Die Leiden der Jungen (Werther) am Theater Oberhausen

Ein marmomiertes Weiß auf Boden und Leinwand vor der Hinterbühne schaffen einen weit wirkenden Raum, in dem sich zwei große runde Podeste befinden. Sie werden später an Drehscheiben von Peepshows erinnern. Wir Zuschauer nehmen Platz, begleitet von einem sanften Klangteppich, den Johannes Rieder am Keyboard vorne am Bühnenrand schafft. Freundlich lächelnd betrachtet er in seinem lila glänzend, fast clownesken Kostüm das Treiben. Von Ralf Koss

Wir sollen etwas Grundsätzliches über die Liebe erfahren. Wir sollen sehen, wie sich heute jene Liebe zeigt, die Goethe für den jungen Werther erdichtet hat. Es geht um die verzehrende Liebe, die das Ich auflöst oder gar erst finden lässt. Es geht um die Hoffnung auf Erfüllung, um das Werben und den Schmerz der Vergeblichkeit. Wir werden sehen.

Ein junger Mann tritt auf, während im Hintergrund die Musik weiter säuselt. Das ist also einer der Jungen und zugleich Werther, von dem im Titel auch die Rede ist? Er liebt, begehrt – doch wen? Es ist eine Frau, die vor ihm im Publikum sitzt. Nah ist sie, dennoch unerreichbar, und nur eine von vielen, wie sich herausstellen wird. Obgleich er auf Werthers absolute Liebe zitierend verweist. Schon schleichen sich Zweifel ein, ob dieser der Jungen es mit seiner Liebe tatsächlich ernst meint. Ironisch gebrochen bespiegelt er sich selbst. Schmunzeln müssen wir über ihn, und er über sich. Was ist echt? Er sei nicht Werther, sagt er sogar, er heiße eigentlich Christian. Er versucht Tanz als Ausdruck und wirkt dabei ungelenk. Kann solch ein Gefühl in den Wunsch führen, sterben zu wollen? Eine Liebe, die er schon bei vielen Frauen gefühlt hat? Schließlich probiert er den einen Verzweifelungsschrei, und wir sehen, ihn gibt es aus seiner selbst heraus nicht. Seine Liebe läuft eher ins Leere, als dass sie in Verzweifelung endet.

Still geht er ab. Die Spielfreude auf der Bühne und Johannes Rieder als Beobachter sowie Tröster bleiben. Denn dem ersten Monolog schließt sich der beeindruckende Auftritt von Emilia Reichenbach als Wertherin der Gegenwart an. Ein furioser Tanz zu Technoklängen macht sie so atemlos wie das Herausschreien ihrer Liebe. Auch diese Frau findet ihre Liebe im Publikum. Die Grenze der Bühne wird an dem Abend mehrmals aufgehoben. Zu ihrer Liebe gewinnt sie keine Distanz, die ihr hilft, den Schmerz des Unerfüllten zu bewältigen. In ihrer Liebe zeigt sie sich mit ganzer Seele und bis auf die nackte Haut. Dann glaubt auch sie, sterben zu wollen. Ihr wird geholfen allein durch eine sie umhüllende Hand – im wortwörtlichen Sinn; ein Kostüm, in das Johannes Rieder geschlüpft ist.

Mit dieser schützenden Hand zieht das Komödiantische auf der Bühne vollends ein. Die Wertherin geht ab. Das Leid an der Liebe wird nun für alle gelindert. Johannes Rieder sucht mit Fistelstimme seine Form der Nähe. Der Liebe? Er möchte küssen und findet im Publikum einen Mann, der sich auf die Stirn küssen lässt. Das Spiel ist aus. Selbsterkenntnis hat ihre Liebe den Liebenden nicht gebracht. Sie blieben konventionellen Rollenvorstellungen verhaftet. Die Frau, die tief einen Menschen liebt, steht im Gegensatz zum Mann, der nur vorgibt tief zu lieben und das gleich bei vielen Frauen. Selbsterkenntnis aber wäre einem humanistischen Verständnis von Liebe in der Gegenwart zu wünschen. Womöglich hat diese Neubestimmung der Liebe das Publikum zu leisten, wenn es aus der besänftigenden Kraft des Komödiantischen wieder erwacht ist

Mit: Christian BayerEmilia ReichenbachJohannes Rieder

Regie: Leonie Böhm
Bühne: Zahava Rodrigo
Kostüm: Helen Stein, Magdalena Schön
Musiker: Johannes Rieder
Dramaturgie:Elena von Liebenstein

Die Informationen zum Stück beim Theater Oberhausen nach dem Klick.

Weitere Aufführungen:
SA, 29.09.2018, 19:30 Uhr
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SO, 30.09.2018, 18:00 Uhr
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MI, 10.10.2018, 19:30 Uhr
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SA, 27.10.2018, 19:30 Uhr
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FR, 11.01.2019, 19:30 Uhr
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