„Das Wesen eines Museums ist bestimmt vom Menschen“ – Raimund Stecker über Inklusion und die aktuellen Fragestellungen für Museen

Christian Spließ: “Stoppt die Banalisierung der Kunst!“ war plakativ der Artikel von Wolfgang Ullrich überschrieben – (Siehe: http://www.zeit.de/2015/13/kunst-vermittlung-museum) – und dieser Artikel stieß eine lebhafte Diskussion im Netz über das Verhältnis an. Eine der wesentlichen Thesen aus Ullrichs Artikel: „Kunstvermittler – zum allergrößten Teil Kunstvermittlerinnen – sind höchst findig, wenn es darum geht, ihr Publikum dort abzuholen, wo es steht. Nur liefern sie es leider genau dort auch wieder ab. Sie bemühen sich gerade nicht um Bildung oder Aufklärung; vielmehr wird der jeweiligen Klientel suggeriert, sie befinde sich schon auf Augenhöhe mit der Kunst und stecke selbst voller kreativer Potenziale. Eigentlich gehe es nur noch darum, ein paar Unsicherheiten abzubauen.“ Kann man sagen, dass trifft auch auf die Inklusions-Bemühungen von Museen zu – das Museum holt die Leute zwar ab, vermittelt aber nicht mehr sondern unterhält nur noch?

 

Professor Raimund Stecker mit Shirin Ebadi - Foto Christoph Müller-Girod www.cmgmedia.de

Professor Raimund Stecker mit Shirin Ebadi – Foto Christoph Müller-Girod www.cmgmedia.de

Raimund Stecker: Ja, denn die Kunstfrage wird nicht nachdrücklich gestellt. Die Voraussetzungen eines Kunstmuseums sind aus dem Blick geraten. Dabei kann Kunst ein Weltbild bedeuten, Sinn ins Leben bringen, Erkenntnisse erfahren lassen, die nur durch sie zu erfahren sind.

Stattdessen reicht es, wenn Besucher kommen, wenn die Stimmung gut ist, wenn die Lehrer entlastet sind, es einen Grund gibt, endlich mal eine Krawatte anzuziehen, der Etat eingehalten wird und die politischen Verantwortungsträger beim Kegeln etwas Gutes über das Museum zu sagen wissen – irgendetwas! Dabei könnten sie etwas mitnehmen, was es nur dort zu erfahren gibt. Aber, sie maßen sich lieber an, dem Museum aufzutragen, was es zu tun hat – und das ohne Ahnung, wofür ein Museum überhaupt existiert und was seine genuinen Aufgaben sind.
Es ist eben wie bei einer Inklusion nach Gutsherrenart: Fremde können kommen, wenn sie sich ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes, ihres historisch gewachsenen Stolzes, ihrer persönlichen Erfahrungen, religiösen Gesetze und, und, und so benehmen, wie wir glauben, dass man sich benehmen müssten. „Der Ballermann gehört uns!“ – egal, ob er in Spanien, auf Mallorca, in der Türkei, in Tunesien, Bali, Indien oder Südamerika liegt.
Und wie das Museum zu sein hat, das bestimmen wir auch! Egal, ob wir uns für Kunst interessieren, ob wir Kunst lieben, ob wir schon einmal im Museum waren, ob wir Respekt vor Kunst haben oder gar in ihr ein Weltbild sehen. Es ist, als würde der Schiedsrichter beim MSV vom Rasen gepfiffen, weil die Fußballer den Ball mit ihren Füssen spielen, es ist, als würden Zweibeiner Jauche trinken, weil sie aus der Kneipe nur trinkbar Flüssiges kennen und hernach den Bauern beauftragen, seine Jauche so klären, dass sie auch noch nach Bier schmeckt.
Museen werden mithin zusehends auf kunstfremdem Niveau inkludiert. Und so wird ihnen die Aufgabe genommen, Menschen auf künstlerischem, intellektuellen und ästhetischen Niveau zu helfen, sich zu inkludieren. Es ist, als würden Steigeleitungen aus Gold verlegt, weil man Wasserhähne aus Gold für sozial nicht verträglich erachtet. Man kann es auch kurz sagen: Ressourcenverschwendung!!!

