Klimawandel ohne Pardon: Heiligabend mit Rekordtemperaturen

Wladimir Kaminer als Moderator des Freiluftkon...

Wladimir Kaminer als Moderator des Freiluftkonzerts „Dresden singt und musiziert“ im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele (Photo credit: Wikipedia)

„Heiligabend mit Rekordtemperaturen“ heißt es in der ARD-Tagesschau. Ein Klick auf dieses Stichwort auf der Tagesschau-Homepage und man landet hier auf dieser Unterseite. Überschrift: „Weihnachtswetter in Deutschland. 20,7 Grad – Weihnachten in München“. Tatsächlich: das ist Rekord. Heiligabend in München: die Bayern dösen in der Sonne und freuen sich auch noch! Die Freude sei ihnen ja gegönnt; allein: man fragt sich, ob man in München noch nie etwas vom Klimawandel gehört hat. Oder von Mojib Latif, dem renommierten Meteorologen vom Hamburger MPI.

Na schön, es ist Weihnachten. Oh Du Fröhliche! Oh Freud´ über Freud´! Man möchte verstehen, dass die Münchener sich die schöne Weihnachtstimmung nicht von einem Hamburger verderben lassen wollen. Doch es fällt schwer zu verstehen, was bei 20 Grad im Biergarten Sitzen mit schöner Weihnachtstimmung zu tun haben soll. „Oh Du Fröhliche“ im T-Shirt und mit nackten Füßen?! Was ist mit „Leise rieselt der Schnee“?! Haben die Bayern das schon vergessen? Jetzt schon?! In Deutschland gehören klirrend kalte Winter der Vergangenheit an, glaubt der Hamburger Klimapapst.

„Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben“, prophezeite Professor Latif schon 2010. „Durch den Einfluss des Menschen werden die Temperaturen bei uns mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent noch weiter steigen.“ Vor anderthalb Wochen trat Latif im sonntaz-Streit gegen den Wladimir Kaminer an. So etwas ist kein Vergnügen – jedenfalls nicht für Kaminers Gesprächspartner. Es ging um den Weltuntergang, und der Schriftsteller russisch-jüdischer Herkunft vertrat die Ansicht, Händewaschen sei eine angemessene Vorbereitung auf ihn.

„Der Klimaforscher Mojib Latif hingegen sieht Alarmzeichen“, weiß die taz aus dem Streitgespräch zu vermelden. Mit „Wir richten uns selbst zu Grunde“ und „Der Weltuntergang hat viele Gesichter. Wir sind mit schuld“ oder auch „Wir führen ein gewaltiges Experiment mit der Erde aus“ wird der Klimaforscher zitiert. Die Russen blickten dem Ende der Welt entspannt entgegen, wusste dagegen Wladimir Kaminer dagegenzuhalten. Die russische Regierung nehme die Angst vor dem Weltuntergang besonders ernst, weshalb es sich auch beim Weltuntergangs-Dementi des Zivilschutzministers um eine absolut ernst gemeinte „ernsthafte Entwarnung“ gehandelt habe.

„Das neue Ende wird nicht das erste Ende und nicht das letzte Ende sein“, gab Kaminer in dem sonntaz-Streit zu Protokoll, der wohlbemerkt vor dem den Mayas zugesprochenen errechneten 21. Dezember stattgefunden hatte – „unaufgeregt“, wie die taz beobachtet hatte. Und vor allem: vor dem „Heiligabend mit Rekordtemperaturen“. Den hatte nämlich auch Russland zu bieten, d.h. den Heiligabend nicht. Der wird in Russland erst am 6. Januar gefeiert, dafür aber die Rekordtemperaturen am 24. Dezember. Freilich führte der Tagesschau-Link „Heiligabend mit Rekordtemperaturen“ nach München und nicht nach Moskau.

Dafür hätte man den Link „Kälteeinbruch in Russland“ anklicken müssen – wetterausland102, Überschrift: „Extreme Kälte an Weihnachten – Mindestens 123 Menschen in Russland erfroren“. Dort ist seit Dienstag zu lesen, dass „sich die Zahl der Todesopfer landesweit auf mindestens 123 Menschen erhöht“ habe. Mindestens. Allein in der Nacht von Montag auf Dienstag – hierzulande „Weihnachtsnacht“ genannt“ seien sieben Menschen gestorben, wobei es sich um eine sehr zurückhaltende Zahl handeln muss. Denn „am Montag war noch von 90 Kältetoten die Rede gewesen“. Die Differenz zu 123 könnte noch höher als sieben sein.

Hunderte Menschen seien „wegen der frostigen Temperaturen ins Krankenhaus eingeliefert worden“. Zwar ist man in Russland Kälte gewohnt, doch die Temperaturen von bis zu minus 30 Grad in der Moskauer Region, im Osten Sibiriens von fast minus 60 Grad werden auch hier nicht mehr liebevoll „Väterchen Frost“ genannt. Wie sagte doch Klimaforscher Mojib Latif? „Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben.“ Nun gut, Moskau liegt mit 55° nördlicher Breite noch zwei Grad nördlicher als Hamburg mit 53°, das seinerseits wiederum fünf Grad nördlicher als München liegt, das bei 48° angesiedelt ist.

Dumm nur, dass auch in Deutschland in diesem Jahr schon Anfang Dezember „viel Schnee“ gefallen ist, und dass wir es 2011/12 mit einem lang ausgedehnten „Winter mit starkem Frost“ zu tun hatten. Gewiss, Prognosen können niemals einen Anspruch auf exaktes Eintreffen erheben. Wenn jedoch eine auf Ewigkeit gestellte Prognose („nie wieder“) schon bei den ersten beiden Gelegenheiten sich als totaler Mumpitz erweist, wäre vielleicht eine geringfügige Korrektur oder zumindest eine kleine Verringerung der Lautstärke anzuraten. Wer so denkt, kennt Latif nicht. Dieses „Wir sind mit schuld“ ist ihm nicht auszutreiben.

Zumal: wir hatten doch einen „Heiligabend mit Rekordtemperaturen“. Nicht nur in München, sondern auch in Hamburg. So what?! The show must go on. Übrigens: in Deutschland wird es jetzt allmählich wieder kälter, und in Russland, falls Sie dies interessieren sollte, ist es schlagartig deutlich wärmer geworden. „Die Temperatur ist um zehn, zum Teil sogar um 20 Grad angestiegen“, lesen wir auf der Internetseite der Tagesschau. Für den heutigen Mittwoch werden in Moskau null Grad erwartet. „Und Schnee“, steht da. Nennen wir es einfach mal Wetter. Das ist etwas Anderes als Klima. Das weiß aber inzwischen wirklich jeder.

 

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