Tischtennis in Duisburg: Zu Gast in der 3.Kreisklasse

In den untersten Ligen des Tischtennis fahren jede Woche tausende SpielerInnen zum Auswärtsspiel in ungewisse Spielstätten. Zum Beispiel zu DJK Duisburg-Buchholz. Ein Bericht von Gastautor Felix Groell

Wir stehen vor einer Musikschule. Sebastian und ich blicken uns fragend an. Wir gehen durch das Tor auf einen großen Schulhof wo wir eine weitere Schule, eine Grundschule sehen. Da muss es sein. Schließlich spielen wir regelmäßig unseren Sport in den Kleinsthallen irgendwelcher Grundschulen. Sebastian und ich gehören zur 4. Mannschaft des TTS Duisburg. Wir spielen Tischtennis in der 3.Kreisklasse. Das ist vergleichbar mit der Kreisliga C im Fußball: Die unterste Spielklasse im deutschen Tischtennis. Ein weiterer Abstieg ist nicht möglich. Das letzte Auswärtsspiel dieser Saison startet gleich hier im Duisburger Stadtteil Buchholz. Vorausgesetzt wir finden die Halle.

Wir irren noch ein wenig über den Schulhof ehe wir von einem kleinen Jungen auf den Eingang hingewiesen werden. Die zarten Töne eines Klaviers schwingen im Eingangsbereich durch die Luft. Ein Schild untersagt der Musik wegen das Fußballspielen. Tischtennis ist jedoch erlaubt. Das Innere dieser Sportstätte hat seine Blütezeit offenbar seit Jahrzehnten hinter sich. Eine Beobachtung die ich schon bei Auswärtsspielen in Oberhausenoder in den Stadtteilen Walsum und Bissingheim machte. Überhaupt verlassen wir zu Auswärtsspielen die Duisburger Stadtgrenze ehr selten. Und innerhalb dieser Grenze zeigt sich an allen Ecken und Enden geradezu der Ruin städtischer Sporthallen. Was ich im ersten Bericht zum ersten Auswärtsspiel der Saison mit Schauder befürchtete, hat sich bewiesen: Meine Serie zu unseren Gastspielen in Duisburgs lokalen Tischtennisvereinen dokumentieren ganz nebenbei eindrucksvoll den Zustand kommunaler Sportstätten. Fotos der Hallen ließen sich zu Bildergalerien mit Titeln wie „Duisburgs schönste Duschen“ oder „Duisburg seine Sporthallen ihr Zustand“ betiteln. Einzig das Spiel in Kaiserberg ließ uns mit seinem Sporttempel samt Tribüne in eine Atmosphäre des Profisports eintauchen.

Nachdem ich mich mit meinem Doppel-Partner Idriz draußen ein wenig warm lief, weil die Halle bei vier Tischen dafür keinen Platz zulässt, starten wir in die Doppel. Idriz und mir steht ein eingespieltes, dynamisches und spielerisch wie taktisch starkes Doppel gegenüber. Der Gegner spielt unsere geringe Spielpraxis im gemeinsamen Doppel gnadenlos aus – etwas das man selten erlebt in diesen Gefilden, bildet doch das taktisch kluge und spielerisch sich ergänzende, starke Doppelspiel eine hohe Kunst im Tischtennis. Unvergessen bleibt deshalb das deutsche Spitzendoppel Jörg Roßkopf/Steffen Fetzner, die auf der Weltbühne nie im Einzel wohl aber zusammen im Doppel Gold gewannen. Idriz und ich verlieren verdient mit 0:3. Während unser zweites Doppel eine 2:0-Satzführung verspielt, starten unser drittes Doppel Seb&Siggi schwach ins Spiel und verliert nach einem Hoffnungsschimmer im dritten Satz am Ende ebenso 0:3. Null Punkte nach den Doppeln. Nur einmal schafften wir es in dieser Saison einen derartigen Katastrophen-Start noch in einen Sieg umzumünzen. Das war in Meiderich. Und es war legendär.

Im ersten Einzel des Tages darf ich gegen die Nr.1 von Buchholz antreten. Diese Ehre wurde mir in der laufenden Saison aufgrund von Ausfällen bereits zweimal zuteil – und ich gewann die Duelle jeweils. Es sind diese Spiele, Spiele wie jene gegen Murat von den Sportfreunden Walsum und Manfred vom TTV Hamborn, die im Gedächtnis bleiben: Als nominelle Nr.3 gegen die gegnerische Nr.1 geht ein jeder von einer klaren Sache aus. Überrasche ich aber im ersten Satz, spiele ich mich in einen Rausch, ja wachse über mich hinaus. Ich habe Manfred mit einem 3:0-Sieg überrannt und Murat wähnte sich nach seiner 2:1-Satzführung endgültig auf der sicheren Seite. In einem epischen Kampf, stehend am Ende, fix und fertig, die Faust geballt, siegte ich am Ende 2:3. Das sind die Situationen, die Momente die wir mitnehmen: Auf die Arbeit, ins Studium, in den Alltag. Dieser Rückenwind, diese Motivation, dass es sich lohnt zu kämpfen, diese Bestätigung auf dem richtigen Weg zu sein. Auch deshalb spielen in Deutschland 560.000 Spieler_innen in Tischtennis-Vereinen. Auch deshalb möchte ich auf Tischtennis nicht verzichten. So kämpfe ich auch heute gegen Rüdiger, verliere aber am Ende verdient 0:3.

Während das ganze Spiel auch weiterhin diesen Verlauf nimmt, unterhalte ich mich mit Wilfried und Theo über die DJK Buchholz. Mir war die schräge Kombination der Sportarten bei der DJK aufgefallen: Tischtennis und Sportschießen. Wilfried, Vereinsmitglied seit der Jugend in den 1960er Jahren, beruhigt mich: Zwar trainiere man ab und an mit den Sportschützen, kein Tischtennisspieler sei jedoch auch Sportschütze. Unser Leben an der Platte scheint sicher. Theo, Vereinsältester, weil Vereinsgründer, erzählt mir von den Anfängen des Tischtennis im Nachkriegs-Buchholz. Im Keller eben dieser Schule habe man einige Tische aneinander gestellt. Schnell waren es 50 Spielerinnen und Spieler und stetig wuchs die Zahl. 1952 gründete man die Tischtennisabteilung. Leichtathletik habe der Verein damals noch angeboten, doch wer laufen wollte, ging zum Tischtennis. Kurzzeitig habe man die Halle in dieser Zeit allerdings nicht nutzen können – wegen der Flüchtlinge in den 1950er Jahren. Deutsche Aussiedler kamen zurück. In den 1970ern spielte man in Buchholz Landesliga, auch später schaffte man es nochmal in diese Höhen. Heute spielt Buchholz nur noch auf Bezirksebene. Aber der Verein steht solide dar. „Viele Vereine haben ja keine Jugend, keine Schüler mehr. Kaiserberg zum Beispiel aber auch andere. Das ist sehr erschreckend“, gibt Theo zu bedenken. Er ist 80 Jahre alt.

Mein Gespräch findet ein Ende, weil das Spiel schon vorbei ist. 0:9. Wir lassen das letzte Auswärtsspiel mit der höchsten Saisonniederlage ausklingen und verabschieden uns. Im menschenleeren Buchholz, finde ich ein KöPi in einer Imbissbude. Das war es also, das Saisonfinale. Prost!

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