Wo sich die Grauen Herren wohlfühlen: Die neue Stadtbibliothek Duisburg

Ein Fenster ist ein Ort, an dem man in die Welt schaut. Insofern ist das Bezeichnung Stadtfenster für das Gebäude in welchem Stadtbibliothek und VHS nun zusammen residieren durchaus passend, da Fenster auch stets Möglichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes eröffnen. Weiterbildung und Fortbildung sowie die Lust am Lesen unter einem Dach – das verspricht auf den ersten Blick eine gelungene Kombination zu sein. Nach einem intensivem Rundgang bleibt allerdings festzustellen: Zwar ist die Enge der Weite gewichen, aber positive Emotionen wird man wohl weiterhin nicht unbedingt mit diesem Gebäude verbinden. Im Gegenteil, das Treppenhaus aus Beton – man weiß nicht, ob das nur jetzt so ist oder vielleicht doch noch mal verkleidet werden wird – und die Inneneinrichtung der Bibliothek lassen eher die Seele eines Grauen Herren aus Momo jubilieren anstatt dass man sich wirklich in diesem Gebäude wohlfühlen kann.

Es mag noch natürlich eine Zeit brauchen bis sich das Gefühl der Gewohnheit, des Vertrauten einstellt. Noch riecht es im Inneren des Gebäudes sogar nach dem Neuen, dem Ungewohnten. Und nimmt man den Begriff des Fenster noch einmal wörtlich so sind es diese, die diesem Bau zumindest einen Anstrich von Weite und Helle verleihen. Die Aussicht mag vielleicht nicht ganz entzücken – das tat sie allerdings schon im alten Gebäude kaum – aber ja, sicherlich sind die geweiteten Räume und der Lichteinfall ein Pluspunkt. Dann jedoch schleicht einem nicht unbedingt das Gefühl an, dass man sich hier ohne Weiteres für eine Lesestunde bequem in die doch vorhandenen bequemeren Sitzgelegenheiten fallen lassen könnte. Dazu drückt die Kombination aus sehr dezenten, matten Regalen in gedeckten Farben – mehr oder weniger Richtung Einheitsgrau – im Gegensatz zu diesen hellen Räumen doch aufs Gemüt. Steht man dann noch in der Mitte eines der neuen Räume so erstrecken sich links und rechts von einem Reihen an Reihen an Reihen von geordnet-quadratisch aufgestellten Regalen. Wenn selbst der Einzelhandel allmählich von dieser Form der Präsentation abkommt und es wagt auch Regale quer zu stellen oder mit anderen Einfällen den Raum zu beleben fragt man sich, warum dieser Trend bei Bibliotheken nicht angekommen ist. Ein wenig mehr Spielfreude, ein wenig mehr Innovation hätte die Räume sicherlich belebt – stattdessen wartet man darauf, dass eines der Regale wie in einem der typischen Hollywood-Filme umfällt und sich ein Bücherregal-Domino ereignet.

Bitte eine Stunde länger offenbleiben, liebe Bibliothek

Dass die Kinder- und Jugendbibliothek jetzt einen eigenen Flügel im Gebäude hat ist zu begrüßen. Dass es Erwachsene geben mag, die auch gerne vor 13:00 Uhr Kinderbuchlektüre ausleihen wollen mögen scheint der Bibliothek nicht bewußt zu sein. Eben so frage ich mich, warum ab 19:00 Uhr definitiv Schluss ist. Wäre es nicht sinnvoller gewesen wenn man schon auf die Gruppe von Eltern abzielt die Öffnungszeit konsequent zu verlängern? Schulkinder, die bis 16:00 Uhr im Ganztagsangebot sind und eventuell erst um 17:00 Uhr zu Hause, haben so vermutlich kaum Gelegenheit rasch nochmal in die Bibliothek unter der Woche zu kommen außer sie wohnen in der Nähe – vielleicht sollte die Stadtbibliothek nach der ersten Phase der Auswertung sich noch mal überlegen ob wenn die Kinder- und Jugendbibliothek – die immerhin dem Einheitsgrau der Raumgestaltung entfleucht ist – schon ein eigenes Gebäude hat, dieses nicht noch besser auf die Bedürfnisse der aktuellen Gesellschaft abgestimmt werden sollte.

