Ich schäme mich fremd für die EKIR: Luther, Sprüche und Umgang mit engagierten Jugendlichen

Ich schäme mich momentan in Grund und Boden. Das tue ich nicht häufig. Nein. Vor allem schäme ich mich nicht fremd für meine Kirche, die Evangelische Kirche im Rheinland. Aber die ist halt – unfassbar… Mir fehlen die Worte. Angesichts dieser Pressemitteilung:

Eine Kondom-Verteilaktion, mit der die Initiatoren auf das Reformationsjubiläum hinweisen wollten, hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Schlagzeilen gemacht. Die inhaltliche und gedankliche Verbindung von Kondomen und dem Reformationsjubiläum ist mehr als unglücklich. Vor allem aber gab es deutlich inhaltliche Kritik an den verwendeten Sprüchen. Dazu erklärt Jens Peter Iven, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland:

„Nach dem Start der Kondom-Aktion und der Internetseite www.heutewirdgenagelt.de hat es sowohl innerhalb der Evangelischen Jugend als auch an anderen Stellen Unmut und Beschwerden dazu gegeben, die uns etwa aus Kirchengemeinden erreicht haben. Unter anderem meldeten sich Menschen zu Wort, die mit den Folgen von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zu tun haben. Eine sexualisierte und gewalttätige Sprache dürfe es in der Kirche unter keinen Umständen geben. Als in diesem Sinne völlig inakzeptable Slogans wurden ,Hier stehe ich, ich kann nicht anders‘, ,Nageln bis der Papst kommt‘, ,Schrei vor Erlösung‘ und ,Mach den Mund auf‘ kritisiert.

Dass sie diese Auffassung, die aus unserer Sicht keine Geschmacksfrage ist, teilen, haben die Landesjugendpfarrerin, der zuständige Oberkirchenrat und der Leitende Dezernent deutlich gemacht. Im Gespräch mit Vertretern der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Kirchenkreises Düsseldorf haben die Verantwortlichen diese Kritik nachvollziehen können und die Aktion gestoppt. Unsererseits gibt es Gespräche mit den Jugendlichen und mit anderen Beteiligten, um entstandene Irritationen auszuräumen.“

Das Video, welches die EKIR schon veröffentliche verlinke ich bewußt nicht, findet man aber ja auch so. Schon das fand ich am Anschauen als Reaktion – miefig, verklemmt, unangemessen. Und jetzt das! Anstatt das beim Video zu belassen, das ja eigentlich für sich steht und in dem nochmal alles erläutert ist, nein, man muss noch sowas nachschieben. Ich weiß momentan nicht wohin mit meiner Fremdscham…

Über die Sprachwahl der Sprüche auf den Kondomen kann man streiten. (Andererseits, über Zalandos „Schrei vor Glück“, das durchaus auch sexuell konnotierbar ist, habt ihr, liebe EKIR nichts gesagt. Auch über sonstige sexualisierte Werbung verliert ihr kein Wort. Thema Glaubwürdigkeit ist damit verkackt, was?) Aber eine Aktion von engagierten Jugendlichen aus Düsseldorf mit Humor und Witz so dermaßen abzustrafen, als hätten wir nicht seit 500 Jahren im Kopf, dass wir selber denken sollen…

Ja, es gab Luthersprüche auf Kondomen. Warum nicht. Im Lutherjahr macht das Marketing lustige Umtriebe. Luthersprüche werden auf SOCKEN vermarktet, zieren NUDELVERPACKUNGEN, umhüllen LUTHERKEKSE!!! Von anderen Geschmacklosigkeiten sehe ich mal ab.

Ich meine: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – das ist beim Mann halt so wenn er Sex haben will! Das lernt man in der Grundschule schon: Das Glied des Mannes wird steif, wenn er an Sex denkt. Das heißt aber nicht, dass der Mann die Frau vergewaltigt oder zwingt. Wo habt ihr das her? Das heißt vielleicht auch und darauf kommt es an, dass ein zärtlicher und bewußter Umgang mit Sexualität möglich ist. Gegen Sexualität seit ihr ja angeblich auch nicht, liebe EKIR. Geschmacklos? Vielleicht. Aber: Immerhin steht das auf EINEM KONDOM! Da machen sich Jugendliche schon Gedanken darüber, wie sie andere Jugendliche für den Glauben begeistern können – Postkarten sind out und die EKIR sieht Snapchat nicht als Chance, leider – und was macht meine Kirchenleitung? Grätscht dazwischen. Mit einer saublöden Begründung! Das fasse ich einfach nicht.

„Für Heilige und Huren“ – ein provokante Spruch, aber ja, das hat auch Lutherbezug. Schlagt einfach mal die Orignaltexte nach, wenn Luther loskeifte, dann war das nie die feine Art. Es war genauso grob, ungehobelt, geschmacklos und in heutigen Ohren grausig wie für euch der Spruch und dessen Verwendung. Und die anderen Slogan – ja, kann man drüber streiten. Aber das hätten wir, hättet ihr tun sollen. Offen. Transparent.

Liebe EKIR: Ihr enttäuscht. Gerade wenn auch im Luther-Oratorium dazu aufgefordert wird, selber zu denken, dann gebt ihr ein verdammt schlechtes und unkluges Signal. Anstatt mit den Jugendlichen zu reden und zu sagen: „Ja, das ist etwas unglücklich, ein Teil unserer Gemeinde findet das nicht gut“ – ihr vergeßt: Ihr sagt damit aus, dass der andere Teil der Gemeinde entweder keine Meinung hat oder das ganze gut findet und DIE haben sich nicht geäußert bisher, ich sag mal stellvertretend: ICH FANDS SUPER! Anstatt euch jetzt mit der Moralkeule aufzustellen, anstatt zu begreifen, dass ihr da einen perfekten Grund gehabt hättet zu sagen: „Ja, das Bild von Kirche ist altmodisch und verstaubt aber wir können auch anders. Wir haben ein PROFIL.“

Was macht ihr?

Kanzelt die Jugendlich mit einer Sonntagspredigt bei YouTube ab und schickt die Predigt als Text noch hinterher.

Chapeau. Von Streisand nichts gelernt. Ich bin momentan nicht vergnügt, ihr Lieben. Schämt euch. Schämt euch in Grund und Boden und versucht wenigstens jetzt noch zu retten, was zu retten ist von eurem Image. Gerde Kirche hätte positive Ideen bitter nötig.

One thought on “Ich schäme mich fremd für die EKIR: Luther, Sprüche und Umgang mit engagierten Jugendlichen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.