Ergebnisse des Wettwerbes ‚Geschichten zum Mitnehmen‘

‚Geschichten zum Mitnehmen‘ hört sich weit besser an, als das englische, kontextabhängige ‚to go‘, denn dieses hätte man mit ‚zum Wegrennen‘ übersetzen können. Aus dem Wettbewerb des Literaturbüro Ruhr in Gladbeck (in Kooperation mit anderen), ist jetzt ein Buch entstanden, das sich tatsächlich mitnehmen lässt: Die Sachensucherin. 55 kurze Geschichten. Herausgegeben von Gerd Herholz, Verena Geiger, Jens Dirksen und Ulli Langenbrinck, Klartext Verlag, Essen 2015.

Als Literaturbüro Ruhr, Klartext Verlag und Zeitungen der Funke Mediengruppe ihren Wettbewerb „Geschichten zum Mitnehmen“ ausschrieben, ahnten sie nicht, wie unüberhörbar das Echo darauf sein würde. 1449 Einsendungen trafen im Literaturbüro ein, viele enthielten die maximal möglichen zwei Texte, die Jury hatte so 2308 Kürzestgeschichten zu sichten. Deren Verfasser stammten aus Deutschland, seinen Anrainern sowie aus der zunehmenden Ferne Italiens, Spaniens, Kroatiens, Ungarns, Schwedens und Islands. Die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren 14 Jahre alt, die ältesten hatten das 90. Lebensjahr erreicht.

Für ihre kurzen Geschichten erhalten Karin Peschka („Traktor“, „Am Morgen, am Pier“), Inga Rahmsdorf („Die letzten Schweine“) und Signe Ibbeken („Kreuzzwirnarsch“) jeweils einen der drei mit 500 € dotierten Preise des Wettbewerbes „Geschichten zum Mitnehmen“.

Mehr als hundertfünfzig Texte las die Jury mehrmals. Zwischen Twitteratur und der guten alten Kurzgeschichte hatte sie es ausdrücklich auf die anregendsten Exemplare jenes literarischen Zwitterwesens abgesehen, das auch hierzulande gern Shorteststory oder Short-Shortstory genannt wird. Die Ausschreibung hatte eine Obergrenze von maximal 5000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) zugelassen, was einem Textumfang von höchstens 800 Worten entsprechen dürfte. Es sollte schon gelten: Wo alle Zeichen gezählt werden, zählt jedes Wort.

Viele gute Geschichten wirkten mit ihren Plots und Widerhaken lange nach, weil sie vor allem Kunst-Stücke aus Sprache waren. 55 Kürzestgeschichten enthält nun die vorliegende Anthologie, thematisch variantenreich, auf der Höhe der Zeit und doch mit Blick auf Vergangenheit, die nicht vergehen will. Viele Miniaturen sind dabei eher an Traditionen europäischer Kurzgeschichte und kleiner Prosa orientiert als an denen amerikanischer Shorteststorys.

Verstörung, Aus-der-Bahn-geworfen-werden, Suche, dies könnte als Tenor vieler der vorliegenden Kürzestgeschichten bezeichnet werden. (Der Anthologie-Titel „Die Sachensucherin“ verdanken sich übrigens Beiträgerin Katharina Stegen als Fan Pippi Langstrumpfs.)
Die Autorinnen und Autoren unserer Sammlung erzählen von erotischen Fantasien ebenso wie von prekärer Arbeit, von verlorener Freundschaft und alten Feinden, von Kneipe und Cowboys. Unter Tage trifft auf überirdisch Schönes, Humor auf den Herrgott, der tiefe Westen auf den Nahen Osten, Sonderlinge und Surreales auf die Härten des Alltags. Von Auf- und Ausbruch handeln die Prosastückchen, von Kindheit, erster und letzter Liebe. Sie leuchten aber auch in die Abgründe von Ehehölle und Missbrauch, von Kriegen und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung.

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