Evolution und Vergeblichkeit

Es ist gar nicht lange her, da lebten im Ruhrgebiet noch Neandertaler. Ich weiß zwar nicht, wie die Gegend unter ihnen damals hieß, auch sind die Verwandschaftsverhältnisse zu uns eher gering, sie hatten größere Gehirne, einen robusteren Körperbau, waren uns praktisch in allen Belangen überlegen, und doch starben sie aus, je nach dem für wie alt man ihre übrig gebliebenen Knochen an den verschiedenen Fundorten hält, eventuell noch bevor heute typische Menschen in Europa anzutreffen waren.

Straßenhund – Wikimedia

Straßenhund – Wikimedia

Dieses Aussterben gibt Forschern Rätsel auf. Geschichtliche Prozesse wurden in früheren Jahrhunderten durch das Wirken einer göttlichen Vorsehung erläutert, jedoch nicht kausal erklärt. Weil verstehen, das war der große Vorteil dieses Glaubens, ließe sich eine solche Vorsehung kaum. Zwar könnte man anmahnen, dass von Neandertalern keine Geister-, Götterfiguren oder -bildnisse überliefert sind, ja nicht einmal Kunst, dass die göttliche Vorsehung deshalb den Ungläubigen den Garaus machte, doch würde man dabei Theologie und Wissenschaft auf ein unheilvolle Art und Weise vermischen, aus dem vorgeschichtlichen Problem ein religiöses Rätselspiel machen. Heutige Menschen waren oft damit überfordert, ihr Unwissen einzugestehen. Man erfand geheimnisvolle Rätsel und schmückte sie adrett aus!

Die in heutigen Zeiten oft angeführte Evolution weist ganz ähnliche Züge wie jene Vorsehung auf: Die Evolution machte den Neandertalern den Garaus! Weil, so müsste man mit Darwin argumentieren, sie nicht fit genug waren? Absurd, berücksichtigt man, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, im Gegenteil: Die konnten riesige Mammuts nach Hause bringen! Da hätten wir nur staunen können. Aber vielleicht lässt sich ‘fit’ ein bisschen anpassen, je nach Bedarf. Dies macht Worte ‘Evolution’ zu einem hervorragenden Werkzeug unserer Fantasie. Wir biegen sie uns so zu Recht, wie wir sie brauchen, am besten als einen allgemeinen, aber verschieden spezifizierbaren Anpassungsprozess. Konkret fluppt das natürlich immer. Man muss nur tüchtig genug biegen! Also die Neandertaler starben aus, weil sie ein solches Hin- und Rumbiegen als lächerlich empfunden hätten?

Religion und Kunst haben aber noch nicht ausgedient. Traditionell werden diese Betätigungen unter Forschern immer noch als hochgeistig eingestuft, auch wenn man persönlich damit kaum etwas anfangen kann. Als Vergleich dienen die frühen Hinterlassenschaften heutiger Menschen, Höhlenfiguren und -bilder. Dass es sich zumindest um Kunst handelt, sei leicht zu sehen! Als man, so verrückt dies beim ersten Lesen auch klingen mag, einem australischen Aboriginal eine alte Höhlenmalerei in der Sahara zeigte, sprach dieser nicht von Kunst, sondern von Nahrung! Nicht Höhlenreligion und -kunst, sondern eine Höhlenschule eröffnete sich. Dass die Tafelwände in einigen Fällen angeblasen, beschmiert und verkleckst blieben, dies kann auch heute noch geschehen! Ob die Frühmenschen ein Wort ‘Kunst’ verstanden hätten, ist völlig ungewiss.

Sieht man von kulturellen Projektionen ab, Projektion, so mein Eindruck, ist die zentrale Kulturtechnik, bleibt immer noch die klassische Fortpflanzung als Paradebeispiel einer demonstrierbaren Fitness! In der jüngeren Genforschung macht man sich inzwischen Gedanken darüber, ob Homo Sapiens, also wir, ein “Spross diverser Mesalliancen”, wie in der Zeit hervorgehoben wird, unter verschiedenen Frühmenschenarten ist bzw. sind, also das Resultat einer interbiologisch ziemlich verfickten Gesellschaft, gleichsam ein übriggebliebener Straßenköter der menschlichen Evolution!

