„Totlast“ überfordert Duisburg

Gregor Schneider: Totlast – ruhrtriennale.de

Für die Ruhrtrienale 2014 war eine Kunstinstallation von Gregor Schneider im Lehmbruck-Museum vorgesehen. Seit November 2013 wurden zwischen dem Team der Ruhrtriennale und des Museums, dem Künstler und dem Bauordnungsamt sowie weiteren Behörden der Stadt regelmäßig und konstruktiv Gespräche geführt, um rechtzeitig alle geforderten und notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu erörtern und einzuplanen. Durch vielfaches Entgegenkommen des Künstlers war letztendlich allen Vorgaben des Bauordnungsamtes vollumfänglich entsprochen worden.

Geplant war für die erste Zusammenarbeit der Ruhrtriennale mit dem Duisburger Museum eine begehbare, raumgreifende Skulptur mit dem Titel totlast, in der die Besucher einzeln durch Röhrengänge verschiedene Räume im und um das Lehmbruck Museum betreten können. Oberbürgermeister Sören Link teilte dem Intendanten der Ruhrtriennale, Heiner Goebbels, vor kurzem telefonisch mit, dass das Kunstwerk ungeachtet weiterer Prüfungen durch das Bauordnungsamt zum jetzigen Zeitpunkt nicht in die Stadt passe. Der Künstler, das künstlerische Team der Ruhrtriennale und das Museum kritisieren diesen Vorgang.

Es stellt sich die Frage, ob bereits der Titel eines Kunstwerks die Emotionen „zum jetzigen Zeitpunkt“ in Duisburg überstrapaziert, eventuell weil man sich eine lokalbedingte assoziative Verknüpfung dieses Titels mit der Lage der Stadt nicht leisten könnte? Wie schlimm müsste es unter Sören Link um Duisburg stehen?

21 thoughts on “„Totlast“ überfordert Duisburg

  1. Was genau gefällt dem OB an diesem Projekt denn nicht? Der Name? Die Ausführung? Beides in Kombination? Hat noch jemand im Rathaus ein Problem damit? Hat OB Link jetzt nur seine persönliche Meinung geäußert oder will er das Projekt stoppen?

      • Das hatte ich befürchtet. Ein Kunstprojekt zu stoppen, nur weil es möglicherweise unangenehme Assoziationen weckt, hat einen ganz üblen Beigeschmack. Nach Zensur. Nach Schere im Kopf.

        Die Aufgabe von Kunst ist es unter anderem, Emotionen zu provozieren. Wenn die Besucher/Betrachter sein Werk in der Luft zerreissen, damit kann und muss ein Künstler leben. Das gehört dazu. Aber vorauseilend eine Kunstinstallation zu verbieten, weil sie „derzeit nicht passt“… siehe oben.

        Auf Basis welcher Datenlage hat der OB entschieden? Wurde eine entsprechende Expertise dazu eingeholt? Egal wie alt man wird, es gibt immer jemanden der weiß, was gut für einen ist.

  2. „…dass das Kunstwerk ungeachtet weiterer Prüfungen durch das Bauordnungsamt zum jetzigen Zeitpunkt nicht in die Stadt passe.“

    Befindet das unser OB-Lehrling etwa im Alleingang, der nur mit minimaler Mehrheit zum OB gewählt wurde, weil kaum ein Duisburger ihn oder Lehnsdorf als OB akzeptieren wollte? Hat das Kuratorium des Lehmbruck-Museums und der Rat der Stadt kein Mitspracherecht mehr?
    Ein weiteres Mahnmal zur LoPa passt zu JEDER Zeit in die Stadt. Ich wünschte, es würde zeitnah realisiert, um den politisch Verantwortlichen ihre SCHULD – jenseits der Justiz – tagtäglich vor Augen zu führen. Das Projekt darf nicht an EINEM EINZIGEN Mann scheitern, der versehentlich zum OB gewählt wurde. „zum jetzigen Zeitpunkt nicht in die Stadt passe…“ „Die Stadt“ sind wir, die Duisburger und nicht allein Link und UNS hat niemand nach unserer Meinung dazu gefragt.
    Daumen rauf für die „Totlast“, Daumen runter für „Nero“-Link.

