Globale Finanzkrise voll in Deutschland angekommen

Schon seit einiger Zeit habe ich mich nicht mehr zu ökonomischen Fragen geäußert. Warum hätte ich auch? Sie wissen doch: nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht, was im Umkehrschluss übrigens nicht heißen muss, dass eine gute Nachricht zwingend auch eine schlechte sei. Muss nicht. Kann aber.
Der Wirtschaftsteil der WAZ-Ausgabe meldet heute – ganz oben, in roten Lettern:

Die gute Nachricht

Na eben, kann man doch auch einmal bringen. Durchaus. Und weil sie so schön ist, will ich sie Ihnen auf gar keinen Fall vorenthalten. Nicht dass es noch heißt, für mich sei nur eine schlechte Nachricht eine gute Nachricht, oder ich sei ein Miesmacher, oder sonst was.
Ich zitiere – na klar: wörtlich:
Die deutsche Wirtschaftsleistung wird 2009 weniger stark zurückgehen als noch im Frühjahr befürchtet. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte nach Regierungsangaben um vier bis fünf Prozent schrumpfen statt wie prognostiziert um sechs Prozent.

So, das war die gute Nachricht. Komplett. Hervorhebungen im Original.
Verstehen Sie? Das war es mit dieser Wirtschaftskrise. Alles wird halb so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Und was war das für eine Aufregung! Und jetzt: alles gegessen. Lauwarm. Fertig aus, Micky Maus. Und nächstes Jahr dürfte es schon wieder aufwärts gehen. Die einen sagen um ein halbes, die anderen um ein ganzes Prozent. Werden wir ja sehen, ist doch wurscht.
Die Aktienkurse gehen auch wieder nach oben. Ob es Ihnen nun passt oder nicht. Und zwar deshalb, so hat es gestern der ARD-Börsenberichterstatter Michael Best erklärt, weil auch die deutschen Exporte wieder kräftig zulegen dürften. Dieses Jahr gehen sie zwar um zwanzig Prozent zurück, aber 2010 gehen sie dafür wieder um sieben Prozent nach oben. Prognostiziert ein Institut, dass es so kommen dürfte.

Das Verb „indizieren“ wird mal so und mal so verwendet. Wir wollen mal einen Index bilden. Setzen wir einfach das deutsche Exportvolumen 2008 gleich hundert, dann wären wir – diesen Angaben zufolge – 2009 bei 80. 2010 geht es um sieben Prozent nach oben, also 87. Nee Quatsch, sieben Prozent von 80 sind ja nur 5,6 – okay. Also 85,6 in 2010. Jetzt nehmen wir einmal an, auch die folgenden Jahre wüchsen die Exporte um jeweils sieben Prozent. Dann wären wir für 2011 schon bei … – Mist, jetzt habe ich keinen Taschenrechner – sagen wir Pi mal Daumen: 92. Und 2012 hätten wir

schon etwa 99, sagen wir mal 100.
Nach vier Jahren, also in drei Jahren wäre also der Ausgangswert wieder erreicht. Rubbeldiekatz. Wenn die deutschen Exporte jahrelang um sieben Prozent zulegen, da sind wir ja einfach mal von ausgegangen. Jetzt müssen wir bloß noch die Steigerungen der Arbeitsproduktivität in Rechnung stellen – in drei oder vier Jahren kommen wir da so auf fünf bis zehn Prozent. Dann hätten wir in der Exportwirtschaft so etwa 2015 oder 2016 die Zahl der Arbeitsplätze, die im nächsten halben Jahr verloren gehen, wieder erreicht. Wie gesagt: wenn es jedes Jahr kräftig aufwärts geht. Und dann wäre es ohnehin mal wieder Zeit für die nächste Rezession.
Wenn Sie möchten, können Sie eine ähnliche Rechnung ja auch einmal für die Gesamtwirtschaft anstellen. Fangen Sie an mit minus vier oder fünf Prozent, 2010 plus ein halbes oder plus ein Prozent, und für danach ein bisschen Phantasie und Optimismus.
Und nicht so miesepetrig wie der Bundespräsident, der gestern meinte, vortragen zu müssen, die Bestie der Finanzkrise sei noch keineswegs gezähmt. So geht das doch nicht! Ich weiß, der Köhler kommt vom Internationalen Währungsfonds. Aber jetzt ist er halt, und nicht erst seit gestern: Bundespräsident. Damals: Horst wer? Heute muss man sich fragen: Horst, was? Der Bundespräsident soll uns gefälligst – das ist seine Aufgabe – Mut machen und nicht den Teufel an die Wand malen! Oder die Bestie.

Die schlechte Nachricht

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich will überhaupt nichts beschönigen. Das war schon ein ganz schöner Hammer, diese globale Finanzkrise. Und ganz klar: sie ist in Deutschland angekommen. Mit voller Wucht.
Gestern hatte ich die neue Ausgabe des Manager Magazins im Briefkasten. Fetter Aufmacher auf der Titelseite: die 300 reichsten Deutschen. Allerdings: obwohl die Ziffern, also die Drei mit zwei Nullen dran, etwa zehn Zentimeter groß sind, konnte ich sie nicht sehen. Denn davor war eine Banderole, die noch größer war. Text:
Liegt es an Ihrer Bank, dass Sie hier nicht dabei sind?
So hatte ich das gar nicht gesehen. Nein, ich meine nicht die Zahl 300 – hatten wir ja schon. Ich meine diese Sichtweise. Stimmt ja auch: an irgendjemanden muss es ja liegen, dass ich mal wieder nicht dabei bin. Bei den 300 reichsten Deutschen. Stimmt! Das könnte gut an meiner Bank liegen, obwohl ich – ehrlich gesagt  – nicht einmal eine Bank besitze. Trotzdem: den Brüdern wollte ich die Tage sowieso mal ordentlich Bescheid sagen.
Außerdem frage ich mich, woher die das überhaupt wissen? Die mit der Banderole, so ein paar Investment-Ganoven. Dass ich nicht zu den 300 reichsten Deutschen gehöre. Woher kennen die meine Vermögensverhältnisse? Ich hatte mit denen doch noch nie etwas zu tun. Na egal.

Die ganze Sache hat nämlich auch Ihr Gutes. Oder Schlechtes. Wie man es nimmt. Ich habe nämlich diese Scheiß Banderole aufgerissen, das Manager Magazin durchgeblättert und die Titelgeschichte gelesen.

Ach du lieber Himmel! Diese Finanzkrise, wirklich eine Bestie! Was die alle an Geld verloren haben, die 300 reichsten Deutschen. Unfassbar! Ich hätte mich, oder ich sage mal: meine Frau hätte mich …
Mein Gott, die Frau Schaeffler oder auch die Frau Schickedanz – tja, über die steht im Online-Artikel nichts. Da müssten sie sich entweder das Heft kaufen oder ein paar ältere Sachen bei xtranews nachlesen oder eine Geschichte von mir. Ihre Sache!

Was aber auch im Online-Artikel des Manager Magazins steht: wir haben jetzt nicht einmal mehr 100 Milliardäre. Haben wir nicht mehr – wir, also Deutschland. Das muss man sich einmal vorstellen! Deutschland unter 100. Im letzten Jahr noch 122, und jetzt nur noch 99. Diese Finanzkrise, es ist eine Bestie. Sie hat Deutschland voll erwischt. Das war so brutal!
Andererseits: eigentlich kann es jetzt nur noch aufwärts gehen!

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