Wenn es gar keine hochtrabende biologische Evolution gab noch gibt? Nur zufällige Mutationen und genetische Cocktails, von denen einige übrigblieben und -bleiben?! Wenn es keinen evolutionären Prozess gibt, der Sinnersatz versprechen könnte, lediglich einen Prozess, in dem mal dieses oder jenes begünstigt war, aufgrund der Umstände und Bedingungen, mehr nicht?! Ist mit der Evolution nur ein weiteres religiös anmutendes Rätsel erschaffen worden, um triumphlos triumphieren zu können?

Mit einem Infragestellen sinnerfüllter biologischer Evolution ist aber eine soziale noch nicht ausgeräumt. Ein Sinnersatz ließe sich mittels jener volkstümlichen Fantasie weitaus leichter auf gesellschaftliche Entwicklungen beziehen, denn auf biologische Prozesse. Dies erleichtert sogar die Handhabe. Wird ein Wort ‘Evolution’ von der Biologie in eine andere Wissenschaft übertragen, dann entsteht eine Metapher. Und der Bezug ändert sich merklich. Erweist sich aber der biologische Bezug als unzureichend, muss dies keineswegs auch für den sozialen der Metapher bzw. der Metaphern gelten. Um es kurz zu machen: ‘Evolution’ ist zu einem Modelaut geworden, nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch in den heutigen Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Die Bandbreite der verschiedenen Wortbezüge ist schier unermesslich. Sie reicht in NRW von einem politischen Anstoß zur Schaffung von Gemeinschaftsschulen bis zu einer lobbyistisch befürworteten Elitenauslese, nach der die Sintflut kommen kann. Es lohnt einfach nicht … Geschwätz … Lasst es doch bleiben.

Den Lobbyisten für Elite und Exzellenz geht es freilich nicht um Worte bzw. Begriffe. Mit Top-Auswahlen lässt sich die Psyche federleicht plustern, ist hervorragend Marketing zu machen, werden Finanzkonzentrationen möglich, eventuell Steuern mittelfristig reduzierbar und die privaten Einflüsse auf Bildung, Forschung und Politik größer. Um eine jeweilige Sache geht es dabei weniger, vielmehr um Popularität, und diese zeigt sich wissenschaftlich z.B. an einer Zitierhäufigkeit und Verwertbarkeit, wirtschaftlich am Markterfolg.

Die aus Konzernen übertragene Sichtweise auf politische Gestaltungsfragen geht jedoch am Wohl der Gesellschaft vorbei. Es fehlt sogar ein Blick dafür. Im Fall der Wirtschaft: “Sind die Vermögen in einer Gesellschaft relativ gleichmäßig verteilt, ist auch das Wachstum schneller und nachhaltiger.” Diese späte Einsicht des IWF, wie im Spiegel zu lesen ist,muss erst wieder Gehör finden. Sie beruht auf der Arbeit eines Ökonomen aus Paris, Thomas Piketty, der bislang unberücksichtigte Daten der Superreichen, die in keinen Statistiken auftauchen, in seinem Werk “Kapital im 21. Jahrhundert” mit Hilfe der Steuerbehörden integriert hat. Das Managermagazin kommentiert: “Die Kernaussage aber ist, dass seit einigen Jahrzehnten die Vermögen in allen Industrieländern deutlich stärker wachsen als die Einkommen und zudem noch erheblich stärker konzentriert sind. In den USA beziehen die reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung den Großteil ihres Einkommens aus Kapitaleinkünften. Und genau in dieser winzigen Fraktion sieht Piketty die treibende gesellschaftliche Kraft.” Wer tatsächlich Gesetztesinitiativen in den USA in Gang setzt, haben kürzlich Gilens und Page untersucht (“Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens”, PDF) , eine Studie, die im Herbst 2014 in “Perspectives on Politics” erscheinen wird: Es handelt sich um die wirtschaftliche Elite des Landes. Die Washington Post sieht sogar die Demokratie in Gefahr, spricht von einer Oligarchie! Der entstandene Sozialdarwinismus, so kann im vorliegenden Kontext angemerkt werden, ist letztlich eine Frage des Kapitals – und der familiären Erbfolge!

