Langner will „voll im Saft“ hinschmeißen – Auf in den Kampf für den Unersetzlichen!

Was für ein Wochenende! Schön hätte es werden können. Auch und gerade für uns Duisburger. Am Samstag direkt vor der Haustür das Folkfestival, die Seele noch voller Freude über den MSV, der den Aufstieg geschafft hatte. Kleiner Einschub für alle Nicht-Duisburger: keine Falsch-meldung, Ihnen ist auch nichts entgangen. Die Rede ist schlicht von der Zweiten Fußball-Bundesliga, die Rede ist von Duisburg. Von einer wahrlich gebeutelten Stadt, der zu wünschen wäre, dass sie von Schreckensmeldungen mal verschont bliebe. Doch es hat nicht sollen sein, auch nicht an diesem Wochenende. Es hatte noch gar nicht richtig angefangen, als am Freitag, den 29. Mai 2015, Ingo Blazejewski in der NRZ um 17:41 Uhr seine Bombe platzen ließ: Dr. Peter Langner, seit gut 15 Jahren Kämmerer der Stadt Duisburg, beabsichtigt, seine überaus verantwortungsvolle Tätigkeit im nächsten Januar zu beenden.

SPD Fraktionsvorsitzender Herbert Mettler mit seinem Parteifreund Stadtkämmerer Dr. Peter Langner

SPD Fraktionsvorsitzender Herbert Mettler mit seinem Parteifreund Stadtkämmerer Dr. Peter Langner

Ein Schock. Langner war sich wohl im klaren darüber, welche Folgen das Bekanntwerden seines Vorhabens, beruflich einen Schlussstrich zu ziehen, für die gebeutelte Stadt haben würde. „Der Kämmerer ließ sich etwas Zeit mit der Beantwortung der Frage“, schreibt Blazejewski, der Lunte gerochen hat, weil der Kämmerer bereits „die Fraktionsspitzen“ über seine Demissionspläne unterrichtet hatte. „Eine Woche nach der schriftlichen Anfrage“ habe Langner ihn dann aber doch angerufen – „aus dem Auto“. So kann man sich um so leichter vorstellen, in welchem Stress der Mann sein muss, so dass er einfach nicht dazu gekommen ist, früher zurückzurufen. Es gäbe auch keinen Grund für den Herrn Kämmerer, die „Beantwortung der Frage“ – der Frage aller Fragen – auch nur eine Minute hinaus-zuzögern. Denn die Entscheidung Langners steht unumstößlich. Ein Mann, ein Wort. O-Ton Langner: „Nein. Ich werde in den Ruhestand gehen.“

Es tut weh. Es ist bitter, einen Menschen zu verlieren, auf den – entschuldigen Sie die etwas altbackene Formulierung – einfach Verlass war. Jahr für Jahr lieferte Dr. Peter Langner etwas, das mehr hergab als das buchhalterische Einerlei, das herausstach aus der Langeweile des schnöden Verwaltungsalltags. War es nicht großartig, wie Duisburgs Stadtkämmerer 2007 auf Kosten der Stadtkasse mit den anderen Ballermännern auf China-Reise war, und offizielle Veranstaltungen mit den Größen der Gastgeber mit der Ausrede geschwänzt hatte, er hätte die Termine für „optional“ gehalten. Stattdessen war Duisburgs Kassenwart so richtig auf Rittitti gegangen, um der Zeitung dann zu erzählen, er sei ein „Weltbürger“ und wolle „Land und Leute“ kennenlernen. Das ist doch spitze, oder nicht? Wer sonst aus der auch ansonsten durchaus respektablen Dezernentenriege sollte eine solche Frechheit so ultracool bringen?!

Im Sommer 2008 ließ uns Langner als zuständiger Fachminister wissen: „Die US-Finanzkrise trifft uns nicht.“ Im Herbst 2009 kommentierte der Weltbürger den Wahlsieg von Union und FDP mit der Bemerkung: „Ich will keinen schwulen Außenminister haben.” Spätestens hier konnte auch der letzte Duisburger sicher sein, dass Langner bei seinen Land-und-Leute-Erkundungstrips im fernen China nicht den Ruf der Montanstadt an Rhein und Ruhr über Gebühr geschädigt hatte – zumal verschont von der Weltfinanzkrise kleinere weltbürgerliche Erkundungen durchaus drin sitzen mussten. Im Sommer 2010 dann die Katastrophe der Loveparade, womit der Kämmerer im Grunde nichts zu tun gehabt haben müsste. Wenn nicht 2011 „buchungstechnische Manipulationen“ ruchbar geworden wären – zur Finanzierung von Gefälligkeitsgutachten, die die Stadtverwaltung hätten entlasten sollen, bekannt geworden wären.

