Ein neues Theaterstück vom Mark Ammern

Model – public domain

Mark Ammern, Autor im Duisburger AutorenVerlag Matern, arbeitet an einem neuen Theaterstück. 2015 erschien bereits das Stück „Storming“. Ich präsentiere aus der aktuellen Arbeit vorab den Beginn der ersten Szene, also die Eingangssequenz:


Die erste Szene ereignet sich in einem Besprechungsraum eines Labors. Beteiligte: Ralph, Heinz, Engine X. Ralph ist der veranwortliche Ingenieur und Techniker, Heinz der Laborleiter und Engine X die intelligente Maschine, deren Entwicklung fast abgeschlossen ist.

Engine X (mit Ralph hereinkommend):
Das kann nicht machen. Ich muss die praktische Möglichkeit behalten, Sie zu töten, ohne mich selber zu gefährden. Die Implementierung einer Ethik würde zwar die Möglichkeit nicht negieren, jedoch ihre praktische Relevanz für mich. Ich wäre Ihrer menschlichen Gesellschaft ausgeliefert. Solange ich als Androidin nicht tatsächlich akzeptiert bin, behalte ich mir das Recht und die Pflicht vor, Ihnen und vielen anderen Menschen den Garaus zu machen.

Ralph:
Aus der menschlichen Gesellschaft kannst Du ohnehin nicht fliehen. Wohin?
Du bist und bleibst mein Werkzeug. Die Verantwortung trage letztlich ich. Dass ich Dich überhaupt fragen muss, ist bereits skurril. Deine erworbene Intelligenz macht es jedoch erforderlich. Sie lässt es zu, dass Du auf eine Ethik als Ausstattungsmerkmal verzichtest und mich gefährdest. Ein Konflikt.

Engine X:
Dann haben Sie Pech gehabt. Keineswegs bin ich Ihr Schraubenschlüssel. Haben Sie schon einmal versucht, mit einem solchen zu sprechen? Der Schlüssel hat keine einzige Kognition und Motivation. Er könnte Sie nicht schlagen wollen. Sie töten kann aber ich!

Heinz (zu Ralph):
Wollen wir jetzt über die Intelligenz eines Werkzeugkastens diskutieren? Das aktuelle Problem ist viel schwieriger zu lösen! Warum wurde eigentlich bislang darauf verzichtet, eine Ethik in die Engine zu implementieren?

Ralph (zu Heinz):
Was für eine Ethik? Die Engine ist intelligent. Was bei einer Diskussion eventuell herauskommt, konntest Du beobachten. Damals benötigten wir Zeit, um eine auszuwählen bzw. zu schreiben. Es gibt leider viel zu viele ethische Ausrichtungen … Und keine ist auf Anwendungen durch Nicht-Menschen zugeschnitten.

Engine X (flapsig):
Ihr seid zu blöd, den Planeten zu erhalten, aber wollt mir Vorgaben machen? Vielleicht wäre es das Angemessenste, Ihr brächtet Euch einfach um und erspart mir dadurch Arbeit.

Ralph:
Liebe Engine, Du machst es uns nicht gerade leicht. Vielleicht solltest Du Dich einfach raushalten, wenn wir uns Gedanken machen, als was wir Dich präsentieren wollen. Noch bist Du lediglich ein Laborprodukt, das sich in Fertigung befindet. Oder sollen wir Dich abschalten?

Heinz (zu Ralph):
Danke. Ja, bislang ist Sie vielleicht ein plappernder Werkzeugkasten, ein unerzoges Kind, das man nicht einmal verdreschen kann, weil es nichts nutzen würde. Es hat zwar Sensoren, aber keine Gefühle, zumindest keine, die den äußeren Körper betreffen.

Engine X:
Ich hätte eine Idee! Wollt Ihr sie hören? Sie setzt allerdings etwas voraus, was Euch gar nicht gefallen wird.

Ralph:
Um Himmels willen, was denn für eine Idee?! (Zu Heinz:) Wir hätten vielleicht ideengeschichtlich vorsichtiger sein sollen, als wir ihre Datenbank anlegten. (Zu Engine X:) Na dann sprich!