Wenn gesellschaftsbezogene Themen überfordern, dann sind Psychopolemiken nicht weit: Neiddebatten erhitzten immer wieder den in Deutschland präferierten Smalltalk. Solche Ablenkungsmanöver, mit denen Fragen nach Bildung und Erkenntnis, nach ökonomischen Zusammenhängen, nach ökonomisch-politischen Einflüssen, nach sozialen Folgen ausgeblendet werden, demonstrieren freilich immer wieder eine maßgebliche Triebfeder: die narzisstische Störung, ohne die ein vertretener Sozialdarwinismus gar nicht auskommen kann. Diese Wendung lässt fragen, welche Motivation zu einem gesellschaftlich relevanten Engagment führt. In der öffentlichen Diskussion sind zwei Themen vorherrschend: aus wirtschaftlichen oder aus sozialen Interessen; die Generierung von ‘Geschäftsmodellen’ und  ‘soziales Engagement’. Dass es um eine jeweilige Sache gehen könnte, das scheint unmöglich zu sein. Bringt man ein solches Interesse vor, wird oft nicht einmal verstanden, was das denn sei, ‘eine jeweilige Sache’.

Ich erläutere dies im Fall Literatur: Wenn Gedichtbände sogar von bekannten lebenden Autoren kaum eine 2000er Auflage überschreiten, häufig weit darunter liegen, wird man kaum von einem wirtschaftlichen Interesse sprechen können. Ähnliches gilt für viele Wissenschaftspublikationen. Auch Veröffentlichungen von Prosaarbeiten, die nicht einer populären, längst etablierten Form, einem Marktsegment folgen, werden kaum aus wirtschaftlichen Interessen geschrieben noch publiziert. Es bleibt nichts anderes übrig, als ein sachliches Interesse geltend zu machen: bestenfalls an einer Weiterentwicklung von Dichtung, Wissenschaft, Prosa. Gesellschaftlich wird hingegen abfällig von ‘Selbstverwirklichung’ oder gar ‘Hobby’ gesprochen. Ein sachliches Interesse und Engagment entgeht.

Demgegenüber hat sich eine Genre-Literatur ausgebildet, in Verlagen als auch unter Selfpublishern, die von Liebe, Hiebe, dürstenden Vampiren und fahlen Leichen zu berichten weiß. Dieser Kitsch gilt vielen inzwischen als professionelle Literatur! Diese Pseudo-Professionalität misst sich am Verkaufserfolg. Die Sache ist aus analytischer Sicht uninteressant, gefallen muss sie allerdings schon, um verkaufbar zu sein. Im Zentrum steht ein emotionaler Reiz, der freilich auch moderne Formen der Kasteiung und Knechtung entfalten kann. Wäre die Motivation zu einer fehlenden Sachhaltigkeit nicht weitaus angemessener als ‘Selbstverwirklichung’ zu bezeichnen, denn ein Ringen um Fragen, Antworten, um Bezüge, Einschätzungen und Kritik? Lesen lässt sich der Kitsch nur, wenn man von Literatur keine Ahnung hat! – In ähnlicher Art und Weise ließe sich über den Musikmarkt sprechen …

Das fehlende sachliche Interesse ist eng an einen Bildungsnotstand gebunden, der nicht erst mit den Bologna-Reformen entstand. Nun wird man einwenden können, dass eine Bildung in Wissenschaft, Philosophie und Künsten die Menschen schlichtweg überfordern würde, auch dann, wenn man kein modelliertes Ideal bemüht, dessen Festschreibungen eher entwicklungshemmend denn förderlich wären. Sogar formell erlangte Abschlüsse sagen nichts aus. Ich würde diese Einschätzung teilen, über alle Schichten und Bildungseinrichtungen hinweg! Doch ließe sich dieser Notstand, je nach Fall als Überforderung oder Cleverness interpretierbar, zu einem Glanz der Evolution verklären?

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Der Beitrag entstand für die Ruhrbarone.

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