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Der hässliche Deutsche erobert die Essener Tafel

Der Leiter der Essener Tafel, Jörg Sartor, hat sich mit seiner Entscheidung, vorübergehend nur neue Mitglieder mit deutschem Pass aufzunehmen, als Rassist disqualifiziert. Die wahren Heuchler aber sind die Politiker, die ihn kritisieren oder in Schutz nehmen, um sich ins linke oder rechte Licht zu rücken.

Seit dem berühmten Ansturm der Flüchtlinge auf Deutschland im Sommer 2015 ist in den Medien immer mal wieder thematisiert worden, dass diese auch häufig die Tafeln in Anspruch nehmen würden und es damit zu einer verschärften Konkurrenz mit den bisherigen Besuchern käme. Dennoch war ich ebenso überrascht und erschüttert, als ich im Radio die Nachricht hörte, die Essener Tafel habe einen Annahmestopp für sämtliche Ausländer verhängt. Als politisch interessierter Mensch, der mit Sorge die zunehmende Armut in Deutschland sieht, kommt man nicht umhin, sich seine Gedanken zu machen und sich zu fragen, wie man denn zu diesem unglaublichen Vorgang steht, der es bundesweit in die Nachrichtensendungen und Zeitungen brachte.

Natürlich muss man dankbar sein, dass sich Ehrenamtliche so für die Bedürftigen unserer Gesellschaft engagieren. Die trotzigen Rechtfertigungen des Tafel-Chefs Jörg Sartor, der daraufhin einige Interviews gab, konnten mich dennoch nicht überzeugen. Er behauptete, inzwischen seien 75% der Besucher seiner Tafel Ausländer. Er forderte, die deutsche Oma müsse sich wieder wohlfühlen, unterstellte Russlanddeutschen und Syrern ein „Nehmer-Gen“ und eine fehlende „Anstellkultur“. Niemand kann aus der Ferne die Aussagen für richtig oder falsch befinden. Fakt ist jedoch, dass der Ausländeranteil in Essen für eine Halb-Millionen-Metropole mit 15% eher gering ist – Multikulti im Kohlenpott ist mehr Mythos als Realität. Dennoch kommen Tafeln in Städten mit höherem Ausländeranteil und noch mehr öffentlicher Armut, beispielsweise Duisburg, ohne ein solches rabiates Vorgehen aus und haben den Essener Alleingang harsch kritisiert. Das spricht zumindest empirisch dafür, dass Sartor entweder ein fremdenfeindliches Menschenbild hat, das ihn zur Übertreibung veranlasst, oder organisatorischen Verbesserungsbedarf, den er aus der Überforderung heraus meinte, nur mit der Holzhammer-Methode lösen zu können. In jedem Falle ist es blanker Rassismus, Menschen aus bestimmten Ländern pauschal bestimmte genetische oder kulturelle Eigenschaften zuzuschreiben. Das war schon bei Thilo Sarrazin abstoßend und widerlich; und wir sollten es keinesfalls einreißen lassen, uns an ein solch menschenverachtendes Neusprech zu gewöhnen. Auch möchte ich fragen, was denn die deutsche Omma dazu qualifiziert, dass sie mehr wert oder ihre Armut schlimmer ist als die der türkischen Omma, die ja ebenfalls nicht der Essener Tafel beitreten darf. Unser Land nach dem Krieg aufgebaut haben schließlich auch die Gastarbeiter und damit auch die Frauen, die die ganze Familie nach Feierabend reichhaltig bekocht haben!
 
Einige Politiker kritisierten die Essener Tafel für ihren radikalen Schritt. So empörte sich die geschäftsführende Bundessozialministerin Katarina Barley: „Eine Gruppe pauschal auszuschließen, passt nicht zu den Grundwerten einer solidarischen Gesellschaft. Das fördert Vorurteile und Ausgrenzung.“ Und der nordrhein-westfälische Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) stellte fest: „Nächstenliebe und Barmherzigkeit kennen keine Staatsangehörigkeiten.“ Das ist ja alles in der Sache richtig, hat allerdings einen faden Beigeschmack, wenn es von den Repräsentanten der Parteien kommt, die in den letzten Jahrzehnten massiven Raubbau am deutschen Sozialstaat betrieben und damit die Zunahme der Armutsgefährdung in Deutschland überhaupt erst verschuldet haben. Wer hat denn die Agenda 2010 und die Senkung des Rentenniveaus beschlossen? Nächstenliebe und Solidarität bekommen einen zynischen Klang, wenn sie aus der Mitte von Parteien genannt werden, die diese Ideale zugunsten des Turbokapitalismus aufgegeben haben. Noch heute reagieren viele Sozialdemokraten gereizt, wenn man die Hartz-Reformen kritisiert oder sie auf Franz Münteferings legendären Spruch anspricht: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Die Tafeln sind ja eine janusköpfige Organisation: Sie dienen seit nunmehr 25 Jahren dazu, die durch die wachsende soziale Kluft entstandene materielle Not ein wenig zu lindern. Sie verstehen sich aber, auch wenn sie leider von der Politik dazu missbraucht werden, keineswegs als systemerhaltende Ergänzung des schlanken Sozialstaats, sondern vielmehr als Anklage dagegen, dass der Sozialstaat sich dünne macht (und würden es als erfolgreiche Krönung ihrer Arbeit empfinden, wenn Sozialreformen sie eines Tages wieder überflüssig machen würden). Wie kann man im Berliner Regierungsviertel nur so abgestumpft sein, jährliche Milliardenüberschüsse des Bundeshaushalts zu feiern, aber diese partout nicht dafür ausgeben zu wollen, um den vielen armen Menschen in unserem Land zu helfen?

