Berufsverbot bei Depression – Alles paletti, Leute?

Auszug aus einem Bericht eines – zugegebenermaßen nicht mehr ganz so jungen – Minnesängers, der darüber klagt, sein Glück (noch?) nicht gefunden zu haben:

Ob im Underground von Wien

Fesche Mädels auf den Knien

Überall bin ich ’n bisschen traurig

Oder sogar im Himalaja

Der Erleuchtung schon so nah

immer bin ich irgendwie so traurig

Ich weiß nicht, warum ich nicht so richtig happy bin

Und nach ’ner Weile kommt’s mir wieder in den Sinn

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Es soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren, zu welchen selbstdiagnostischen Einsichten der „ein bisschen“ Traurige meint, gekommen zu sein. Wir halten hier einfach mal fest, dass es auch in scheinbar wunderschönen Lebenslagen (hier: Notfallsitzgelegenheit bzw. Erleuchtungsnähe) tief in der Seele eines Menschen ganz anders aussehen kann. Nämlich dunkel, vielleicht sogar: zappenduster. Muss nicht, kann aber, man weiß es halt nie so genau. Aber wenn, dann ist schlecht. Ich zitiere aus einem anderen Lied, etwa zeitgleich verfasst von einem Standesgenossen des Minnesängers: „Das Leben kann unendlich beschissen sein, das weiß ich.“ Klare Worte. Keine Spur von dieser oberflächlichen Flapsigkeit, von dieser relativierenden Ratlosigkeit, mit der der eingangs zitierte Dichter seinen Weltschmerz zu verdrängen versucht, stattdessen: brutalstmögliche Aufklärung. „Wir sind voll von Depressionen.“

Das ist nicht schön. Es ist furchtbar, aber es geht – sollte man meinen. Wenn, ja wenn… – es nicht in bestimmten Einzelfällen bedauerlicherweise so wäre, dass es eben nicht geht. Und dann, aber auch nurdann, tritt der Fall ein, den der von uns als zweites zitierte Dichter – wieder einmal: in schonungsloser Deutlichkeit – so darstellt: „Depressionen, mmmh, die können unendlich gefährlich sein.“ Muss nicht, kann aber, man weiß es halt nie so genau. Aber wenn, dann ist schlecht. Und deshalb, und zwar nurdeshalb, heißt es jetzt: Wachsam Sein! Da bitte ich Sie wirklich um Verständnis. Ich habe zwar so ganz allgemein, was jetzt – sagen wir mal – Sie betrifft, keinerlei so ganz konkrete Anhaltspunkte bezüglich – sagen wir mal – Depressionen oder so… Doch allein schon die Tatsache, dass Sie diesen Artikel zumindest mal bis hierher am lesen dran sind… – also mal unter uns: normal ist das doch nicht!

Würden Sie selbst sich eigentlich als „depressiv“ bezeichnen? Oder, einmal anders gefragt: hatten Sie in der Vergangenheit irgendwann einmal eine depressive Episode? Jetzt antworten Sie aber nicht „nee, nie“! Das wäre nämlich auch ein bisschen meschugge. – Aha, ich verstehe: Depressionen keine, dafür aber hin und wieder einen Burn-Out. Ätsch, das ist aber falsch. Das Burn-Out-Syndrom ist nämlich dieVorstufe zu einer Depression, so dass Sie zwar noch (!) nicht unendlich gefährlich sind, aber wahr-scheinlich demnächst. Muss nicht, kann aber, man weiß es halt nie so genau. Aber wenn, dann ist schlecht. Für Sie, sowieso; das ist aber egal. Aber leider Gottes auch und gerade für Andere, weshalb Sie gewiss Verständnis dafür haben, dass ein Berufsverbot gegen Sie oder – sagen wir mal besser – für Sie „denkbar“ ist. Das ist ja letztlich, wenn Sie mal drüber nachdenken, auch in Ihrem eigenen Interesse. Oder etwa nicht?

Sie wollen sich doch nicht gefährden. Wir wollen nicht, dass Sie Andere gefährden. Alles paletti. „Wir“ – das sind 58 Prozent der Deutschen. Keine Sorge: das betrifft Sie nur, wenn Sie in einem „sensiblen Beruf“ arbeiten. Wenn das, was Sie machen, sowieso scheißegal ist, können Sie das gern weiter tun. Wenn nicht, auch nicht so schlimm: Ihr Beruf wird Ihnen ja nicht aberkannt. Sie dürfen ihn bloß nur nicht mehr ausüben. Das wäre alles. Wie gesagt: 58 Prozent sind dafür, 32 Prozent dagegen. Das hat jetzt eine Emnid-Umfrage ergeben – 1000 Teilnehmer, absolut repräsentativ, ist jetzt nun mal so. Kein Grund, in Depressionen zu verfallen. Im Gegenteil: am besten lassen Sie das! Vielleicht dürfen Sie dann ja weiter arbeiten. Mal sehen. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat, und deshalb hat der Joachim Herrmann – das ist der bayrische Innenminister – dem Focus ausdrücklich gesagt, Voraussetzung sei eine „sorgfältige medizinische Begutachtung“.

Also Voraussetzung eines Berufsverbots für Menschen mit Depressionen – ja, worüber reden wir denn die ganze Zeit?! Folglich werden wir uns ihren Burn-Out erst noch einmal sorgfältig ansehen. Medizinisch begutachten, verstehen Sie? Das ist Ihre Chance! Und sonst? So mit der Familie, den Kindern, den Eltern und alles. Alles im Lack? Ja, der Joachim Herrmann. Der ist von der CSU, ein Spitzentyp. Christlich und so. Der hat ganz gestimmt keine Depression oder so etwas. Da können Sie Gift drauf nehmen! Der Joachim Herrmann – ja, wie soll ich sagen? Der ist irgendwie selig. So selig, wie es uns schon der Evangelist Johannes in Kapitel 20 im 29. Vers verkündet hatte. Oder noch treffender: Matthäus, Kapitel 5, Vers 3. Sagen wir mal so: der Joachim Herrmann, für eine Depression wäre der gar nicht der Typ. Dem fehlt einfach das Zeug zu sowas. Der ist mit sich im Reinen, ich bin mit ihm im Reinen, alles paletti.

Was mich so ein bisschen traurig macht, ist, dass der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach denselben Quatsch erzählt wie der Herrmann Joachim. Der jedoch hat richtig Ahnung, der Lauterbach Karl. Der ist Doktor und Professor und so weiter… – in Medizin. Natürlich in Medizin – ja worüber reden wir denn die ganze Zeit?! Und dann sagt der, der Karl: „Bei bestimmten Formen der Depression könnte ein Berufsverbot unter bestimmten Umständen notwendig sein.“ Halleluja Bestimmt könnte bei bestimmten Formen… – was für ein Gelaber! Der ist doch eigentlich gar nicht der Typ für sowas. Ich mache mir größte Sorgen: da stimmt doch etwas nicht. Ganz bestimmt nicht. Nicht, dass der Lauterbach… – wie unselig! Vielleicht ist er aber auch einfach nur ein bisschen überarbeitet. Einfach nicht so gut drauf. Muss nicht, kann aber, man weiß es halt nie so genau. Aber auf jeden Fall hätte er das Zeug dazu. Und wenn, dann ist schlecht.

 

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