Eleonore Güllenstern wird 80

elenoreEleonore Güllenstern wird heute 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!
Von 1982 bis 1994, also insgesamt 12 Jahre lang lenkte die Sozialdemokratin Eleonore Güllenstern die Geschicke Mülheims – als erstes weibliches Stadtoberhaupt in der Geschichte dieser Stadt, meiner Geburtsstadt, in der ich bis 1979 wohnte.
Zuletzt war ich dort Juso-Vorsitzender. Da durfte ich auf den Parteitagen Reden schwingen, an den Sitzungen des Parteivorstandes teilnehmen, und gar manches Mal kam Eleonore Güllenstern auch zu uns, zu den Juso-Mitgliederversammlungen. Da waren auch immer so um die fünfzig Leute.
Und ich ließ damals, also in der zweiten Hälfte der 70er Jahre kaum eine Gelegenheit ungenutzt, den Klassenkampf zu bemühen, hin und wieder – was zweifelsohne schlimmer war – auch den Klassenfeind. Das erinnere ich noch recht gut. Wie ich es mit der Revolution hielt, erinnere ich dagegen nicht mehr so genau. Klar war – ich war nämlich Stamokapler -, dass allein mit Reformen der Sozialismus nicht zu erreichen war. Andererseits legte ich schon mit Anfang 20 großen Wert darauf, dass die Versorgung mit Strom, Heizung und Wasser keineswegs gestört werden dürfe.
Das war für damalige Stamokap-Verhältnisse zwar schon ziemlich rechts, im Vergleich zu Eleonore Güllenstern allerdings ziemlich links. Doch reagierte sie wesentlich gelassener auf meine Volksreden als die meisten ihrer männlichen Vorstandskollegen. Tolerant war – und ist – sie, ist häufig zu lesen. Und weil man sich dies damals schon erzählte, laberte ich etwas von „repressiver Toleranz“. Nicht dass ich etwas für die Frankfurter Schule übrig gehabt hätte, aber ich kam gegen ihre Art einfach nicht an. Das hat mich schon ganz schön gewurmt. Ständig zog ich den Kürzeren.
Schnitt. Etwa ein Vierteljahrhundert später trafen wir uns wieder. Häufiger, mal in Duisburg, mal in Mülheim. Ich bin nämlich der DIG beigetreten, der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft. Die DIG, genauer die Arbeitsgemeinschaft Duisburg-Mülheim-Oberhausen, ist nämlich eines ihrer vielen „Kinder“. Eleonore Güllenstern hat einige davon vorzuweisen, aber gewiss zählt die DIG zu ihren „Lieblingskindern“. Sie war sehr lange Zeit ihre Vorsitzende, seit etwa fünf Jahren ist sie die Ehrenvorsitzende.

Und, keine schöne Geschichte ohne Happy End, die Freude beim Wiedersehen war groß. Sie freute sich, dass aus dem rebellischen Juso-Revoluzzer von einst ihres Erachtens dann doch einigermaßen etwas geworden sei. Und ich freute mich, weil sie sich freute. Es schmeichelte, dass Eleonore Güllenstern sich überhaupt an mich erinnern konnte.

Vor zwei, drei Jahren hatten wir in der DIG richtig Ärger mit – inzwischen ausgetretenen Mitgliedern, die sich den sog. „Antideutschen“ zurechneten. Erstaunlich: obwohl eine ganze Generation später, obwohl – schon aufgrund ihres Alters – offenkundig andere Menschen hatten diese „antideutschen Kommunisten“ das gleiche Auftreten wie ihre „Ursprungsgenossen“ aus den späten 70ern. Der Kommunistische Bund, KB oder KB Nord, Markenzeichen die „Antifaschistische Aktion“ präsentierte sich auch damals mit einem scheinbar sehr freundlichen Auftreten, was mein Nervenkostüm erheblich strapazierte. Später zerfiel er dann in die „Antifa“, bekannt aus Funk und Fernsehen, sowohl schlagkräftig als auch radikal „antizionistisch“ und in ihr Gegenstück, nämlich besagte „Antideutsche“, die sich hier und dort auch schon mal – welches Label könnte schöner sein – „Antifa“ nennen.
Vor drei Jahren marschierten diese, mit etwas Verzögerung, in die DIG-Mitgliederversammlung ein,

die Reihen fest geschlossen, offensichtlich in der Absicht, auf demokratischem Wege den ganzen Laden zu übernehmen. Ich werde die perplexen Gesichter der antideutschen Kämpfer nie vergessen, die feststellen mussten, dass sie trotz aller Mobilisierung für die Majorisierung doch ein paar Leute zu wenig waren.
Was blieb, war Rabatz machen. Und da war sie wieder, Eleonore Güllensterns Toleranz, die mir vor gut einem Vierteljahrhundert so zugesetzt hatte. Die Ehrenvorsitzende war mit der Wahlleitung betraut. So schmierig-freundlich konnten die jungen Antideutschen gar nicht sein, als dass Frau Güllenstern sie nicht ausgebremst hätte. Für mich ein recht amüsantes Déjà-vu. Und ich kam in der Rolle des Wirtshausschlägers auch auf meine Kosten.
„Lore“, sagte ich ihr nach der Versammlung, „genau diese Art. Weißt Du eigentlich, dass Du mich damals damit fast bis zur Weißglut genervt hattest?“ „Mag sein“, erwiderte sie, „aber Dein Auftreten kam mir auch irgendwie bekannt vor.“
An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich mich in den letzten Jahrzehnten selbstverständlich enorm entwickelt habe.
Eleonore Güllenstern steht mir diesbezüglich kein Urteil zu. So oft treffe ich sie halt doch nicht, als dass ich dazu etwas sagen könnte. Außerdem wird sie heute 80 Jahre alt – selbst wenn ich könnte, würde ich meinen, dass es sich nicht schickt.
Vor etwa zwei Jahren ist Eleonore Güllenstern sehr krank geworden. Inzwischen geht es ihr wieder etwas besser; aber verständlicherweise macht sie sich rar. Die Gesundheit geht nun einmal vor.

An einem anderen „Kind“ hängt sie mindestens genauso wie an der DIG, nämlich dem Theater an der Ruhr. Ist es eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet heute, auf ihrem runden Geburtstag dort die deutsche Uraufführung des umstrittenen Fassbinder-Theaterstücks stattfindet?
„Bei allem Respekt für die zu Recht bestehenden Empfindlichkeiten der Jüdischen Gemeinde”, sagt die ehemalige Oberbürgermeisterin: „Ich vertraue den Herren Ciulli und Schäfer, dass sie das Stück so inszenieren, dass es einen aufklärerischen Aspekt in der Vergangenheit und Gegenwart erfüllt.“
Ich habe meinen Teil gestern dazu beigesteuert.
Ich werde ihr nicht, und schon gar nicht heute widersprechen. Außerdem: im Gegensatz zu ihr kenne ich die Herren nicht. Also kann ich nicht vertrauen, sondern nur hoffen. Eleonore Güllenstern hat es wahrlich verdient, dass ihre beiden „Lieblingskinder“ sich vertragen. Das Theater an der Ruhr und die Deutsch-Israelische Gesellschaft. Ich hoffe es von ganzem Herzen.
Und wenn es heute Abend nur ruhig über die Bühne geht, und die Theatergäste sich – allein schon, um ihre Intellektualität zu unterstreichen – wechselseitig versichern, das Stück sei aber nun wirklich nicht antisemitisch.
Auch von hier aus: alles Gute zum Geburtstag, Eleonore!

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