und die Professoren, die Linke und die CDU. Alle bekunden ihre Sympathien. Alle? Wirklich alle?

In einer Situation, in der das ganze Land im sozialdemokratischen Einheitsbrei förmlich abzusaufen droht, gibt es immerhin einen, der sich gegen die herrschende Meinung aufzustellen wagt. Einer, der nicht mitmacht im Kartell der Leistungsverweigerer und Antikapitalisten. Einer, für den die Marktwirtschaft keine Schönwetterveranstaltung ist, sondern der zu ihr auch dann steht, wenn es stürmt und schneit. Einer, der auch dann für die Freiheit kämpft, wenn dies gerade nicht so in Mode ist. Es muss ja nicht unbedingt die Freiheit der Wissenschaft sein – oder die Freiheit des Studiums. Sein Kampf gilt der Freiheit an und für sich, oder – um es auf den Punkt zu bringen: der Freiheit der Wirtschaft.

Die Rede ist von Ulrich Reitz, so der Name dieses Freiheitskämpfers. Beruf: Journalist. Gegenwärtig ausgeübte Tätigkeit: Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung; Kürzel: WAZ. Deutschlands größte Regionalzeitung, in den Ruhrgebietsstädten faktisch in einer monopolartigen Stellung.

Heute veröffentlicht Reitz in seinem Leitartikel einen, wie er meint, „Uni-Check“. Ein Uni-Check, wenn ich Ihnen das einmal erklären darf, ist nicht etwa – wie bislang angenommen – so eine „Ranking“ genannte Hitliste, sondern schlicht und einfach die Antwort auf die Frage, „wo Studierende Recht haben, wenn sie protestieren. Und wo nicht.“

So, und diesmal haben sie mit ihrem Protest eben nicht Recht, findet Ulrich Reitz, weshalb die WAZ folgerichtig auch erst gar nicht darüber berichtet, wenn – wie letzten Dienstag in Essen – 150 friedliche Demonstranten von der Polizei eingekesselt und festgenommen werden.

 

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Ulrich Reitz. Anstatt durch eine Berichterstattung in der WAZ unnötig Nachahmer zu provozieren, schreibt er einen sachlichen – ja, nennen wir ihn ruhig so – Kommentar und wählt als Überschrift

Das straffe Studium ist richtig

Das nimmt aus der ganzen Sache ein wenig die Emotionen raus. Das trifft den Nagel auf den Kopf; denn die Proteste richten sich … – aber der Reihe nach.

Erster Satz: „Lassen wir die lustige Antikapitalismus-Kritik der Studenten einmal weg.“ Und Humor har er auch, der Ulrich Reitz. Ganz sanft – er verzichtet wirklich, auch das ist Freiheit, auf ein Ausrufezeichen –, ganz sanft sieht der Chefredakteur über derartige spinnerte Jugendsünden hinweg, die sich einige mögen zu Schulden haben kommen lassen. Und die anderen, die sich nicht in Antikapitalismus-Kritik, sondern gar in – man stelle sich das vor! – Kapitalismus-Kritik ergingen, hat er gleich ganz überhört. Bestimmt extra – Reitz, der Gentleman!

Und dennoch als zweiter Satz: Nehmen wir sie also ernst. Auch hier ganz sanftmütig, auch hier gegen jede Regel, auch hier ohne Ausrufezeichen – ja, man darf die Jugend nicht verschrecken, muss sie aber ernst nehmen.

Und so kommt Reitz den Studenten durchaus entgegen, bezeichnet sie sogar als „Studierende“; denn so gehört es sich! „Studenten“ – das hört sich schon so an, als seien erstens keine Frauen dabei, die müssten nämlich „Studentinnen“ heißen, und zweitens, als würden die, abgesehen von hier und da mal Krawall, überhaupt nichts machen. Politisch korrekt ist also „Studierende“, nicht so sexistisch (1.) und respektlos (2.) wie Studenten. Oder können Sie sich das Wort „Studierendenunruhen“ vorstellen? – Okay, die Word-Rechtschreibhilfe kann; aber was heißt das schon?!

Reitz schreibt mal „Studenten“, mal „Studierende“, das ist ausgewogen. Das Wort, das er nicht benutzt, heißt „Streik“. Dabei hören sie das so gern, die Streikenden. Die müssten zwar eigentlich auch wissen, dass Studenten eigentlich gar nicht streiken können. Das schreibt Ulrich Reitz aber nicht. Und stellen Sie sich nur einmal vor, der WAZ-Chefredakteur hätte vom „organisierten Schwänzen“ gesprochen! Nicht auszudenken. Nein, der Reitz ist und bleibt sachlich.

Weiter im Text: Was ist von ihren Vorwürfen und Forderungen zu halten? Sie beklagen eine Ökonomisierung des Studiums. Damit haben sie recht.

Was?! Da staunen sie aber. Reitz gibt den von ihm so ernst genommenen jungen Menschen recht. Hätte man nach der Überschrift in der Tat gar nicht erwarten können.

Dem ist auch nicht so. Wenn ich Ihnen das kurz erklären darf: Reitz hält die Einschätzung, dass der Bologna-Prozess eine Ökonomisierung des Studiums eingeleitet habe, für richtig. Und auch die Ökonomisierung des Studiums selbst, folglich den Protest dagegen nicht.

Der nächste Satz macht dies deutlich: Was soll man dagegen haben, Studiengänge stärker am späteren Arbeitsplatz auszurichten? Vielleicht haben Sie in den ersten Sätzen dieses „Uni-Checks“ bereits das ein oder andere Argument gegen ein Studium alla bolognese gefunden. Es gibt darüber hinaus noch einiges mehr gegen solcherlei Schein-Studium vorzutragen. Ich zum Beispiel habe eine Menge dagegen, Studiengänge stärker (!) an einen (!) Arbeits-Platz (!) auszurichten. Ich werde mal etwas dazu aufschreiben. Morgen und übermorgen.

Jetzt mal keinen Leistungsdruck, ey!

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