Insofern könnte man Herrn Sartor in seiner hilflosen Überforderung – der Mann tut mir echt leid, dass er es subjektiv so gut meint, aber objektiv so schlecht umsetzt, dass er sich abrackert und dennoch zum Hanswurst der Nation macht – dankbar sein, dass er der deutschen Gesellschaft die negativen Folgen des faulen Kompromisses auf den Tisch geknallt hat, mit dem sich die Bundespolitik so ohne jedes schlechte Gewissen arrangiert hat. Endlich wird denen, die sich mit dem Neoliberalismus der rot-grünen Ära wohlfühlten, deutlich gemacht, wie gefährlich es ist, wenn die Fürsorge teilprivatisiert und damit von der Willkür von Menschen abhängig gemacht wird, die ein problematisches Menschenbild pflegen oder sogar völkisch gesinnt sind. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, dürfte sich an das Winterhilfswerk erinnert fühlen, das ebenfalls Menschen in Not half – aber garantiert keinem Juden, denn der sollte möglichst erfrieren. Das darf keinen Antifaschisten mehr kalt lassen: Es reicht nicht länger aus, sich in täglicher Routine über die üblichen Provokationen der Störche, Höcker und Gauleiter auszulassen. Viel gefährlicher als die üblichen Verdächtigen ist, dass man es selbst ernannten Fürsprechern des kleinen Mannes ermöglicht, sich mit völkischem Vokabular als Wohltäter des kleinen deutschen Mannes darzustellen. Dadurch werden Grenzen des gesellschaftlichen Miteinanders stillschweigend Jahr für Jahr immer mehr nach rechts verschoben.

Enttäuscht bin ich deshalb darüber, dass sich der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) so vorbehaltlos auf die Seite der Essener Tafel geschlagen hat. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass er in seinen öffentlichen Äußerungen bestimmten Zwängen unterliegt: Er möchte einerseits die Tafel, die eine eminent wichtige Funktion in der Stadtgesellschaft erfüllt, nicht vor den Kopf stoßen. Andererseits spricht es für ihn, wenn er seine Wähler nicht im Duktus moralinsaurer Abgehobenheit von oben herab belehrt, sondern offenkundig vorhandene Missstimmungen aufgreift. Aber speziell in der Stadt Essen hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren eine gärige politische Stimmung entwickelt, die ich für so gefährlich halte, dass man sie aktiv bekämpfen sollte: Vor zwei Jahren wollte der Essener Ortsverband der SPD im Norden der Stadt eine Demonstration gegen ein geplantes Flüchtlingsheim veranstalten, was nur dank der Intervention der damaligen Landesvorsitzenden Hannelore Kraft verhindert werden konnte. Was zur Folge hatte, dass „Arbeiterführer“ Guido Reil von der SPD zur AfD übertrat und in Altenessen und Karnap bei Landtags- und Bundestagswahl 2017 Rekord-Wahlergebnisse erzielte. Und in der lokalen Presse wurden ein paar harmlose Trinker vor dem Essener Hauptbahnhof und Bettler auf dem Essener Weihnachtsmarkt über Monate bis Jahre hinweg so intensiv problematisiert, dass sich die Lokalpolitik schließlich zum Handeln genötigt sah. Da ich einige Jahre in Essen gewohnt habe, weiß ich: Die Bonzenstadt (wegen der vielen ansässigen Konzerne) ist durch den Sozialäquator A40 radikal zweigeteilt. Im Norden wohnen die vermeintlichen Horden, im Süden herrscht vermeintlicher Frieden. Dumm nur, wenn sich oben und unten nicht mehr kennen, beziehungsweise wenn die Herrenmenschen ungerührt bis schadenfroh zusehen, wie sich die Unterschicht an der Tafel um halb verfaultes Obst und Gemüse kloppt.