  3. Antonia Colloni Di, 08 Jul 2014 at 12:34:45 -

    Da ruft man nach einem verantwortungsvollen OB, der schläft aufgrund seines Gewissens schlecht (und stellt es dadurch unter Beweis), und dann das. Dabei hatte man doch ausreichend geschimpft auf „Metropole Ruhr“, auf Ruhr.2010, auf Leuchtturmprojekte, und als sei dieses ruhrtriennalische was anderes als „Kulturmetropole Ruhr“ – nein, es ist genau das und zwar eine GmbH.

    Wenn ein Kunstwerk „Totlast“ heißt, dann kann man sicher sein, dass es keine 1:1-Bedeutung hat. Wenn man sich in Gelsenkrichen dafür Duisburg ausgesucht hat und eben nicht z.B. Essen (Folkwang) dann kann man ebenso sicher sein, dass es auch dafür tieferliegende Gründe hat, und diese Gründe sind genau dort zu suchen, die OB Link nun ernsthaft zweifeln ließen, und das macht ihn nicht zum Daddy oder zum Nero, sondern zu einem Entscheider mit Bedacht, denn klar hatte man sich in dieser „Kulturmetropole“ kirchturmfern gegen einen kleinen OB entschieden gehabt, aber der hat nun mal das letzte Wort.

    Was ist also gegen Links Versuch, sich diesem zusätzlichen totlastigen Image zu wehren?

  4. Antonia Colloni Di, 08 Jul 2014 at 12:48:10 -

    Zusatz zum letzten Satz: …, einzuwenden?

    Und wenn nun Kunst- und Kulturinteressierte das Erlebnis des 24.7.2010 in überhöhter (bzw. erniedrigter) Form nachzuempfinden verlngen, dann kann man denen nur sagen, dies innerhalb eines künstlerischen Werkes tun zu wollen oder anzunehmen es innerhalb eines solchen zu können, ist eine klaustrophobische Wahnvorstellung, denn die möglicher Weise biographisch initiierten Kunstwerke des Gregor Schneiders haben mit der Enge und Dichte, wie sie am 24.7.2010 in Duisburg tatsächlich existierten nicht das Geringste zu tun.

    Daher sollten dessen eigenen etwaigen Kindheitstraumata nicht mit denen, die man sich vor vier Jahren in Duisburg auszusetzen hatte, vermischt werden, denn so werden diese lediglich künstlerisch umgedeutet und überlagert und dem eigentlichen Geschehen nicht gerecht. Womit einzig und allein die Frage bestehen bleiben würde, ob Duisburg eine Stadt der Enge, der Verwirrung und der Desorientierung ist, war und auf immer sein wird (Gesetz des Karmas) , und mit dieser Frage zurück nach Gelsenkrichen.

    Man sollte das entscheidende Gremium dort aber vor allem einmal fragen, was sie dazu bewogen hatte, sich ausgerechnet die Stadt Duisburg als Austragungs- und Spielort auszusuchen, was sie mit ihr assoziieren, und was sie damit (Totlast) zu bezwecken gedachten?

  5. Ich erkenne nicht, was das Kunstwerk – sähe man vom Titel ab – mit der ‚Love Parade 2010‘ zu tun haben könnte. Die im Tunnel und den Zugängen ausgebrochene Massenpanik steht in keinem Verhältnis zu dem fraglichen Werk. Eher hätte der Tunnel abgerissen und sämtliche U-Bahn-Schächte in der Stadt geschlossen werden müssen, als das Kunstwerk mit einer fragwürdigen Assoziation willkürlich zu belasten. Interpretieren ließe sich dieser Akt lediglich als Aussetzer, der politisch kaum zu verzeihen ist.

  6. Antonia Colloni Mi, 09 Jul 2014 at 21:26:42 -

    Der Künstler sagt es selbst, er habe sich bewusst für „eine schwierige Stadt“ entschieden, und damit bezieht er sich selbstverständlich auf die Lofe Parade-Morde. So wie auch schon für Madrid, wo es ja auch ein Attentat gegeben hatte. Sein Argument ist, dass in Madrid keine Panik beim Kontakt mit seinem Kunstwerk ausgebrochen wäre, warum dann also in Duisburg und dass es in DU ja auch Röhren sein sollten. Und ganz sicher nimmt der Künstler Bezug auf dieses Verbrechen, der Titel sagt schließlich alles. Die Assoziationen Enge, Verwirrung Beklemmung, Desorientierung, klaustrophobische Ängste werden vom Künstler vorgegeben.