 

Christian Spließ: Wie kann sich ein Museum denn gegen diese Anforderungen aus der Politik – und bisweilen auch aus der Wirtschaft dann – wehren in einer Zeit, in der es Städten mehr und mehr an Geld fehlt und daher der Sinn eines Museums eher aus der wirtschaftlichen Perspektive gesehen wird?

 

Raimund Stecker: Außer dem „Ballermann“ fällt mir kaum ein Reiseziel ein, das nicht kulturell konnotiert ist. Und die wirtschaftlich prosperierenden Städte mit wachsenden Jobangeboten sind nicht zufällig auch die, die kulturell etwas zu bieten haben. Also, was möchte man? Ich bin immer für wirtschaftliche Flora. Und da kann ein Museum ungemein helfen. Denn erfolgreiche Unternehmer interessieren sich nicht selten für Kunst, Musik, Literatur, Oper… Bietet man ihnen eine kulturelle Plattform, ist ihre Bindung an die Stadt, in der sie ihr Geld verdienen und in der sie Arbeitsplätze schaffen, viel größer und nachhaltiger. Ich weiß nicht, wie das jetzt ist, aber vor drei Jahren standen beispielsweise Frankfurter und Duisburger Kunstliebhaber bereit, dem Museum finanziell und mit Dauerleihgaben nicht nur „unter die Arme zu greifen“, sondern es zum Blühen zu bringen. Und das ohne jedwede inhaltliche Direktive!
Fehlendes öffentliches Geld ist mithin nur zweitrangig ein Problem. Es ist mit einer Ästhetik des Dankesagens zu kompensieren, sicher aber nicht mit einem etatistischem „Wir sind der Staat!“ von Lokalpolitikern, deren Größe bisweilen nicht reicht, über den Rand des Tellers zu schauen, auf dessen Grund sie es sich gemütlich gemacht haben.

 

Christian Spließ: Braucht man da eher Fachpersonal mit Rückgrat oder eher Politiker mit Kunstverständnis?

 

Raimund Stecker: Beides – nur beide Spezies sind rar! Doch ein Blick in die Geschichte sollte helfen, die Politiker auf ihre Leisten zu weisen, an ihre Aufgaben zu erinnern, um das Museumspersonal mit Rückgrat zu fördern. Dies übrigens taten Adolf Sauerland und Karl Janssen – beides nun wirklich keine Kunstenthusiasten. Sie ließen ohne Wenn und Aber zu, was Künstler als Kunst zeigen wollten! Sie hatten verstanden, dass die Folgen der Aufklärung und die zeitlose Gültigkeit ihrer Ziele nur auf den Schultern von Wissen und Fachverstand, von Kunst und Kunstliebe, von politischer Toleranz und Vertrauen in „Fachpersonal“ gedeihen können. Sechs Wochen nach der Loveparade-Katastrophe wurden die Videoprojektionen des Loveparade-Ravers und brillantem Künstler Stephan Hoderleins im Kellerdunkel des Museums gezeigt. Man schluckte, als wir diese Ausstellung spontan einrichteten – aber man ließ sie zu!

 

Denn, wo kommen wir hin, wenn ein Administrationserotiker mit politischen Weihen aber ohne jedwedes Kunstinteresse vor der erotisch-versehrten Skulptur eines weltweit aufstrebenden Künstlers steht und lächelnd das süffisante Kopfnicken seiner Entourage erntet mit dem Satz: So eine ekelerregende Skulptur brauchen wir aber nicht im Museum!

Sie denken an die Szene 1937 im Münchener Haus der Kunst? Nein, leider hat sich an der eloquenten Ignoranz so manchen Politikers nichts, aber auch gar nichts bis heute geändert.

Den ganzen Artikel  können Sie auf BACHTALO http://bachtalo.de/2015/08/20/bachtalo-215/lesen

 

 

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