Und immer die Erinnerung …

Etti Ruhöfer

Wieder ein Montag. Wie immer ist der Bus überfüllt, Mein Weg zur Arbeit. Wenn ich nicht gerade lese, füllen sich meine Gedanken mit Erinnerungen – mit solchen von der Kriegszeit und der Zeit danach. Sie säumen meinen täglichen Weg.

Die schöne alte Salvatorkirche. Sie hat immer noch keinen neuen Turm. In einer Bombennacht sah ich ihn brennen. Gegen den schwarzen Himmel sah er aus wie ein Riese, der mit dem Feuer kämpfte – der kämpfte, aufgab und in sich zusammen stürzte

Ein paar hundert Meter weiter erinnere ich mich an viele schwarze Kreuze mit weißer Aufschrift: „Hier ruht ein unbekannter Russe“ Man hatte sie gleich nach dem Krieg aufgestellt. In Reih- und Glied standen sie auf der Wiese vor dem Theater, anklagend, mahnend.

Gleich hinter der Haltestelle Bahnhof-Ost wird meine Erinnerung noch lebendiger. Hier, ganz in der Nähe, sollte ich das Erwachsenwerden lernen. Ich sollte erwachsen werden und hatte doch kaum Gelegenheit gehabt, ein richtiges Kind zu sein. Pflichtjahr hieß die erste Etappe zum Ernst des Lebens.

Kopie von BerlinWas für ein Glück, dass es mich in einen katholischen von Nonnen geleiteten Kindergarten, verschlagen hatte. Dort fühlte ich mich sehr wohl – einfach dazugehörig. Die mir plötzlich erteilte Aufgabe mit Verantwortung für die Kleinen machte mich stolz, spornte mich an. Die Schwestern schätzten meinen Arbeitseifer. Sie hätten mir den Weg des Erwachsenwerdens leicht gemacht, wären da nicht die Bombenangriffe gewesen… Mich fröstelt wenn ich an den Oktober/44 denke. Drei Angriffe in vierundzwanzig Stunden, machten vieles zunichte. Da der Bahnhof ein bevorzugtes Ziel war, fielen in dessen Umkreis die meisten Bomben.

Und schon sind auch wieder die Geräusche von damals in meinem Kopf – in der Luft das Brummen der Flugzeuge, das Pfeifen der Bomben, die Einschläge ringsherum, das Beten der Nonnen im Keller, lauter und flehender nach jedem Bombeneinschlag. Ich hörte und spürte die schreienden Kinder, die an mir hingen – an mir, einer kaum fünfzehnjährigen, der selbst vor Angst zum Schreien zumute war, die aber entschlossen versuchte, den Kindern Trost zu geben, weil die Nonnen nichts anderes taten, als auf den Knien Gott um Schutz zu bitten. Jede Detonation ließ das Haus erzittern. Putz fiel von Decken und Wänden. Staub machte die Luft zum Ersticken dick, und die schwarzen Hauben und Gewänder der Nonnen weiß.

Irgendwann heulten die Sirenen Entwarnung. Ich rannte nach Hause. Auf dem großen Platz vor dem Kindergarten, den ich überqueren musste, war ein Bombentrichter neben dem anderen, rauf und runter ging es, weiter über Straßen voller Schutt, vorbei an zerstörten und brennenden Häusern. Auch mein Zuhause brannte, konnte aber von den Bewohnern gelöscht werde. Am anderen Tag war der Platz vor dem Kindergarten weiträumig abgesperrt – Blindgänger mussten entschärft werden. Hatte ein Schutzengel mich über diesen Platz geführt?

An der nächsten Haltestelle muss ich aussteigen. Heute ist mein letzter Arbeitstag. ich werde Abschied nehmen von meinem Berufsleben, von liebgewonnenen Menschen von einem liebgewonnenen Platz. Ich werde Abschied nehmen um einen neuen – meinen letzten Lebensabschnitt zu beginnen…

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