    • >>… und damit bezieht er sich selbstverständlich auf die Lofe Parade-Morde.<<

      Die Verantwortlichen für diese Katastrophe stehen zu Recht unter massiver Kritik. Aber die Todesfälle jetzt als "Morde" zu betiteln ist schon ziemlich harter Tobak!

      Was die Tunnelinstallation betrifft: Selbst wenn sich der Künstler explizit auf das LoPa-Desaster bezogen hätte, wäre die Realisierung im Museum noch immer angebracht gewesen. Woher weiß der OB, dass es nicht eine Vielzahl von Menschen gibt, die sich ganz bewußt dem Einfluß der Röhrenkonstruktion aussetzen wollen? Niemand würde unabsichtlich in das Kunstwerk stolpern. Niemand wird gezwungen, sich einer emotionalen Herausforderung zu stellen. Wer will, kann sich das Konstrukt auch von außen anschauen und dabei ganz entspannt ein Eis schlecken.

  7. Sie verstehen meinen Einwand nicht. Dass Ausbrüche von Panik während der Präsentation unwahrscheinlich sind, hängt damit zusammen, dass es keinen Grund dafür gibt. Enge Räume gehören in Städten zum Alltag, ob in den von mir oben aufgeführten Räumen oder in Fahrstühlen … Dies macht den Unterschied zu jener Massenpanik bei der LP aus. Die Situationen sind nicht vergleichbar, was immer an interpretatorischer Erläuterung zum Kunstwerk gegeben wird. Wenn dem aber so ist, dann bleibt dem OB bloß der Titel des Werks, und dies ist äußerst wenig …

    • Antonia Colloni Do, 10 Jul 2014 at 10:10:19 -

      Sie sehen das zu kurzsichtig. Sie können den Ruf von „Totlast“ für Duisburg nicht retten, indem sie auf die Freiwilligkeit der Rezipienten und auf die mögliche Harmlosigkeit des in ihm Erlebten verweisen. Sie sollten die Standort- und Eventpolitik des Ruhrgebietes begreifen und sehen, dass auch die das Ranking nicht positiv beeinflussen würde. Es ist nicht avangardistisch, Duisburg mit diesem Werk zu belasten, es ist geschmacklos. Zu Venedig mag das passen, an den Unort der s.g. Loveparade-Katastrophe nicht.

      Es muss erst einmal geschafft werden, vernünftige Politik im Ruhrgebiet zu machen, sich den Problemen zu stellen, die für Duisburg lauten: Haushaltsnotsperre, Bandidos, Hells Angels, Satadurahs, Frauenhandel, (illegale) Prostitution auch unter Zwang/auch von Kindern und Jugendlichen, NPD, Pro NRW, Roma, auch als halbillegale Werkvertragler im städtisch geführten Fleischverarbeitungsbetrieb, Giftmüllaltlasten hier und da, Armut, Jugendarbeitslosigkeit und -kriminalität, Kindesmisshandlungen, Verwahrlosung, Bildungsferne, Islamisten, Drogenhandel, Mafia (Frauen, Drogen, Waffen, Baubranche), Korruptionsaltlasten von Sauerland, Greulich u.a., eine LoPa-Gedenkstätte, die eine Kultstätte für Rechtsradikale/-extremisten ist, sich nicht als Stadt am Rhein zu stilisieren und nach Düsseldorf zu schielen, auch wenn der Süden an Angermund und an deren reichen Norden grenzt, Umweltprobleme, rechtsfreie Räume und und und.

      Die Frage ist auch, wie autonom ist OB Link, wie viel hört er auf den Duisburger Ältestenrat, auf Jäger, wie viel Plan hat er, wie sehr wurde und wird er instrumentalisiert?

      • Ach je … das Werk belastet doch gar nicht. Womit? Und dann verlieren sie sich in vielen großstadttypischen Einzelheiten … Um es separat zu erwähnen, das größte Problem im Ruhrgebiet ist Arbeitslosigkeit – aber deshalb auf Kunst verzichten?