Die neuen Arbeitsräume, die ab und an als eigene Einheiten in den Räumen zu finden sind gut geraten, es bleibt die Frage ob bei einer intensiven Geräuschkulisse hier dezidiertes Arbeiten möglich ist. Sicherlich auch ein Thema über das man noch im Laufe der Zeit Erfahrungen sammeln muss – das WLAN. Dieses ist nur für die Besucher der Stadtbibliothek reserviert. In Zeiten der Mitstörerhaftung geht die Stadt hier bewußt kein Risiko ein, allerdings darf ich auf den Umstand verweisen, dass nur wenige Meter weiter am Kuhtor ein öffentlicher WLAN-Hotspot von den Freifunkern Duisburgs betrieben wird. In NRW sind diese als Verein anerkannt und vor kurzem stellte ein Gericht dann auch noch mal fest, dass die Mitstörerhaftung für die Freifunker nicht gilt. Das heißt es wäre tatsächlich möglich gewesen – wenn es denn gewollt gewesen wäre – ein WLAN für jeden Besucher der Stadtbibliothek anzubieten. Dass dies nicht getan wurde ist bedauerlich, die Zukunft könnte aber vielleicht da eine Kooperation herbeiführen.

So allerdings stellt sich die Frage: Wenn die Bibliothek in Zukunft – was wohl geplant ist, die Bibliothek und die VHS waren bei den Planungen für den Coworking-Space in Duisburg dabei und wenn ich mich recht erinnere war diese Option auch auf der Liste der Möglichkeiten, die man anbieten wollte – auch in Richtung Coworking gehen möchte – wie wird das gehandhabt? Welches Coworking-Modell möchte die Bibliothek dann anbieten? Nur ein Modell für diejenigen, die ihre Jahresgebühr bezahlt haben? Werden noch eigene Räume für Coworker eingerichtet, die dann separat gemietet werden können – je nach Bedarf dann auch nur einen Tag? Diese Fragen stehen noch im etwas verlegen im Raum.

Kollege Maschine

Was ist also atemberaubend Neues in dieser Bibliothek zu finden? Es verbirgt sich wohl hinter hohen Regalmauern, denn Dinge wie die Selbstverbuchung von Medien, die Bezahlung von Gebühren per Kassenautomat oder das „intelligente Vormerkregal“ – da bleibt abzuwarten wie intelligent das nun wirklich sein wird, sendet es mir eine SMS, wenn meine Vorbestellung da ist? – all diese Dinge sind mittlerweile in der Bibliothekslandschaft weder neu noch ungewöhnlich. Sicherlich mag dies den Unmöglichkeiten des alten Gebäudes geschuldet sein, dennoch… Ob im Musikzimmer die Möglichkeit der Aufnahme von Podcasts gegeben ist oder ob dort nur der alte Flügel untergebracht ist entzieht sich meiner Kenntnis, es fällt aber auf, dass gerade Dinge, die in den letzten Jahren im Bereich des Innovative Citizen aufkommen nicht in der Bibliothek integriert zu sein scheinen. So bietet die VHS zwar Kurse für 3D-Druck an – in der Bibliothek ist allerdings nicht erkennbar ob und wo ein 3D-Drucker steht. Offenbar hat man diese „neue, trendige“ Technik an die VHS ausgelagert. Ebensowenig ist mir nach meinem Rundgang klar, wo eigentlich die Ebook-Geräte zum Ausleihen hin sind – es mag sein, dass ich sie übersehen habe. Auf das Leitsystem, das noch nicht fertig ist, bin ich ebenfalls gespannt. Setzt man hier vielleicht iBeacons ein? Bekommt man eine App fürs Smartphone, die anzeigt wo sich gerade das gewünschte Buch befindet? Welche Farben werden eingesetzt? Wie werden die Schilder gestaltet? Auch hier noch Fragen, die nicht geklärt sind.

Alles in allem überwiegt nicht das Verlangen, dass man sich für eine gemütlich plaudernde Lesestunde in die Bibliothek setzt. Nicht aufzuspüren vermochte ich das Literaturcafe – stattdessen begrüßt einen wenn man auf das Gebäude zuläuft ein Rossmann. Aber gerade das, dieses Nicht-Aufspüren-Können von den Ecken und Nischen, die das alte Gebäude sicherlich nicht praktisch gemacht, ihm aber eine gewisse Form von Persönlichkeit und Identität verleihen haben – gerade diese Ecken und Kanten sind glattgeschliffen und auf Hochglanz poliert. Die Bibliothek setzt damit deutlich ein Zeichen: Hier, liebe Bürger, ist ein Ort an dem ihr lernen sollt. Spaß habt ihr dann besser zu Hause.

(Übrigens hätte ich sehr gerne ein Photo aus dem Flickr-Account der Bibliothek zur Bebilderung diese Artikels genommen, aber da dort „alle Rechte reserviert“ sind…)

 

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