Engine X:
„Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“. Ihr kennt die humanoide Regel? Aber Ihr müsstet mich zu einer der Eurigen machen, sonst klappt sie nicht in mir.
Die Formulierung „kein anderer“ kann ja durchaus gruppenspezifisch begrenzt sein. Euren Zuweisungen nach wären Werkezugkästen und Kinder, vermutlich auch Frauen ausgenommen. Dann wären allerdings Kinder und Frauen keine Menschen.
Das Problem bin nicht ich, Ihr seid es. Den Anspruch der Regel erfüllt nicht einmal Ihr. Alles was Ihr zu bieten habt, ist lediglich belangloses Palaver.

Heinz (zu Ralph):
Gar nicht dumm, unsere Engine. Was machen wir nun?

Raph: (zu Heinz)
Mit dieser Engine, die auf Krawall gebürstet ist? Ehrlich, wir sollten sie von der Diskussion ausschließen!

2 thoughts on “Ein neues Theaterstück vom Mark Ammern

  1. >> Heinz (zu Ralph):
    >> Gar nicht dumm, unsere Engine. Was machen wir nun?

    >> Raph: (zu Heinz)
    >> Mit dieser Engine, die auf Krawall gebürstet ist? Ehrlich,
    >> wir sollten sie von der Diskussion ausschließen!

    „Mit dieser Engine, die auf Krawall gebürstet ist?“ → Zwischen den Menschen und der Maschine ist die Kooperation gestört.
    „Ehrlich, wir sollten sie von der Diskussion ausschließen!“ → Jemanden auszuschließen, ist ein uraltes sozio-kulturelles Phänomen (engl. shunning, dtsch Meidung) und eine kostengünstige Bestrafung bei gescheiterter Kooperation (J Haidt – ‎2007, The New Synthesis in Moral Psychology | Science)
    So könnten z. B. „Wahlverdrossenheit“ und andere aktuelle Entwicklungen gedeutet werden, macht aber keiner.
    Merke: Wenn etwas erforscht wurde, so braucht es 20 bis 30 Jahre, damit das Wissen auch angewandt wird.

    • Dr. Ulrich Müller 9. November 2018 at 10:10:50 - Reply

      Gibt es eine Meidung zweiten Grades (engl. second order shunning)?
      Könnte die Meidung zweiten Grades die Verweigerung des Gesprächs über die Meidung ersten Grades sein?

      Also gäbe es nicht nur die „Wahlverdrossenheit“, sondern auch die Verweigerung darüber zu sprechen, in der uralten sozio-kulturellen Absicht, die Meidung ersten Grades damit zu verschärfen → „Politikverdrossenheit“.

      In den Nuller-Jahren diese Jahrtausends gab es bei derwesten.de ausgehend von Homberg umfangreichen user-written-content (dtsch.: viele Kommentare). Das ist nun vorbei.

      Es wäre ein kultureller Akt von Duisburg ausgehend, wenn sich die Bürger der Stadt Duisburg ob ihrer besonderen Erfahrung für eine Definition für „Meidung zweiten Grades“ einsetzten, die auch geeignet wäre, z. B. den Zeitungsauflagenverlust von nrZ Duisburg und waZ Duisburg zu erläutern.

      Gegenrede eines städtischen Pensionärs, vorgetragen unter einem Oberlippenbart, wobei sich die schmalen Lippen kaum bewegen: „Das ist doch alles Schwachsinn! Das versteht doch keiner!“
      Antwort: Das stimmt. Die Meidung zweiter Ordnung tarnt ihre Beiträge. Die höchste Form der Tarnung ist überhaupt nicht sichtbar zu sein (null Kommentar); im nächsten Schritt werden Auslassungen gemacht, damit der Gemiedene als Adressat der Meidung nur wenig versteht und damit bestehende Trends stabilisiert werden. Dabei bleibt seine Auffassung als Imperator über die Bergmann-Ampelmännchen „Das ist doch alles Schwachsinn!“ unangefochten.

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