Wie Maggi(e) in die Sprache kam

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Literatur ¦ Sobald es um Literatur und Sprache geht, ist ‚die Magie‘ nicht weit. Dass es sich dabei lediglich um eine Gewürzmischung handeln kann, blieb vielen verborgen.

Seit der Romantik ist eine sogenannte ‘sprachliche Magie’ für prosaische und poetische Texte reizvoll geworden, die den Ausdruck und Klang betrifft. Solche Magie-Annahmen beruhen jedoch auf Analogien, die der europäischen Ideengeschichte entlehnt sind, keineswegs einer Praxis von Gesellschaften. Novalis (Frühromatik) beschrieb sprachliche Magie als „Sympathie des Zeichens mit dem Bezeichneten“. Diese Analogiesetzung bot viel Raum, auch für Übertragungen aus bürgerlichen Okkultismen, und sie breiteten sich zunächst bis um 1900 wie eine Verschwörungsbewegung aus. Magie gewann sogar in den nächsten Jahrzehnten philosophische Relevanz, bis hin zur Konzeption eines sogenannten ‘magischen Denkens’ und eines metaphysischen Überbaus (Benjamin – Adorno). In den Geisteswissenschaften, die einer Verifizierbarkeit von Annahmen ohnehin wenig Aufmerksamkeit schenkten, Introspektion und Fantasie weitaus größere Relevanz genoss und weiterhin genießt, auch wenn dadurch lediglich je eigene Sehnsüchte und Vorlieben gautiert werden, sind die Magie-Annahmen und ihre umgangsprachlichen Ableger fester Bestandteil eines sich aufgeklärt gebenden, jedoch irrationalen Geschwätzes.

Dazu beigetragen hat – außer der Romantik –, auch eine Wissenschaft wie die Ethnologie. Den Theorien über Magie, besonders über sprachliche Magie, die vorgelegt wurden, fehlten allesamt hinreichende Bezüge. Das zentrale Problem war, beginnend mit den Präanimismustheorien, dass sie auf Übersetzungen von Sprachvorkommnissen fußten, die schlicht unangemessen waren. Der Philosoph Quine hat in “Word and Object” das typische Problem (nicht nur) von Ethnologen scharf umrissen: Worauf bezieht sich die Formulierung ‘gavagai’, die in einer fremden Gesellschaft geäußert wird, sobald ein Hase auftaucht: auf diesen Hasen, auf ein Hasenteil, auf den Hasen zu einer bestimmbaren Zeit … Eine solche sprachliche Sensibilität wurde unter Ethnologen selten eingebracht. Gleichwohl nahmen Wissenschaft und Philosophie die präsentierten Vorurteile gerne auf und verbreiten sie bis heute.

Sprachliche Magie, soweit sie beobachtet wurde, lässt sich von religiösen Kontexten, dem jeweiligen Geister- oder Ahnenglauben nicht trennen. Nicht Sympathie von Worten, wie Novalis meinte, sondern schlicht die geglaubte Abkunft von Formeln ist entscheidend, in einem solchen Maße, dass sogar Handel damit getrieben wird. Im Rahmen meiner umfangreichen Studie über die “Dialektik der Aufklärung” (Horkheimer / Adorno) sah ich mich gezwungen, (a) die möglichen Bezugnahmen zu prüfen, (b) die jeweiligen Forschungsrichtungen zu verfolgen, (c) die Thesen der Autoren nach systematischen Ansätzen zu prüfen. Erschienen ist die Arbeit unter dem Titel “Über Sprachgeschichte und Kabbala bei Horkheimer und Adorno” erstmals 1995 im Druck, seit Frühjahr 2013 ist die Studie als eBook erhältlich.

Im Rahmen meiner Ergebnisse bleibt von dem speziellen romantischen Erbe nichts weiter als eine sonderbare Gewürzmischung.

Weitere Infos beim Verlag.
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Der Betrag entstand zunächst für den Freitag.

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