        • Antonia Colloni Do, 10 Jul 2014 at 17:46:45 -

          Ich verstehe Ihr Bedürfnis nach Kunst in Duisburg.
          Das Werk würde die Außenwirkung empfindlich belasten, zusätzlich und unnötig,
          Dieses Werk würde weder Geschehenes ungeschehen machen noch Unheil heilen helfen.
          Diese Stadt ist keine Großstadt, nur weil sie über mehr als 100.000 Einwohner verfügt.
          Eine Großstadt ist was anderes und gelingt, wenn überhaupt, im Ruhrgebiet nur in Essen, Bochum und Dortmund.
          Dass das größte Problem des Ruhrgebietes Arbeitslosigkeit ist mag stimmen.
          Und Ihre Enttäuschung darüber, auf Kunst zu verzichten, ist nachvollziehbar.
          Meine Empfehlung: Nutzen, genießen, konsumieren Sie dort Kunst, wo es sie gibt, vielleicht hier und da in „Ihrem“ Pott, oder schlimmstenfalls in Düsseldorf 😉

      • Verwirrung…

        Was haben denn die ganzen lokalpolitischen Probleme Duisburgs mit der Kunstinstallation zu tun? Jetzt interpretieren Sie aber das geballte Leiden der Stadt dort hinein.

        Bringen wir es mal auf den Punkt. Sie lehnen diese Kunstinstallation ab und werden sie auch nicht als BesucherIn betrachten/begehen. Das ist Ihre ganz persönliche Überzeugung und sie bleibt Ihnen unbenommen. Das bedeute aber nicht, Ihre Überzeugung als Imperativ an alle anderen Menschen in dieser Stadt und von außerhalb anzuwenden. Wann immer ich ins Lehmbruck Museum gehe, finde ich dort Exponate, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Trotzdem verlange ich nicht, dass dieses „herumstehende Zeugs entrümpelt“ wird.

        Die Tunnelinstallation von Gregor Schneider ist zunächst nur ein Haufen Material, dass im und am Museum aufgebaut wird. Erst durch die Menschen, die sich damit beschäftigen, wird daraus sowas wie Kunst. Und jetzt erschrecken Sie bitte nicht, aber dass wir hier darüber diskutieren ist bereits eine der Wirkungen, die so ein Kunstwerk erzeugen kann. Genau das ist die Aufgabe von Kunst.

        • Antonia Colloni Do, 10 Jul 2014 at 17:50:28 -

          Ich würde sagen, das ist die Aufgabe eines Diskurses.
          Vielleicht versuchen ja Link und die Seinen ein weiteres böses Omen abzuwenden.
          HUnd hieße das nicht ausgerechnet „Totlast“ hätte man es u.U. ja realisiert.
          Ich kann das verstehen nach all den Jahren fehlender Sensibilität.

          • Die Aufgabe von Kunst ist es, im Idealfall einen Duskurs zu initiieren. Genau das ist in unserem Fall geschehen.

            Ein böses Omen ist ein negatives Vorzeichen, eine Warnung. Soll das heißen, der Bau dieses Tunnelobjektes würde eine weitere Katastrophe heraufbeschwören? Im Ernst?

            Wenn es nur am Namen liegt, existiert das Problem nur im Kopf von unserem OB. Totlast wird zum Beispiel auch als Fachbegriff in der Hebetechnik und der Raumfahrt verwendet. Es deutet nicht zwangsläufig auf die Loveparade-Katastrophe hin.

            Wem genau unterstellen Sie fehlende Sensibilität?

            BTW: In Ihrer Antwort um 17:46 auf ein Posting von Reinhard Matern ziehen Sie ganz Duisburg und seine Bürger in den Dreck. Hätten Sie diesen Text gleich zu Beginn gepostet, hätte ich mir diese Diskussion ersparen können. Gute Nacht.

  8. Ich habe es bereits im Kontext der Petition geäußert: Meinem Eindruck nach hat das Kunstwerk inzwischen ‘seinen Ort’ in Duisburg gefunden: nicht in Richtung LP, sondern in der Enge und Borniertheit geistiger Horizonte!