Nun ja, Schnee von gestern. Heute lesen wir in der NRZ: „Er stehe `voll im Saft´, sagt Dr. Peter Langner. Und wie immer erledige er seine Aufgabe pflichtgemäß. `Und mit großer Freude´, fügt er hinzu.“ Obwohl es gewiss nicht „vergnügungssteuerpflichtig“ sei, wie es der promovierte Wirtschaftswissenschaftler in seiner letzten Haushaltsrede formulierte. „Ein Sparpaket jagt das nächste, und darüber zu entscheiden…“ – und dann auch noch „mit großer Freude“! – …tja, leicht ist es jedenfalls nicht. In der Zeitung steht: „Wenn dann jemand neue Sparrunden einläuten oder den Geldhahn zudrehen muss, dann ist das eben der Kämmerer, der dafür öffentlich den Kopf hinhält.“ Ich weiß, ich weiß, ich weiß… – Wer erinnert sich nicht an all diese Kampagnen gegen Peter Langner ganz persönlich?! Diese großen Demonstrationen mit den Riesentransparanten, auf denen geschrieben stand: „Weg mit Langner!“ So etwas zehrt. Kein Wunder, dass er jetzt aufhören will!

„Jeder ist ersetzbar“. Wenn ich das schon höre! Eine hilflose Durchhalteparole der zurückgebliebenen Ratlosen. „Jeder ist zu ersetzen“. Es fällt ja auch niemandem auf, welch ein Unsinn hier mit dem Gestus jahrhundertealter Erfahrung abgesondert wird. Die Weisheit besteht schlicht darin, dass tatsächlich jeder irgendwann einmal ersetzt werden musste. Ob der Ersatzspieler dann allerdings einen gleichwertigen Ersatz abgeben konnte… Diese Frage hat man – der Höflichkeit oder der Machtergebenheit geschuldet – diskret unter den Tisch fallen lassen. Im Fußball heißen die Ersatzspieler heutzutage gar nicht mehr Ersatzspieler, sondern Ergänzungsspieler. Als ob, wenn irgend so eine Krampe zehn Minuten vor Schluss doch noch auflaufen darf, plötzlich zwölf statt elf Leute gegen den drohenden Abstieg ankicken dürften! „Jeder ist zu ersetzen“, d.h. eben nicht „Jeder ist ersetzbar“, sondern „Jeder muss ersetzt werden“.

Irgendwie. Man kann nur einen nehmen, der – warum auch immer – zur Verfügung steht. Oder konnte etwa Jesus durch Petrus auch nur halbwegs gleichwertig ersetzt werden? Durch diesen Feigling, der unseren Herrn verleugnet hatte, noch bevor der Hahn dreimal krähen konnte?! War Erhard ein adäquater Ersatz für Adenauer? Warum wurde er dann gegen Kiesinger ausgetauscht? Konnte Helmut Schön die Lücke schließen, die Sepp Herberger hinterlassen hatte? Sagt ihnen der Name Jupp Derwall noch etwas? Wissen Sie noch, wofür der unvergessene Dieter Hildebrandt die Maßeineinheit „ein Derwall“ eingeführt hatte? „Jeder ist ersetzbar“ – ein Hohn! Scheuen Sie sich nicht, lieber Peter Langner, laut dazwischen zu rufen „Nein, ich nicht!“, wenn sich irgendjemand im Zusammenhang mit Ihrer Person, mit ihrer Persönlichkeit (!) erdreisten sollte, diese verunglückte Musterreden-„Weisheit“ zum Vortrage zu bringen!

„Langner könnte noch mindestens bis Herbst 2018 Kämmerer bleiben, durch Sonderregelungen sogar für drei weitere Jahre. Doch Langner…“ – …mag nicht mehr. Er findet: „Sie werden in der Region keinen Kämmerer finden, der mehr Dienstjahre auf dem Buckel hat. Ich bin Lichtjahre von dem nächsten Dienst-ältesten entfernt.“ Grund genug – und dann noch der ganze Stress, immer den Sündenbock hergeben müssen. Außerdem ist der Kämmerer schon 63 Jahre alt. Man kann den Mann verstehen; aber manmuss auch Duisburg verstehen. Einen Peter Langner „ersetzen“ – wie soll das gehen?! Lasst uns für ihn kämpfen! „Die Wiederwahl steht … zwischen Mitte Juli und Mitte Oktober an. Laut der Gemeindeordnung wäre Langner verpflichtet, eine zweite Wiederwahl anzunehmen. Schlägt ihn dafür aber niemand vor, gerät er auch nicht unter Zugzwang.“ Doch es gibt so viele Fraktionen im Rat. Zumindest eine wird sich doch wohl für diesen Unersetzlichen stark machen.

(Alle Zitate aus Ingo Blazejewski: „Warum Duisburgs Kämmerer nicht wiedergewählt werden will“, NRZ Duisburg vom 30. Mai 2015)

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